„Ein Licht für die Nacht“

Vor 50 Jahren hat sich der amerikanische Nobelpreisträger Ernest Hemingway erschossen. Von Stefan Meetschen

Ernest Hemingway auf einem Fischzug im Karibischen Meer in der Nähe seines ständigen Wohnsitzes Fincavigia bei Havanna, undatiertes Bild. Foto: dpa
Ernest Hemingway auf einem Fischzug im Karibischen Meer in der Nähe seines ständigen Wohnsitzes Fincavigia bei Havanna, ... Foto: dpa

Mit seinem lakonisch-knappen Schreibstil, der desillusionierenden Weltsicht und dem abenteuerlichen Leben wurde er berühmt: Der amerikanische Nobelpreisträger Ernest Hemingway („In einem anderen Land“, „Wem die Stunde schlägt“), der sich vor 50 Jahren am 2. Juli in seinem Haus in Ketchum, Idaho, mit einer doppelläufigen Flinte das Leben nahm – 61-jährig, erfolgreich (Pulitzer- und Nobelpreis) und doch innerlich ausgebrannt, erschöpft. Dabei hatte er sein letztes großes Werk „Der alte Mann und das Meer“ von 1952 noch mit den stoischen Worten ausklingen lassen: „Aber der Mensch darf nicht aufgeben... Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.“

Wieso „Papa“ Hemingway, der auf Fotos stets so kraftvoll und geradezu heldenhaft posierte, letztendlich aufgab, darüber ist viel spekuliert worden: Die schwere Verwundung im Ersten Weltkrieg, der Selbstmord des Vaters (auch 61-jährig), die vier unglücklichen Eheerfahrungen. Fest steht, dass Hemingway, dieses Aushängeschild der „Verlorenen Generation“ (Gertrude Stein) bei aller vitalen Faszination für die Jagd, das Hochseefischen, das Boxen und vor allem den Stierkampf auch beim Schreiben den Tod, die Verzweiflung, die Einsamkeit stets dicht vor Augen hatte. So in dem Roman „Fiesta“, der aus Hemingways Sicht zeigt, „wie die Leute in die Hölle kommen“ und mit dem ihm 1927 nach Arbeiten als Journalist und Kriegsberichterstatter der literarische Durchbruch gelang: „Der durchbohrte Mann lag mit dem Gesicht in dem zertrampelten Schlamm. Leute kletterten über den Zaun, und ich konnte den Mann nicht mehr sehen, weil das Gewühl um ihn herum zu groß war.“

Der Journalist Jake Barnes, der in diesem Roman mit seiner Freundin Brett und Gefährten unter der Sonne Frankreichs und Spaniens die Freuden des Daseins sucht, leidet unter Impotenz. Doch die Tragik wird nur angedeutet. Ebenso wie sein katholischer Glaube. Getreu dem poetologischen Ansatz, den Hemingway selbst als „Eisbergmodell“ bezeichnet hat. „Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“

Zu diesem literarischen Achtel über Wasser zählten bei Hemingway, der sich mit seiner zweiten Frau Pauline Pfeiffer katholisch trauen ließ, selten explizit religiöse Gedanken. In „Heute ist Freitag“ schildert er durch ein Gespräch von drei römischen Legionären die Kreuzigung Jesu, die in Hemingways Augen das Symbol der Demütigung schlechthin ist. „Warum ist er nicht vom Kreuz runter gestiegen?“ „Weil er nicht vom Kreuz runter steigen wollte. Das gehört nicht zu seiner Rolle.“ Hier und da in Romanen und Kurzgeschichten ein nicht ganz ernst oder unernst gemeinter Witz über das Beten. Floskeln, Phrasen, wie sie unter Männern, Soldaten, Verzweifelten üblich sind. In dem Roman „In einem anderen Land“ (1929) zum Beispiel sagt der Priester lakonisch: „Ich hatte auf etwas gehofft.“ „Niederlage?“ „Nein. Etwas mehr.“ Interessant ist aber auch die Parodie des Vaterunsers in der Kurzgeschichte „Ein sauberer, heller Ort“ (1933), die von einem jungen und einem alten Kellner handelt, die darauf warten, dass ein alter Mann das Café verlässt. Das in dieser Geschichte zitierte Gebet „Unser nada der du bist in nada, nada werde dein Name usw.“ richtet sich nicht an den Schöpfer oder Vater im Himmel. Nada ist eine Umschreibung, die Gott ersetzt und in der Ersetzung leugnet. Zwei Bitten bleiben aber bewahrt, nämlich „gib uns“ und „erlöse uns“. Bei aller Blasphemie wird das Gebet also doch zur Bitte um Gabe und Erlösung, und setzt damit konsequent die Wahrnehmung eines der beiden Kellner fort, dass es Menschen gibt, die „ein Licht für die Nacht brauchen“.

Damit thematisiert Hemingways Geschichte auf geschickte, dezente Weise die Verzweiflung der Menschen und ihre Angst vor dem sinnleeren Nichts, wobei er offen lässt, was stärker ist: jene Würde, die im alten Mann und im alten Kellner verkörpert wird oder das Nichts. Frappierend ist in jedem Fall, wie schon hier auch die Möglichkeit des Selbstmords angedacht wird.

Ein Thema, das mit der Familie Hemingway auf fast schon tragische Weise verknüpft ist. Denn außer Ernest, der immerhin zwei Flugzeugabstürze überlebte, und seinem Vater begingen auch sein Bruder Leicester und seine Schwester Ursula Selbstmord. Hemingways Sohn starb 2001 nach einer Geschlechtsumwandlung in einem Frauengefängnis. Hemingways Enkelin, die Schauspielerin Margaux nahm sich fast auf den Tag genau 35 Jahre nach dem Nobelpreisträger das Leben.

So gesehen hielt sich im realen Leben der alte kubanische Fischer, der Ernest Hemingway in seiner späteren Wahlheimat Kuba als Vorbild für den Helden in „Der alte Mann und das Meer“ gedient hatte, am besten an die stoische Maxime, niemals aufzugeben. Erst im Jahr 2002 im Alter von 104 Jahren starb dieser Fischer. Ohne Gewehr. Auf natürliche Weise.