Ein Bund im Fleische

Die Kirchen haben die Kriminalisierung der Beschneidung verurteilt – Dem kann man sich auch aus neutestamentlicher Sicht nur anschließen. Von Klaus Berger

Die mittelalterlichen Theologen verstanden die Beschneidung als Protosakrament. Doch den Aufklärern aller Zeiten ist das Leibliche des Glaubens ein Dorn im Auge. Foto: KNA
Die mittelalterlichen Theologen verstanden die Beschneidung als Protosakrament. Doch den Aufklärern aller Zeiten ist das... Foto: KNA

Beschneidung kleiner Jungen ist in Deutschland neuestens strafbar, weil es sich um eine schwere Körperverletzung handeln soll. Die Religionsfreiheit finde hier ihre Grenze am Menschenrecht auf körperliche Integrität. – Wer die Beschneidung vollzieht, wird damit kriminalisiert. Der Kritik, die die großen Kirchen bereits an diesem Urteil geübt haben, kann man sich als Neutestamentler nur aus ganzem Herzen anschließen. Denn Beschneidung ist eben nicht nur ein „frommer jüdischer Brauch“, sondern ist seit dreitausend Jahren sichtbares Merkmal der Zugehörigkeit zu diesem Gott, zu diesem Volk und zur Verheißungs- und Leidensgeschichte Israels. Und mit der Verstümmelung von Mädchen hat die Beschneidung der Buben nichts zu tun. Denn jene ist weder aus der Schrift noch irgendwie religiös zu begründen. Ganz anders ist das mit der Beschneidung von Buben.

Identitätsstiftendes Abzeichen

Diese ist nach Gen 17,9–14 als ältestem Beleg Gottes Gebot an Abraham: „Dies ist mein Bund..., er besteht zwischen mir und euch und deiner Nachkommenschaft: Beschnitten soll bei euch alles Männliche werden. Ihr sollt euch am Fleisch eurer Vorhaut beschneiden lassen... Im Alter von acht Tagen soll bei euch... alles Männliche beschnitten werden... Mein Bund an eurem Fleische soll ein ewiger Bund sein.“ Unmittelbar auf dieses Gebot folgt in Gen 17 die Verheißung Isaaks, und wiederum fällt das Wort vom „ewigen Bund“: So wird die Beschneidung zum identitätsstiftenden Abzeichen. Diese Rolle verschärft sich im Lauf der Jahrhunderte.

Auch Jesus wurde beschnitten, und zwar am 8. Tag nach seiner Geburt (Lk 2,21). Leider wurde das Fest der Beschneidung des Herrn, das man deswegen am 1. Januar feierte, neuerdings abgeschafft. Es war doch ein Hinweis auf Jesu Judesein. Ursprünglich mag die Beschneidung als Symbol für die Gnade der männlichen Fruchtbarkeit gegolten haben – daher würde die Beziehung zum Bund verständlich, dessen Verheißung Nachkommen zahlreich wie Sand am Meer sind. Gleichzeitig aber wird Beschneidung als apotropäisches Zeichen betrachtet, das heißt: Der Beschnittene ist gegen böse Dämonen gefeit, die die Fruchtbarkeit gefährden könnten. Die Abwehr der Feinde ist die Kehrseite der Bekräftigung der Verheißung. Dass Beschneidung Schmerz und Blutverlust verursacht, deutete man schon früh auf die Geschichte des erwählten Volkes, und im Zusammenhang damit wurde Jesu Beschneidung zum ersten Akt seiner Passion. So könnte die erste Station eines schmerzensreichen Rosenkranzes lauten: „der als Jude beschnitten wurde und so zu leiden begann“.

Die Christen haben nun die jüdische Beschneidung keineswegs einfach abgeschafft. Für Judenchristen kam sie vielmehr, wie Paulus sagt, zu ihrer eigentlichen Bedeutung. Denn nach Röm 4,11 gilt von Abraham: „Die Beschneidung, die er später (in Gen 17) empfing, war nur eine Beglaubigung seiner Gerechtheit, ein Siegel, das Gott wie eine Bestätigung daruntergesetzt hat, dass er ihn als gerecht angenommen hatte. So ist Abraham in zweifacher Hinsicht Erzvater geworden. Zum einen ist er Vater aller Heidenchristen, die glauben, ohne beschnitten zu sein, und die doch aufgrund ihres Glaubens als gerecht angenommen sind. Und zum anderen ist er unser Vater geworden, also Vater der Judenchristen, die wie Unbeschnittene glauben, aber zusätzlich beschnitten sind.“ Das will heißen: Als Vollendung der Rechtfertigung des Menschen besiegelt sie die Annahme durch Gott. Aktuell ist diese Rolle der Beschneidung auch für die neuen Judenchristen, nämlich für die rund 200 000 messianischen Juden, die weiterhin Juden (mit Beschneidung und Gesetz) sind, aber zusätzlich an Jesus als den Messias glauben und Sakramente feiern. Katholisch sind sie noch nicht, aber, so Gott will, auf gutem Wege dazu. Für die deutschen messianischen Juden muss es besonders bitter sein, dass ausgerechnet in Deutschland Beschneidung zum Verbrechen erklärt wird.

