Ein Schriftsteller in barbarischen Zeiten

Sprachartistische Feuerwerke: Zum 50. Todestag Heimito von Doderers, dessen Werk unter schwierigen Bedingungen entstand Von Burkhardt Gorissen

Heimito von Doderer wurde 1896 in Weidlingau bei Wien in eine wohlhabende Architekten- und Ingenieursfamilie hineingeboren. Damals herrschte noch der verehrte Dauerkaiser Franz-Josef I. und die Ritter von Doderer zählten durchaus zu den Profiteuren der k.u.k. Monarchie. Das Schriftstellergen gab es auch, die Urgroßmutter väterlicherseits war eine Halbschwester Nikolaus Lenaus. Nach dem Ersten Weltkrieg allerdings waren Monarchie und Reichtum perdu, die aristokratischen Ideale allerdings in Heimitos Kopf festgeklopft. Davon sollte er sich nie lösen. Dennoch respektiert er nicht den Wunsch der Familie, einen vernünftigen Brotberuf zu ergreifen, sondern studiert im noch immer aristokratisch geprägten Wien Geschichte und Psychologie. Die Promotion erfolgt Mitte 1925.

Als Historiker oder Psychologe sein Glück zu versuchen, kam ihm nicht in den Sinn. Im sibirischen Gefangenenlager hatte er gegen Ende des Krieges beschlossen, Schriftsteller zu werden und verfasste erste kleinere Texte, eine Auswahl daraus erschien allerdings erst posthum unter dem Titel „Die sibirische Klarheit“. Kauzig war er schon, der oft von aufdringlichem Lavendelschwaden umhüllte Millionärssohn, zu dessen Selbstinszenierung das Bogenschießen ebenso gehörte, wie eine dandyhafte Großmannsattitüde. Schon sein Name kommt nicht monosyllabisch daher, kein Hinz oder Kunz, stattdessen ein stakkatisch klingender Silbenfall, der aus einem Reimlexikon herausfällt. Von der Wortbedeutung, je nun, stammt?s aus dem Oberdeutschen „toderer“ und heißt einfach Stotterer. Sein außergewöhnlicher Vorname war der Mutter zu verdanken, die bei einem Spanienurlaub Gefallen an dem Vornamen Jaime und dessen Koseform Jaimito gefunden hatte, die sie als „Heimito“ eindeutschte. Bei so viel Sprachwitz, was konnte aus dem Jungen sonst werden?

Der Namensträger selbst jedenfalls fühlte sich als legitimer Nachfahre des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Bescheidenheit war nicht einmal chronischen Selbstverleugnern wie Hans Fallada zu eigen. Er verteidigte die Existenz von Drachen noch zu einer Zeit, als das Wünschen nicht mehr half. Gewiss, es gehört zu den Eigenheiten von Dichtern, von Übertreibungen zu leben. Bei Doderer waren es auch seine sexuellen Obsessionen. Teils homosexuell, teils sadomasochistische Schlüpfrigkeiten mit fettleibigen Frauen.

Als geborener Aristokrat fühlte er sich offenbar als „Herrenmensch“ und trat den Nazis in vorauseilendem Gehorsam im April 33 bei, fünf Jahre vor der Annexion Österreichs. Im August 1936 ließ er sich in Dachau nieder. Über das dortige Konzentrationslager verliert er kein Wort. Will ausgerechnet ein Schriftsteller, ein sensibler Meister der Wahrnehmung nicht davon gewusst haben? In Dachau erneuerte er die Parteimitgliedschaft, die österreichische NSDAP war zwischenzeitlich verboten, und stellte einen Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. Es war wohl so, dass der überaus ehrgeizige Doderer sich insgeheim erhofft hatte, dadurch ein wichtiger Autor des mächtigen Systems zu werden. Es hätte dem aristokratischen „Herrenmenschen“ durchaus gefallen, zum Establishment des Hitlerreiches zu zählen. Doch die Nazis zeigten kein großes Interesse an dem intellektuellen Tausendsassa. Sie setzten auf Massenmagie und Lichtdome, nicht auf Sprachmagie und Geistesblitze.

Am Anfang der Mord – jedenfalls am Anfang der Karriere Doderers, kein tatsächlicher, nur „Ein Mord, den jeder begeht“, so der Titel seines Erstlingsromans. Schon dort erkennbar, sein Hang zu skurrilen Typen und schrillen Handlungen, alles miteinander munter verquirlt und ausgewalzt in einer geschliffenen Sprache, die den Vergleich mit Thomas Mann nicht zu scheuen braucht.

