Ein Prozess mit vielen Rückschlägen

Der Nahostexperte Udo Steinbach sieht in einer Partnerschaft zwischen Arabern und Europäern die einzige Lösung für einen Wandel in Nahost. Von Clemens Mann

Zu früh gefreut: Libysche Rebellen feiern die UN-Resolution wie einen Sieg. Dabei stehen die Protestbewegungen laut dem Nahostexperten Udo Steinbach erst am Anfang eines langen Prozesses, dessen Ausgang ungewiss ist. Foto: dpa
Zu früh gefreut: Libysche Rebellen feiern die UN-Resolution wie einen Sieg. Dabei stehen die Protestbewegungen laut dem ... Foto: dpa

Despoten, für Jahrzehnte an der Macht, werden in Tunesien und Ägypten gestürzt. Kampfjets westlicher Nationen bombardieren über dem Luftraum Libyens militärische Ziele. Das saudische Königshaus entsendet Truppen nach Bahrain, um die Opposition für seine kleinen Nachbarn zu zerschlagen. Was mit der Selbstverbrennung des einfachen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in einer kleinen tunesischen Stadt begonnen hatte, breitete sich binnen weniger Monaten wie ein Flächenbrand über die ganze arabische Welt aus. Deutlicher als jemals zuvor ist der Ruf weiter Bevölkerungsteile nach Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Wohlstand zu vernehmen. Für ihre Forderungen zahlen die Menschen einen hohen Blutzoll.

Doch wohin werden die derzeitigen Geschehnisse die arabischen Länder führen? Gelingt es den Protestbewegungen, demokratische Systeme zu installieren oder droht die Errichtung fundamentalistischer Gottesherrschaften wie im Iran? Und welche Bedeutung haben die Umwälzungen für Europa sowie für den Krisenherd Israel?

Eine Prognose über die unsichere Situation in der arabischen Welt wagte der renommierte Islamwissenschaft Udo Steinbach am Montag bei einem Vortrag in der Katholischen Akademie in München. Steinbach, von 1976 bis 2006 Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, sieht dabei die arabische Welt am Anfang eines langen politischen Prozesses, bei dem es viele Rückschläge geben werde. Dass sich die Unruhen so plötzlich ausbreiten konnten, lag für Steinbach maßgeblich an der frustrierenden und hoffnungslosen Situation junger Menschen in den Unruheherden. Selbst Hochqualifizierte und hervorragend Ausgebildete hätten in den arabischen Ländern keine Zukunft. In den zurückliegenden Jahrzehnten sei es zudem durch eine immense Bevölkerungsexplosion sowie der nicht zugestandenen politischen Partizipationsmöglichkeiten zu einer Verschärfung sozialer Strukturen gekommen. Durchgeführte ökonomische Reformen hätten in den 1990er Jahren zwar Erfolge gebracht. „Unten ist das alles aber nicht angekommen“, sagte Steinbach. Nach der Einschätzung des Islamwissenschaftlers handele es sich deshalb bei den Ereignissen der letzten Monaten nicht um Revolten „im Namen des Islam“, sondern um Revolten „im Namen von Gerechtigkeit und Partizipation“. Derartig motivierte Geschehnisse führten aber nicht zwangsläufig zu Demokratie. Die im Jahr 1979 begonnene Islamische Revolution im Iran sei auch eine Revolution aufgrund ökonomischer Zwänge gewesen. Sie habe letztlich zur Unabhängigkeit und einer Selbstbestimmung des Irans geführt.

Politische Systeme mit eigener Prägung

Angesichts der unterschiedlichen Gesellschaften in den Ländern sei nach Steinbach schwer vorhersehbar, welche politischen Systeme sich entwickeln könnten. Es werde aber mit ziemlicher Sicherheit nicht zu einer einfachen Übernahme eines westlichen Konzepts kommen. Die Herrschaftsform werde sich nach „Weisheit und Gerechtigkeit“, beides zentrale Werte im Islam, entwickeln und politische Systeme hervorbringen, die sich von westlichen Ordnungen unterschieden. Dass es zu einer Ausprägung von Theokratien komme, hält Steinbach für unwahrscheinlich. „Der arabische Raum sieht seine Zukunft keineswegs in einer islamischen Ordnung, die möglicherweise noch mit Gewalt übergestülpt wird.“ Steinbach wies darauf hin, dass das türkische, laizistische Modell in den arabischen Ländern stark diskutiert werde.

