Ein Gefühl eleganter Gelassenheit

Vor 70 Jahren schrieb der Philosoph Shuzô Kuki sein Werk über die japanische Ästhetik

Wem zum Frühstück gebratene Fische serviert werden, dazu in Schalen Reis, Miso-Suppe, Quallensalat und Seeigeleier, und der schließlich, weil er aus dem Westen stammt, noch etwas Süßes braucht, etwa eingelegte Blätter von Kirschbäumen in Gelee – der spürt, dass er nicht mehr im Westen ist. Japan bietet dem Fremden unerschöpflich Überraschungen, und das nicht nur zum Frühstück. Aber es sind nicht schon die kleinen Unterschiede des Alltags, die das Land so anders und schwer verständlich machen.

Japan ist im Kern eine Kultur der Schönheit, in der das Schöne sogar das Wahre und Gute bestimmt. Das erinnert an die Idee des Schönen bei Platon, doch in Japan ist die Ästhetik sogar noch zur zweiten Natur geworden, deren Ästhetisierung alle Lebensbereiche unterworfen sind. Dabei sind es tatsächlich die alten Griechen, mit denen die Kultur Japans immer wieder verglichen wird. Auch in Japan gibt es den Animismus der Geisterwelt, die gemäß dem Shintoismus überall der Natur innewohnt. Natur und Übernatürliches stehen sich nicht gegenüber wie im westlichen Denken, und so gibt es nahe Kyoto sogar einen shintoistischen Schrein, in dem die Elektrizität verehrt wird und der Thomas Eddison gewidmet ist. Elektrizität wird als übernatürliche Kraft gedeutet, und deshalb kann sie wie eigentlich alles verehrt werden.

Diese Verbindung von archaischer Kultur und Hochtechnik macht auch das heutige Japan aus und kennzeichnet das Land als integrative Kultur. Seien es die aus dem Hinduismus übernommenen Schutzgötter, die in jedem größeren buddhistischen Tempel Buddha bewachen, sei es die Integration westlicher Errungenschaften seit der erzwungenen Landöffnung 1868, ohne doch die Wurzeln Europas zu übernehmen und sich damit selbst zu entwurzeln, oder sei es die Einführung des westlichen Parlamentarismus, der wiederum durch mafiöse Strukturen und permanente Korruptionsskandale karikiert wird. Japan will in seinem Wesen das alte Japan bleiben: Das spielte schon bei den grausamen Christenverfolgungen um 1600 auf japanischem Boden eine Rolle, nachdem der heilige Franz Xaver gesagt hatte, die Japaner seien das netteste Volk auf Erden, das noch nicht missioniert sei. Das zähe Festhalten an der eigenen Kultur reicht bis zu den Selbstmorden von Schriftstellern im 20. Jahrhundert als Widerstand gegen die Verwestlichung, etwa in dem spektakulären Harakiri von Yukio Mishima auf dem Dach der Verteidigungsstreitkräfte in Tokio 1970, als weitere Autoren sind in dieser traurigen Tradition Ryunosuke Akutagawa (1892–1927), zu nennen, Osamu Daizai (1909–1948) oder der erste japanische Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata (1899–1972).