Nun ist die Polemik gegen die Beschneidung so alt wie die Judenfeindschaft überhaupt. Dass übrigens die Moslems ihre Buben auch beschneiden, rührt daher, dass sie sich als abrahamitische Religion verstehen und mit der Beschneidung dem biblischen Vater Abraham folgen. Hinter dem deutschen Gerichtsurteil steht übrigens dieselbe Art unaufgeklärter Aufklärung, die seit 2 300 Jahren gegen Beschneidung und Judentum polemisiert. Schon vor genau 2 000 Jahren (!) schreibt der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien zu Anfang seines Hauptwerkes („Einzelgesetze“) über die Beschneidung. Dieser Abschnitt ist eine Art Präambel für die Darstellung aller weiteren Gesetze. Die Beschneidung ist hier also nicht eine fromme Marotte, sondern die sichtbare Begründung der jüdischen Identität. Eben weil Beschneidung keine Akt krimineller Aggressivität ist, wird sie schon vor 2 000 Jahren rundum therapeutisch verstanden: Als Befreiung von körperlicher Unvollkommenheit (!), von überflüssiger Lust, von einer Höhle für Keime und Dreck.

Die unaufgeklärte Aufklärung richtet sich seit dieser Zeit gegen die Beschneidung, weil man hier grundsätzlich nicht verstanden hat, dass eine Religion sichtbare und leibhaftige Folgen haben kann. Die sogenannten Aufklärer meinen, Religion sei eine private und rein innerliche, eben geistige Angelegenheit. Jede Art von physischen Folgen wird abgelehnt. Und das Christentum des Apostels Paulus, dem die Abschaffung der Beschneidung dabei unterstellt wird (wie wir sahen, zu Unrecht), gilt als erster Schritt in diese reine Geistigkeit.

Viel richtiger lagen dabei Alte Kirche und mittelalterliche Theologen, die die Beschneidung als Proto-Sakrament ansahen. Denn alle Sakramente sind wie die Beschneidung sichtbare Zeichen, die am Leib vollzogen werden, sei es durch Wassertaufe, Salbung, Handauflegung, Ringetauschen oder Schuldbekenntnis wie vor dem Richter bei der Beichte. Denn bei der Beschneidung wird nur ein (im übrigen unnützes) Stückchen Körper geopfert, die Taufe geht viel weiter. Denn sie ist ihrer Substanz nach genau das, was man heute als „Schein-Hinrichtung“ bezeichnet. Paulus spricht hier von der Wassertaufe als einem Mitgekreuzigtwerden. Denn das Untertauchen des Kindes (und des Täuflings allgemein) steht für Ersäufen (Luther: „Ersäufen des Alten Adam“). Wie bei der Beschneidung endet die Zeremonie auch hier im Guten, aber im Kern geht es um etwas, das dem Tod ähnlich ist. Es war Merkmal der religiös unmusikalisch gebliebenen Aufklärung aller Jahrhunderte, diese provozierenden Aspekte entweder zu übersehen oder herunterzuspielen. Da besteht dann ein Scheingegensatz zwischen „seelisch-geistigem“ Gehalt und den physischen Folgen. Genau aus diesem Grund scheuen viele Nicht-Katholiken selbst das Kreuzzeichen.

Kein Gegensatz zwischen Körper und Seele

Das heißt: Für das antike Judentum und auch für die Judenchristen aller Jahrhunderte und im Prinzip auch für jeden Katholiken oder Orthodoxen besteht kein wirklicher Gegensatz zwischen Seele und Körper. Deshalb kann das Erste Gebot eben auch leibliche Folgen haben, die nicht leicht zu beseitigen sind (abgefallene Juden haben schon vor 2000 Jahren die dezimierte Vorhaut sich wieder „übergezogen“).

Zu diesen Folgen des jüdisch gebliebenen Christentums gehören auch recht weitgehende Verzichte auf bestimmte Menschenrechte. Dazu gehören: Das Recht auf freie Partnerwahl in der Ehe wie beim Zölibat, nachdem man sich einmal entschieden hat. Ferner das Menschenrecht auf Besitz überall dort, wo man radikale Nachfolge Jesu versucht. Ferner das Recht auf freie Selbstbestimmung bei Gehorsam gegenüber Bischof oder Abt. Dass bei der Beschneidung von Kindern die Eltern bestimmen, ist uns von der Taufe her geläufig. Denn Beschneidung hat nur diesen Sinn: Mit Leib und Seele Gott gehören. In der Taufe wird das trinitarisch neu buchstabiert.