Köln

Eigenständige Denkerin

Thomas von Aquin öffnete Edith Stein die Tür in das intellektuelle Milieu des Glaubens - Ein Gespräch mit Professor Andreas Speer, Direktor des Thomas-Instituts der Universität Köln, zum Anlass einer Tagung über die Heilige.

Thomas von Aquin

Herr Professor Speer, heute beginnt die internationale Tagung „Edith Steins intellektueller Denkweg“, zu ihrer Phänomenologie, der christlichen Philosophie, dem Karmel und der Spiritualität. Was dürfen die Besucher erwarten?

Veranstalter ist die internationale Edith-Stein-Gesellschaft, ich bin nur einer der Referenten. Das Programm ist sehr breit gefächert, und die von Ihnen angesprochenen Stichworte werden auch die verschiedenen thematischen Schwerpunkte bieten. Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Welt, aus vielen Ländern Europas, aus den USA und auch aus lateinamerikanischen Ländern, wo die Edith-Stein-Forschung sehr populär ist. Wer einen Überblick über den Reichtum des Denkens von Edith Stein bekommen möchte, wird auf dieser Tagung viele Perspektiven finden.

Wenden wir uns den Lehrern von Edith Stein zu. Ihr erster Lehrer war der Philosoph Edmund Husserl. Warum war er so wichtig für sie?

Edith Stein hat ganz normal ihre akademische Karriere begonnen als Studierende der Philosophie. Und Husserl war damals einer der bedeutendsten und charismatischen philosophischen Lehrer. Er hat in den 20er Jahren mit der sogenannten Phänomenologie eine philosophische Forschungsrichtung begründet, die bis heute einflussreich ist. Edith Stein war nicht nur Studentin von Edmund Husserl, sie wurde auch seine Assistentin und zwar eine, die sehr eng mit Husserl zusammengearbeitet hat. Zugleich war sie eine der ersten Frauen, die sehr prominent in der Philosophie gearbeitet und als Assistentin von Husserl bei ihm auch promoviert hat. Sie hat viele Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet, was auch mit seiner besonderen Arbeitsweise zusammenhängt. Husserl arbeitete sehr viel in Manuskripten, hat häufig neue Projekte ausprobiert, ohne das Ganze dann immer zu Ende zu bekommen. Edith Stein war mehrfach daran beteiligt, dass Husserl seine Manuskripte auch zu einem Abschluss brachte. Insofern kannte sie Husserl sehr gut. Sie sagte: „Er war derjenige, der mich in die Philosophie eingeführt hat.“ Und dieser Einfluss, auch hinsichtlich der phänomenologischen Methode, war bei ihr auch in den späteren Jahren immer wirksam geblieben.

Dennoch hat sie auch versucht, von Husserl unabhängiger zu werden. Nach ihrer Konversion beschäftigte sie sich intensiver mit Thomas von Aquin auf der Suche nach Prinzipien, die auf etwas von der Erfahrung Unabhängiges verweisen.

Das war ein Streit, eine Debatte in der frühen Husserl-Schule. Dabei ging es um die transzendental-philosophische Wende innerhalb der Phänomenologie: Gibt es der Erfahrung vorausliegende apriorische Strukturen, die wir eben annehmen müssen, um Erfahrung einer bestimmten Art gewinnen zu können. Ich glaube, dass die Beschäftigung Edith Steins mit Thomas weniger damit zu tun hatte, dass ihr Husserl weniger wert war, sondern sie hatte einen, wie sie selber sagt, philosophisch zunächst äußerlichen Anlass – er hing mit der Konversion zusammen. Sie wollte dann auch in das intellektuelle Milieu des Glaubens, dem sie sich jetzt zugehörig fühlte, eintreten. Und für sie war Thomas – so beschreibt sie ihn – der Tür-Öffner in die geistliche Welt des Christentums, insbesondere der katholischen Intellektualität. Sie beschreibt diese Erfahrung als einen Prozess, der ihr anfangs sehr fremd war – das Denken des Thomas war ihr zunächst keineswegs vertraut. Sie fragte sich, wie sie sich in dieses Denken einarbeiten könne und begann dann das große Übersetzungsprojekt der Schriften des Thomas mit den Fragen „Über die Wahrheit“ – auch als ein intellektuelles Exerzitium, um mit dem Denken des Thomas und der katholischen Kirche vertraut zu werden. Sie hat dann entdeckt, dass sie Thomas und Husserl in einer gewissen Weise auch zusammendenken kann, dass sie Thomas' Fragen benutzen kann, um Husserl weiterzudenken, also Fragen anzusprechen, die Husserl nicht thematisiert hat.

Ihre Intention bei der Thomas-Übersetzung war weniger ein Übersetzen als ein Übertragen des thomistischen Geistes in die Moderne?