Wie verzweifelt haben Japaner immer wieder ihre Vorstellung von Schönheit dem Westen zu erklären versucht. Der Schriftsteller Junichiro Tanizaki (1886–1965) hat in seinem langen Essay „Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik“ (1933) gezeigt, dass die japanische Schönheit nicht eine starke und leuchtende ist, sondern eher eine vielfach gebroche und in sich gekehrte. So findet Tanizaki das westlich Licht der Glühbirnen zwar praktisch, aber die papierbespannten Shoji der Schiebetüren in japanischen Häusern oder die papierenen Lampen würden doch ein schöneres Licht geben: „Wenn wir westliches Papier vor uns haben, empfinden wir nichts, außer dass es sich um einen einfachen Gebrauchsgegenstand handelt. Wenn wir jedoch die Musterung von China- oder Japan-Papier betrachten, so spüren wir darin eine Art Wärme, die unser Herz beruhigt... Die Oberfläche des westlichen Papiers scheint die Lichtstrahlen gleichsam zurückzuwerfen, während das hosho und das China-Papier wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugt.“ Und von den vielen Beispielen aus dem Alltag sei noch das Besteck genannt: „Im Westen verwenden die Leute unter anderem für das Besteck Silber und Stahl und Nickel und polieren es, damit es möglichst glitzert, wir aber haben eine Abneigung gegen solche funkelnden Gegenstände. Im Gegenteil, man freut sich, wenn der Oberflächenglanz verschwindet und sie mit dem Alter schwarz anlaufen.“ Auch die Teeschalen haben keinen solchen Oberflächenglanz wie das chinesische Porzellan oder das daran angelehnte Porzellan aus Meißen. Im südjapanischen Hagi etwa werden die Teeschalen für die Zeremonien so gebrannt, dass sie schnell feine Risse bekommen, die sich beim Gebrauch dann schell häufen und so das Altern und die Lebendigkeit der Schalen zeigen. Die Schalen in Hagi sind blass Rosa wie mit Zuckerguss überzogen.

Die Schönheit in Japan ist nicht die einer Museumskultur oder für besondere Gelegenheiten, sondern charakterisiert das Selbstverständnis der Menschen selber. In diesem Geist hat vor 70 Jahren der Philosoph Shuzô Kuki das Buch „Die Struktur des Iki – Eine Einführung in die japanische Ästhetik und Phänomenologie“ (1930) geschrieben, das seitdem Generationen von Schriftstellern und Denkern fasziniert hat. Sogar Martin Heidegger hat sich darauf bezogen in seinem „Gespräch mit einem Japaner“, er traf Kuki erstmals in Edmund Husserls Wohnung. Mit „Iki“ wird genau beschrieben, wie der japanische Stil beschaffen ist. Kuki fasst die drei Momente zusammen: „Raffinierte (Resignation) und gespannte (Tapferkeit) Sinnlichkeit (Koketterie)“. Die Resignation kommt vom Buddhismus her und deutet auf den melancholischen Charakter der Japaner in ihrem Bewusstsein der Flüchtigkeit der Welt, wie es in den Holzschnitten des ukiyo-e („Bilder der fließenden Welt“) zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert etwa in den wie Wasser zu zerfließen scheinenden Gewändern der Frauen zum Ausdruck kommt. Iki ist hier das „Gefühl einfacher, eleganter Gelassenheit“. Das zweite Merkmal, die Tapferkeit, kommt aus dem Bushi-do, dem Weg der Samuraikrieger: „Es ist der Bushi (Samurai), der nichts gegessen hat, wohl aber den Zahnstocher benutzt“, schreibt Kuki. Der Stolz des Samurai schreibe vor, Gold und Silber nicht zu achten, die Preise einer Sache nicht im Traum zu kennen, und niemals zu weinen oder zu jammern; sie seien so „wie die Töchter von Hofadel“. Durch dieses Moment kommt die Herbheit in die Schönheit, sie hat nicht das Süßliche von Kyoto, wo die Geschichten des Prinzen Genji entstanden sind, sondern eben das Herbere der älteren Kaiserstadt Nara. Herb ist ein passives und distanzierendes Verhalten, so wie der Geschmack der Kaki-Frucht vor Raben schütze. Das Bittere des Tees der Teezeremonie, mit dessen Geschmack auf den Lippen einst die Samurai in den Tod gingen, gehört ebenso hierzu wie die Einfachheit des Teehauses oder die nicht-blumigen, eher strenger wirkenden Kimono-Muster. Das dritte Moment von Iki, die Koketterie, besteht darin, den Abstand in der Anziehung zwischen Heterosexuellen, wie Kuki immer hervorhebt, möglichst zu verringern, ohne ihn aber ganz aufzuheben. Symbol hierfür ist die Geisha, die intelligente Unterhaltungsdame, die auf allen geistigen Gebieten beschlagen ist. Nicht das frische Lächeln ist Iki, sondern das traurig stimmende Moll im Lächeln oder das Festhalten des Kimonos mit der linken Hand – also eine unmerkliche Störung des Gleichgewichts in der Darstellung.