Wie aber könnte es nun weitergehen? Aufgrund seiner Nähe zu und seiner Faszination für Europa habe Tunesien die besten Chancen, zu „einer relativ stabilen Form von Demokratie zu kommen“. Für Ägypten sind die Prognosen des Nahostexperten weniger optimistisch: Dort seien die demokratischen Parteien schlecht organisiert, breitere Bevölkerungsteile, die eine Demokratie tragen könnten, würden fehlen. Die Muslimbruderschaft habe die Nase vorn unter den Oppositionsparteien. Die Situation in Syrien sei derzeit unberechenbar. Für Steinbach ist klar: „Wenn es in Syrien zum Bruch kommt, wird es so blutig wie im Irak.“

Harsche Kritik äußerte Steinbach auch an der Intervention der Westmächte. „Die Revolutionen können nur dann gelingen, wenn sie von innen und allein geschehen!“ Nicolas Sarkozy – Steinbach bezeichnete den französischen Präsidenten als einen Nahost-Versager „par excellence“ – habe den Militäreinsatz in Libyen auch deshalb vorangetrieben, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. „Ein militärischer Feldzug allein ist aber eine Sackgasse“, meinte Steinbach. Dass der Westen zu Waffengewalt greife, sei die falsche Entscheidung gewesen. Im Gegenzug lobte Steinbach die Bundesregierung für ihre Enthaltung. „Die deutsche Entscheidung war richtig“, sagte Steinbach. Mit dem Militäreinsatz in Libyen habe der Westen aber eine Büchse der Pandora geöffnet. Niemand könne jetzt verhindern, dass der Iran nicht auch in einem Nachbarstaat interveniere. Zudem sei der Westen unter Zugzwang, wenn in anderen Ländern ähnliche oder noch größere Gräueltaten an der Bevölkerung verübt würden. Der Westen befinde sich nun angesichts seines Handelns in einem Dilemma.

Langfristig könne nach Steinbach ohnehin nur eine neue Partnerschaft zwischen Europa und den arabischen Ländern die Lösung der Probleme sein. Der Wandlungsprozess arabischer Gesellschaften sei nur dann erfolgreich, wenn sich auch gleichzeitig die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen änderten. Europa dürfe sich nicht weiter in eine Abwehrhaltung gegenüber dem Islam versteifen und könne anhand seiner eigenen Entwicklung zeigen, wie wirtschaftliche Zusammenarbeit zu einer politischen führe. „Die Stellung Europas hängt wesentlich davon ab, welche Beziehungen Europa mit den Arabern, mit der Türkei und auch dem Iran pflegt. Will Europa global betrachtet nicht an Bedeutung verlieren, brauche es eine neue Wahrnehmung auf die Araber, eine „neue Partnerschaft zwischen Europa und Arabern“ im Sinne einer Mittelmeerunion.

Einen wichtigen Beitrag zu dieser „Mare Nostrum“-Vision könnten auch die Kirchen leisten. Der Protestant Steinbach lobte etwa Papst Benedikt XVI. für seine Regensburger Rede. Die von vielen als Provokation verstandene Rede im Jahr 2006 habe dazu geführt, dass es wieder eine theologische Diskussion mit dem Islam gebe. Die Rede habe ein Jahr später zu einer Antwort von 164 muslimischen Theologen geführt und zu einem christlich-muslimischen Forum. Denn entscheidend für die Entwicklung der arabischen Welt sei auch, dass sich der Islam weiterentwickeln könne. Dabei dürften aber nicht die muslimischen Theologen den Ideologen das Feld überlassen. Dankbar sei Steinbach dem Papst auch dafür, dass er die Aufmerksamkeit auf die Situation der Christen im Nahen Osten gelenkt habe. „Der Papst hat entscheidende Schritte für das orientalische Christentum getan.“ Die Diskriminierung und Verfolgung von Christen sei ja nicht erst ein Problem von heute. An die Adresse der Politiker gewandt, sagte Steinbach: „Es reicht nicht aus, Christen nur einzuladen, damit sie sich hier niederlassen.“