Nein. Ihr Interesse war das einer guten und möglichst genauen Übersetzung. Edith Stein war eine exzellente Philologin. Ihre Übersetzungen zählen noch heute zu den besten. Sie hatte großen Wert darauf gelegt, dass sie diese Texte zunächst für ihr eigenes Verständnis überträgt, und erst dann wurde ein Buchprojekt daraus. Viele ihrer Thomas-Übersetzungen waren gar nicht für den Buchdruck entstanden – sie hat sie allein für sich aus Studienzwecken angefertigt. Im Grunde genommen war es so wie bei Thomas, der Aristoteles nicht für den Unterricht kommentiert hat, sondern um ihn zu verstehen. Erst in der heutigen Gesamtausgabe sind diese Schriften alle publiziert, die einstmals für das eigene Studium entstanden sind. Sie übersetzt Thomas viel korrekter, viel sachgerechter als die ersten Bände der damals entstehenden deutschen Thomas-Ausgabe, die oftmals heute nur sehr schwer verständlich sind, während die Edith-Stein-Übersetzungen immer noch richtig gut sind. Das sind echte Klassiker.

Sie meinen sicher Joseph Bernhart?

Diese Ausgabe ist – offen gesagt – die schlimmste. Es handelt sich im Grunde gar nicht um eine Übersetzung, sondern um eine mehr oder weniger freie Paraphrase der Thomas-Texte. Edith Stein hat auch eine sehr kritische Rezension zu diesen Übersetzungsversuchen geschrieben und verteidigt ihre Weise der Übersetzung methodisch sehr bewusst gegenüber der Bernhart'schen Kompilation. Sie war auch dagegen, dass man jeden Begriff künstlich eindeutscht und so im Grunde genommen jede Übertragung in eine philosophisch allgemeine Sprache eigentlich verhindert.

Die Wesensschau, die ja letztlich eine passive Erkenntnis ist, und der Realismus bei Thomas haben sich wahrscheinlich gut bei Edith Stein verbinden können?

Sie reflektiert das an mehreren Stellen. Aber sie hat nicht versucht, eine Synthese der Denkformen zu vollziehen, sondern einen eigenständigen Denkentwurf vorgelegt: So ist etwa „Endliches und Ewiges Sein“ der Versuch, eine Einheitsphilosophie zu entwerfen, die einerseits stark an Thomas orientiert ist und an seinen spezifischen Fragestellungen, aber auch viel phänomenologischen Geist atmet. Bei Thomas hat Edith Stein im Wesentlichen den metaphysischen Rahmen gefunden. Es ist der Rahmen der Objektivität: dass es über den persönlichen Erfahrungsrahmen hinaus eine Referenz auf eine objektive Welt gibt, der wir eine gewisse Orientierung an Wahrheit etwa verdanken.

Professor Andreas Speer.
Edith Stein war immer an der neuesten Forschung interessiert: Professor Andreas Speer. Foto: Privat

War die Verbindung von Wesensschau und Glaube auch der Versuch, den Fehlern des urteilenden Verstandes auszuweichen?

Ich glaube, das wäre ein zu hoher Anspruch. Edith Stein war sich der Kontingenz, der Endlichkeit der menschlichen Vernunft sehr wohl bewusst. Dass wir den Irrtümern des Verstandes entkommen können, indem wir uns auf eine höhere Ebene des Bewusstseins begeben, diese rationalistische Übersteigerung war nicht ihr Ziel. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ihre Beschäftigung mit der negativen Theologie und der mystischen Tradition. Auch hier beginnt sie damit, dass sie das Corpus der mystischen Schriften des Dionysius Areopagita – ebenfalls auf ganz hervorragende Weise – aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt. Sie geht denselben Weg, dass sie sich die Quellen erschließt und dann weiterdenkt. Was sie sucht angesichts der Grenzen der Vernunft, ist eine andere Form der Theologie gegenüber der affirmativen Theologie. Hier findet sie die Anknüpfung an die karmelitische Tradition einer mystischen Theologie.

Hat Edith Stein auch die internationale Thomas-Forschung wahrgenommen?

Das Interesse an Thomas machte sozusagen ihren wissenschaftlichen Charakter aus. Sie war in ihrer Thomas-Forschung den Dominikanern – insbesondere der Schule von Le Saulchoir – sehr verbunden, auch als es um die Frage ging, was christliche Philosophie ist. Diese Debatte fand Anfang der 30er Jahre besonders in Frankreich statt. Diese Diskussionen hat sie sehr interessiert aufgenommen und in „Endliches und Ewiges Sein“ in einem eigenen Kapitel reflektiert.

Sie hat sich also an den aktuellen Fragen orientiert?

Absolut. Sie war stets an der allerneuesten Forschung interessiert und schaffte es, dass sie diese Bücher später im Karmel bekam. Wie ein Brief bezeugt, half ihr zum Beispiel der Provinzial der unbeschuhten Karmeliten in Deutschland dabei, an die neueste Forschungsliteratur zu kommen.