Iki wird erst dann verstanden, wenn es nach Kuki als „Selbstoffenbarung unseres Volkes“ begriffen wird. Das Herz Japans aber ist die Teezeremonie. Vor dem Tee ist jeder Mensch gleich, der Eingang zum Teehaus ist immer 90 Zentimeter hoch, sodass sich Kaiser und Bauer gleichermaßen vor dem Tee bücken müssen.

Der Tee als Herz einer Kultur

In einem der wichtigsten Bücher zur Teekultur, im „Buch vom Tee“ (1906) von Kazuko Okakura, heißt es über den Teeraum: „Er ist Stätte der Leere, insofern er ohne jeden Schmuck ist, mit Ausnahme der wenigen Dinge, die gebraucht werden, um ein ästhetisches Augenblicksbedürfnis zu befriedigen. Er ist Stätte des Unsymmetrischen insofern, als er der Verehrung des Unvollkommenen geweiht ist, wobei mit Vorsatz irgendetwas unvollkommen gelassen wurde, um im Spiel der Phantasie vollendet zu werden. Die Ideale des Teeismus haben seit dem 16. Jahrhundert unsere Architektur in einem solchen Maße beeinflusst, dass heute die gewöhnliche japanische Innenarchitektur wegen ihrer äußersten Einfachheit und Keuschheit in der Ausschmückung dem Ausländer beinahe bedürftig erscheint.“ Und Okakura fügt hinzu: „Der erste selbstständige Teeraum war die Schöpfung Sen no Sôekis, allgemein bekannt unter seinem späteren Namen Rikyu, des größten aller Teemeister, der im 16. Jahrhundert unter der Schutzherrschaft des Taiko Hideyoshi die äußere Form der Teezeremonie schuf und zu hoher Vollendung brachte.“ Die Schlichtheit des Teeraums leitet sich von den Zen-Klöstern her; Tee wurde schon lange vor Rikyu getrunken – in Japan seit dem 8. Jahrhundert, nur Rikyu hat das Teetrinken als Zeremonie in die bis heute gültige Form gebracht. Der Teeraum ist bis heute das Vorbild für die Architektur von Häusern und Wohnungen. Das Herz des Wohnzimmers wie auch des Teeraums ist der Tokonoma als Nische in der Wand mit einem Kalligraphie-Bild und dem Blumengesteck Ikebana. Auch im Zen-Kloster gibt es den Tokonoma, womit sich der Kreis der zusammenhängenden Analogien von Ästhetik, Religion und Lebenswelt schließt. Über das Zentrum des japanischen Raums, hier im Hinblick auf die Klöster, schreibt Okakura: „Wir haben schon erwähnt, dass der von den Zen-Mönchen eingeführte Ritus, den Tee reihum aus einer Schale vor dem Bildnis Bodhidharmas zu trinken, den Grund der Teezeremonie legte. Wir möchten hinzufügen, dass der Altar der Zen-Kapelle das Urbild der Tokonoma war, des Ehrenplatzes im japanischen Raum, wo zur Erbauung der Gäste Bilder und Blumen aufgestellt wurden.“ Das Teetrinken gilt als einmaliges, unwiederholbares Zusammentreffen im Universum.

