Ein Orakel bekämpft den Dämon

Der Dalai Lama lässt sich wieder in Hamburg feiern – Die Veranstalter erwarten diesmal Proteste. Von Alexander Riebel

Der Dalai Lama gibt sich gerne rational, doch letztlich hört er auf Orakel. Foto: dpa
Der Dalai Lama gibt sich gerne rational, doch letztlich hört er auf Orakel. Foto: dpa

Ab heute ist der Dalai Lama bis Dienstag wieder in Hamburg. Zum sechsten Mal richtet der Veranstalter Tibetisches Zentrum Event gGmbH das Treffen mit dem Oberhaupt der Tibeter aus, den das Zentrum als „Vorbild für Menschlichkeit und liebende Güte“ bezeichnet. Dabei wird sich das „religiöse Oberhaupt“ wieder betont säkular geben. Auf der Internetseite zur Veranstaltung ist bereits zitiert, was der Dalai Lama zur Religion meint: „Was wir heute brauchen, ist eine ethische Grundlage, die sich nicht auf Glaubenssysteme bezieht und daher sowohl für religiöse als auch nicht-religiöse Menschen annehmbar ist: eine säkulare Ethik.“ Der Dalai Lama möchte Werte vertreten, die unabhängig von der Religion sind und fordert eine universelle Kultur des Mitgefühls. Seine Auslegung des Buddhismus hat daher auch mehr mit einer östlichen Philosophie zu tun als mit einer Religion. Der Dalai Lama hat in seinen Büchern immer wieder den Einfluss des Nagarjuna auf ihn hervorgehoben, eines indischen Philosophen des 2. Jahrhunderts nach Christus, der den Buddhismus formalisierte und als Lehre vom Nichts darstellte, ein bewusster Gegensatz zu den Seinslehren der abendländischen Ontologie.

In diesem Jahr befürchtet das Tibetisches Zentrum zum ersten Mal Demonstrationen gegen den Dalai Lama. Dazu heißt es auf der Internetseite: „2014 gab es in den USA und Europa, unter anderem beim Dalai Lama-Besuch in Frankfurt im Mai, Demonstrationen von ,Shugden-Anhängern‘ gegen den Dalai Lama. Möglicherweise wird es auch bei seinem Hamburg-Besuch zu Protesten kommen.“ Das Problem des Gottes, oder Dämons, wie der Dalai Lama sagt, reicht bis in die Anfänge des tibetischen Buddhismus im 13. Jahrhundert zurück. Denn Shugden ist ein Beschützer der vier ursprünglichen Schulen dieses Buddhismus, womit der Streit immer auch ein politischer gewesen ist. In Indien etwa sind die Auseinandersetzungen handgreiflich; erst im Juni haben da zweihundert Tibeter ein Shugden-Kloster angegriffen und zerstörten des Besitz. Weitere Eskalationen sind möglich, auch wenn der Dalai Lama sagt, es sei letztlich Sache jedes Einzelnen, wie er zu Shugden stehe. Seine Anhänger sollten aber nicht an Unterweisungen der anderen Schule teilnehmen.

Die Diskussion um Shugden zeigt auch einiges über den Zustand der tibetischen Strömung des Buddhismus, die sich nochmals vom Zen-Buddhismus oder den vielen anderen Arten unterscheidet. Shugden jedenfalls ist mit den Gelugpa-Klöstern verbunden und wurde ein Hauptbeschützer dieser Schule. Der Buddhismus-Forscher Michael von Brück charakterisiert dieses Wesen als eine erschreckende Gottheit: „Sein Charakter ist gewalttätig und machtvoll, wenn er seine Gegner vernichtet, und es werden ihm symbolisch Tieropfer dargebracht. Sein Wohnsitz ist angefüllt mit Skeletten und menschlichen Schädeln, er selbst ist von Waffen umgeben sowie von einem See aus Menschen- und Pferdeblut. Sein Körper hat eine dunkelrote Farbe, sein Gesichtsausdruck ähnelt dem der bekannten Darstellungen von indischen Dämonen.“ Brück hält zwar Shugden nicht grundsätzlich für ein den Buddhismus spaltendes Wesen – es komme immer auf den Gegner an, aber es sei durchaus möglich. Dass sich der Buddhismus, der ja als Weltreligion angesehen wird, überhaupt mit solchen Wesen wie Shugden beschäftigt und sie verteidigt, sagt allerdings auch einiges über den Buddhismus selbst und seinen Mangel einer verbindlichen Lehre aus.

Das Problem des Dalai Lama und die drohende Spaltung im Buddhismus hängt vordergründig auch damit zusammen, dass ein Dalai Lama selbst ein höchster Meister innerhalb der Gelugpa-Schule ist, in deren weiterem Umfeld auch Shugden verehrt wird. Das tibetische Oberhaupt ist also selbst in einen buddhistischen Schulstreit verwickelt. Auch vor diesem Hintergrund ist die Lehre des heutigen 14. Dalai Lama, einen moralischen Standpunkt jenseits der Religionen einzunehmen, zu sehen, womit er sich besonders auf die Tradition des 5. und 13. Dalai Lama beruft. Dass dies jedoch nur eine politische Ausflucht ist, muss dabei klar gesehen werden, denn es kann nicht sein, dass sich eine Religion säkularisiert, nur um internen Differenzen auszuweichen; auch wenn ein Dalai Lama die Verantwortung für den ganzen Buddhismus trägt.

Aber auch der Dalai Lama ist nicht so rational, wie seine überkulturelle Wertlehre nahelegen soll. Er hört nämlich wie alle Dalai Lama auf das Orakel Nechung, wodurch sich letztlich Nechung und Shugden gegenüberstehen. Dass ein vermeintlicher religiöser Reformer und Verteidiger der Demokratie auf Orakel hört, ist eine schwer verdauliche Vorstellung. Nechung jedenfalls hat dem Dalai Lama eingeflüstert, der Shugden-Kult müssen beendet werden.

Doch diese Meinungsverschiedenheiten auf höchster Ebene werden die etwa 7 000 Besucher, die in Hamburg beim buddhistischen Treffen erwartet werden, kaum stören. Der Dalai Lama wird sie über die Religionen lachen lassen und weiterhin behaupten, dass es nur um die inneren Werte gehe. Und diese seien durch die Erkenntnisse der neuesten wissenschaftlicher Ergebnisse untermauert.