Doderer richtete sich in seinem Doppelleben ein, funktionierte als Offizier für die Nazi-Schergen, arrangierte sich mit jener „zweiten Wirklichkeit“, die er in seinen Tagebüchern als „tendenziöse Dummheit“ runtermachte und widmete sich ansonsten akribisch seiner Schreibarbeit an der „Strudlhofstiege“ und den „Dämonen“. Keine Heldentat, gewiss. In Diktaturen, in einstmaligen und heutigen hilft es jedoch nicht zu schweigen. Aber es reicht auch nicht den Aufschrei zu wagen. Haltung zu bewahren fernab aller poetischen Kaspereien ist allein schwierig genug. In einer krachenden Diktatur sowieso. Die stampft alles, was sich über die Grasnarbe erhebt, gnadenlos in Grund und Boden. Selbst in einer Diktatur, die auf leisen Sohlen daherkommt, ist es schwierig, Haltung zu bewahren, geschweige denn zu zeigen. Der Widerstand birgt ja nicht unwiderruflich Ästhetik. Er kann auch das schreiende Pferd Guernicas sein.

Wandte er sich einfach nur wie ein enttäuschter Liebhaber von allem Weltlichen ab? Er nahm beim Jesuitenpater Ludger Born Katechumenenunterricht. 1940 erfolgte dann der Übertritt, nicht nur de facto, erst gar nicht pro forma – warum auch, der Wunsch danach saß bei ihm viel zu tief, und ein Vorteil ließ sich in einem neuheidnischen System schon gar nicht daraus schlagen. Schon vor der Konversion raffte er sich zu einer intensiven Lektüre der „Summa theologica“ auf. Gewiss wurde er kein Thomist, doch der „stummen Ochse“ sollte sein Leben beeinflussen. Jedenfalls fanden die Lehren des scholastischen Dr. Angelicus reichhaltigen Eingang in Doderers Oeuvre. Aber auf den Schrei gegen das Unrecht – wo immer es sich auch zeigt – wartet man bei ihm allerdings vergeblich. Und die NSDAP verließ er auch nicht. „Verkrötung“ nannte er 16 Jahre nach Kriegsende den Zustand, in welchem einer gleichsam auf sich selbst draufsitzt. Erkenntnisse aus einem Selbstversuch? Erst nach dem Ende der NS-Herrschaft fand er den Mut, von seinem „barbarischen Irrtum“ zu sprechen. Das wirkte nun allzu glatt und hing ihm auch zeitlebens nach. Nach Zahlung einer „Sühneabgabe“ verschwand er 1947 von der Liste der „Belasteten“. Die viel zu leichtfertig vergessene Journalistin und Autorin Hilde Spiel, und der ebenfalls viel zu leichtfertig vergessene Kritiker Hans Weigel setzten sich vehement für Doderer ein. Doch die Schuld lastet immer auf denen, die sich nicht in die Unschuld retten können.

Von Biographien hat der wortstarke Schreiber die Nachwelt verschont, auch der interviewenden Zunft war er nicht so recht zugetan. Wäre es einer zu Smartphones auf zwei Beinen mutierten Schülergeneration überhaupt noch zuzumuten, Doderers ausladende Romane zu lesen, wenn es die meisten Kritiker zu seinen Lebzeiten schon nicht taten? „Die Strudlhofstiege“ jedenfalls, sein bedeutendstes Werk, ist geprägt von sprachartistischem Feuerwerk und abseitigen Charakteren. Die Jugendstiltreppe im IX. Bezirk ist geographischer Mittelpunkt einer Beschreibung der Wiener Gesellschaft zwischen 1910 und 1925. Joyce grüßt hier mit seinem „Ulysses“, doch da reicht Doderer nicht heran. Dennoch, ein souverän geknüpfter Erzählteppich verknotet reichlich unterschiedliche Lebensstränge in eine pralle Bilderwelt und Geschichtchen in Geschichtchen. Mit zum Teil denselben Figuren setzte der nun Voyeur gewordene Autor jene österreichische „chronique scandaleuse“ fort, in dem fast 1 400 Seiten umfassenden Roman „Dämonen“ (1956), der zwar Dostojewskij heraufbeschwört, aber kaum die Kraft hat, ihn zauberisch herbeizuzitieren. Arno Schmidt übrigens lobte Heimito von Doderer explizit. Recht hat er, man sollte ihn mal wieder aus dem Bücherschrank holen. Am 23. Dezember 1966 starb von Doderer an einem zu spät behandelten Darmkrebs.