Diese Einheit von Kunst und Religion, man könnte auch von einem Gemisch von Religionen wie dem Buddhismus, Shintoismus, Taoismus, Konfuzianismus sowie 180 000 verschiedenen Sekten sprechen, ist im Alltag überall präsent. Sie verschmelzen zu einem Lebensgefühl der Harmonie von Natur und Gebräuchen, wie es dem westlichen Denken völlig fremd ist. Mit der Harmonie ist eine Gruppenethik verbunden, die einen besonderen Zusammenhalt von Familie, Firma und Land bedeutet. Die Gruppe ist wichtiger als der Einzelne, das heißt, dass man einem einzelnen Fremden nicht unbedingt hilft, etwa einem Älteren beim Einstiegen in ein Verkehrsmittel. Oder in ländlichen Gegenden, wohin noch kaum Ausländer gekommen sind, werden sich die Kinder biegen vor Lachen, wenn sie einen Ausländer, auf japanisch „Außenmensch“, sehen und wollen bestenfalls Autogramme von ihm. Außen und Innen sind Grundmerkmale der japanischen Gesellschaft – auch das gehört zum Verständnis von Schönheit. Im harmonischen Zusammenspiel erfährt jedes Gruppenmitglied Schutz und Geborgenheit. Das Denken der Japaner ist in diesem Sinne nicht universal, sondern situationsbezogen in der jeweiligen Gemeinschaft. So wird auch die ursprüngliche Volksreligion Shinto nirgendwo außer in Japan praktiziert.

Auch das Rechtsdenken wird von einem ästhetischen Harmonieverständnis getragen. In einem juristischen Fall, der in den japanischen Medien aufwallte, ging es um eine Familie, die ihr Kind einer befreundeten Familie für einen Nachmittag zum Spielen überließ. Beim Spielen der Kleinen ertrank das Kind in einem Weiher und der Vater klagte die Familie wegen mangelnder Aufsicht an. Nun erhielt er Tag und Nacht Anrufe von Bürgern aus dem ganzen Land, die andere Familie hätte doch das Kind aus Freundschaft aufgenommen und in Geiste dieser Harmonie sollte er seine Anklage zurückziehen, was er dann auch tat. Das gute Tat einer harmonischen Gemeinschaft hat Vorrang vor der Frage nach dem Recht. Kinder genießen ohnehin ein besonders Ansehen und gehören bis zum siebten Lebensjahr zu den Göttern, erst dann werden sie in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen oder gelten als Menschen. Buddhistisch gesehen können früh verstorbene Säuglinge oder abgetriebene Embryonen schnell wieder in ein anderes Leben wiedergeboren werden, weil sie noch nicht, buddhistisch, verstanden „am Dasein haften“. Kinder dürfen in Japan alles machen, nie wird man Eltern schimpfen sehen. Die harte Erziehung kommt dann in der Schule, darauf können sich die Eltern verlassen.

In der Gruppenethik gibt es immer den Vorrang des Inneren vor dem Außen. es ist keine universale Vernunftethik, sondern mehr eine Schönheit des Verhaltens. So auch im Gespräch. Nie wird man etwas thematisieren und einen Gesprächsgegenstand fixieren, wie es im Westen üblich ist. Das Gespräch kann um ein Thema kreisen, aber es gibt kein Argumentieren und keinen Widerspruch. Nur vorsichtige Andeutungen. Wer in diesen Fettnapf tritt und einem Japaner direkt widerspricht, wird erschrocken und vielleicht böse zurückgefragt, was man gegen ihn habe. Das Zusammensein von Japanern ist einfühlsame Geborgenheit als eine ästhetische Form, die „kimochi“ genannt wird – ein Wohlgefühl des Einzelnen mit dem Ganzen. Wer hier einen japanischen Gast etwa direkt fragt, ob er Hunger habe, wird erleben, dass der andere vor Scham, so direkt nach Hunger gefragt zu werden, die Frage verneint, auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht. In Japan wird einem Gast eher etwas serviert mit der Entschuldigung, dass es vielleicht nicht schmecke. Die Wünsche oder Gedanken des anderen vorwegnehmen ergibt Harmonie. Man sollte also zugreifen bei Seeigeleiern und Quallensalat und spüren, wie die eigentümliche Geborgenheit funktioniert, deren Urbild in Japan die Mutter-Kind-Beziehung ist, wie Takeo Doi in „Amae – Freiheit in Geborgenheit“ (1973) gezeigt hat.