Duft der Freigeister

Schon früh haben deutsche Dichter und Denker sich mit der Freigeisterei auseinandergesetzt. 1747 verspottete der Dichter Christian Fürchtegott Gellert einen Freigeist als jemanden, der sich zeitlebens gegen die Religion wendet und im Sterben doch wieder fromm wird. Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel „Der Freigeist“ (1749) zeigt einen lächerlichen Prinzipienreiter, der sich nicht zu seiner Liebe bekennt.

Zu großer Form für die Freigeisterei lief Friedrich Nietzsche auf: In seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ preist er das innere Werden einer Persönlichkeit. Zarathustra ist ein Freigeist, der aus dem Blickwinkel eines befreiten Geistes heraus die Welt und die Menschen betrachtet. „Freigeist sein heißt keineswegs ,unmoralisch sein‘ sondern lediglich ,im Denken jenseits der moralischen Verzerrung seiend.‘“

Das sah Immanuel Kant ganz anders. In seiner Schrift „Was heißt: Sich im Denken orientieren“ bezeichnet der Königsberger Philosoph 1786 die Freigeisterei als „den Grundsatz, gar keine Pflicht mehr zu erkennen“ und warnt: „Und so zerstört Freiheit im Denken, wenn sie sogar unabhängig von Gesetzen der Vernunft verfahren will, endlich sich selbst.“

Einen neuen Schub hat der Freigeist-Diskurs in Deutschland in diesem Monat durch den Modedesigner Wolfgang Joop („Joop!“, „Wunderkind“) bekommen. Joop hat ein neues Parfüm kreiert, das den Titel „Freigeist“ trägt – ohne Ausrufezeichen. Das Werbeplakat dazu: Joop mit gebleichten Haaren als Anspielung auf Andy Warhol, umgeben von den unterschiedlichsten Menschen, die lesen, schauen, lachen und nachdenken.

Als blicke man direkt in Warhols berühmte „Factory“ oder eine Renaissance-Werkstatt im Pop-Design. Joops Motivation für diesen aktuellen Beitrag zur Geistesgeschichte: „Man muss grenzüberschreitend und wagemutig sein. Ich finde nichts schlimmer als Stagnation. Ich muss immer einen Schritt weiter gehen.“ Aufs erste Riechen hin erscheint „Freigeist“ erfrischend blumig und lebendig, kein humanistisch-agnostischer Moder aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Kein Wunder – schließlich besitzt Joops Freigeist laut Hersteller „ein intensives Gin-Aroma in der Kopfnote“. Und außerdem: „Im Herzen besticht der Duft durch ein liebliches und zartes Jasminaroma. Abgerundet durch eine herbe Mischung aus Leder und Mahagoni.“

Dass dieser Duft der große Hit werden kann, sieht Joop allerdings selbst skeptisch: „Für Freigeister gibt es in dem Sinne keine gute Zeit, weil sich die breite Masse immer gegen ihre Erkenntnisse und revolutionäre Ideen stemmt. Aber ich finde wir brauchen Freigeister! Ich verstehe manchmal wirklich nicht, was hier los ist: all diese fashion victims, monetär wie intellektuell bestens ausgestattet und trotzdem irgendwie stumm. Wir sind in einem Zeitalter der Superkommunikation angelangt – und keiner macht das Maul auf! Da kann ich nur sagen, auf den, der anders denkt, innovativ, der mit alten Mustern mal Schluss macht, alte Formen zerbricht um neue zu finden – auf den warte ich wie auf den Messias.“ Womit der Titel für den nächsten Joop Duft sozusagen schon in der Luft liegt. Doch warum sich auf eine Parfümkreation beschränken?

Um Deutschland im Zeitalter der Superkommunikation nach vorne zu bringen, brauchen wir eine freiere Auswahl. Wie wäre es zum Beispiel mit „Evolutionist“, „Opportunist“, „Helmut Schmidt Wähler“. Statt langer Wortgefechte bräuchte man den anderen nur beschnüffeln und wüsste schnell, ob man ihn riechen kann.