Ein Chamäleon im Wilden Westen

Hervorragende Animation, aber verworrene Handlung und Figuren ohne Konturen: Gore Verbinskis „Rango“. Von José García

Westernheld wider Willen: Chamäleon „Rango“ muss im gleichnamigen Film Schurken durch die Wüste jagen. Echsendame „Bohne“ ist immer an seiner Seite. Foto: Paramount
Westernheld wider Willen: Chamäleon „Rango“ muss im gleichnamigen Film Schurken durch die Wüste jagen. Echsendame „Bohne... Foto: Paramount

Im November 1995 feierte der erste vollständig im Computer animierte abendfüllende Film Premiere. Die Entwicklung, die vor mehr als fünfzehn Jahren mit „Toy Story“ begann, führte nicht nur etwa dazu, die CGI („im Computer erstellte Animation“)-Technik mit Darstellern aus Fleisch und Blut zu verknüpfen – James Camerons „Avatar“ (DT vom 22.12.2009) oder Tim Burtons „Alice im Wunderland“ (DT vom 06.03.2010) liefern besonders erfolgreiche Beispiele dafür. Die von der CGI bereitgestellten, beachtlichen Ausdrucksmöglichkeiten machten den Animationsfilm auch für Erwachsene attraktiv. Seit DreamWorks im Jahre 2001 „Shrek – Der tollkühne Held“ in die Kinos brachte, wenden sich die Filme der Animationsschmiede von Jeffrey Katzenberg und Steven Spielberg mit ihrer schnellen Animation, ihren an das Erwachsenen-Comicgenre angelehnten Figuren und den Anspielungen auf die Filmgeschichte eindeutig an ein Erwachsenenpublikum. Inzwischen liefern weitere Filmstudios Animationsfilme für Erwachsene, so auch Paramount mit dem nun anlaufenden „Rango – Tarnung ist alles“.

Rango ist der Name des Chamäleons, das aus seinem langweiligen Terrarium notgedrungen ausbricht und sich in den Westernheld verwandelt, von dem es anfangs träumte. Eine durch ein Gürteltier verursachte Panne ist dafür verantwortlich, dass das abenteuerlustige Chamäleon mitten in der Mojave-Wüste strandet. Nach einigen, von einer aus Eulen bestehenden Mariachi-Band kommentierten Abenteuern, kommt Rango in einem verlassenen Kaff namens „Dirt“ (Dreck) an. Obwohl es für ein Chamäleon eigentlich ein Leichtes sein müsste, den immer wieder gehörten Ratschlag „Pass dich an“ zu befolgen, fällt er in der Westernstadt sofort als Fremder auf. Weil er sich als Revolverheld ausgibt, bekommt er den Sheriffstern. Nun muss er sich mit Präriehunde-Bankräubern und Gila-Krustenechsen-Revolverhelden herumschlagen, vor allem gegen eine in der ganzen Gegend Angst und Schrecken verbreitende Klapperschlange im Duell antreten. Das größte Problem, das der neue Sheriff lösen muss, besteht in der Wasserknappheit. Mit Rückendeckung des Schildkröten-Bürgermeisters und der tatkräftigen Hilfe der weiblichen Echse „Bohne“ stellt sich Rango den diversen Herausforderungen.

Rango besitzt nicht nur (im Original) die Stimme von Johnny Depp, sondern auch dessen Mimik und „Emotionen“; wie diese „Emotion Capturing“ genannte Aufnahmetechnik funktioniert, kann beispielsweise auf YouTube eingesehen werden: Die Synchronisation findet nicht statisch, sondern in Bewegung statt. Die Darsteller (im Original spricht die Klapperschlage Bill Nighy) spielen teilweise in Kostümen die Szenen nach, während die Dialoge aufgenommen werden. Dies stellt eine neue Variante im Einsatz der im Computer erstellten Animation dar.

In „Rango – Tarnung ist alles“ sieht die Animation einfach großartig aus. Dies wird nicht nur an der Mimik der Figuren erkennbar, sondern etwa auch in den Flügelschlägen des gefürchteten Habichts. Damit kann er zweifellos mit den besten Filmen von Pixar oder DreamWorks mithalten. Der erste Animationsfilm aus der Effekt-Schmiede „Industrial, Light & Magic“ sowie von „Fluch der Karibik“-Regisseur Gore Verbinski zielt eindeutig auf ein Erwachsenenpublikum, nicht nur, weil die Tiere alles andere als niedlich und die grauen und erdfarbenen Farben einfach zu düster für Kinder sind. Für Erwachsene wirkt die Handlung von Drehbuchautor John Logan allerdings wie eine Aneinanderreihung von Zitaten aus Western, einschließlich eines Showdowns a la „Zwölf Uhr mittags“ sowie einer längeren, visionsartigen Passage mit Clint Eastwood als einsamem Rächer in „Für eine Handvoll Dollar“. Darunter leidet eine Handlung, die nicht bloß bei einer Filmlänge von 107 Minuten zu lang, sondern auch einfach konfus geraten ist, und die außerdem den Figuren keine eigentlichen Konturen verleiht, womit sie beim Zuschauer keine Emotionen auszulösen vermögen.

Dennoch: Abgesehen von der visuellen Ebene mit technisch gut inszenierten, gelungenen Actionszenen, bietet „Rango“ vor allem mit einem slapstickartigen Humor verknüpfte, pointierte Dialoge.