„Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“

Das „Medienarchiv68“ des Springer Verlags geht online

Die „68er“ sind heute eine Mogelpackung. Da wo „68“ draufsteht, ist gar nicht mehr „68“ drin. Bioladen, Frauenemanzipation, die staatlich alimentierte Abtreibung oder was heute sonst noch so zu den „Errungenschaften“ von „68“ gezählt wird, stand „einst im Mai“ keineswegs auf der Tagesordnung. Rudi Dutschke und der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) wollten die Weltrevolution. Die Genossen skandierten „Amis raus aus Vietnam“, aber nicht weil sie Pazifisten sind. Sie sind solidarisch mit Ho-Chi-Minh, und ihr Vorbild sind die Sturmtruppen des „Vietkong“.

Aus Sicht des SDS, seiner Anhänger und Nachbeter ist Deutschland keine Demokratie, sondern eine „spätkapitalistische Klassengesellschaft“, die auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Dutschkes Lehrmeister sind Marx, Engels, Lenin und Mao-Tse-Tung. Er kämpft nicht gegen Waldsterben und Robbenjagd. Er will nicht Seit an Seit von Willy Brandt, „mehr Demokratie wagen“. Der Mann, nach dem heute die Berliner Straße benannt ist, in der die „taz“ ihren Sitz hat, will die „bürgerliche Demokratie“ abschaffen und durch ein rotes Rätedeutschland ersetzen, was auch bloß ein anderes Wort für die Diktatur des Proletariats ist.

Weil sich, wie Lenin es vorbuchstabiert hat, die werktätigen Massen mit Reformen abspeisen lassen, muss ihnen eine „Avantgarde des Proletariats“ zeigen, wo es wirklich langgeht. Weil in den Augen der 68er die traditionellen deutschen Kommunisten ihrer historischen Aufgabe nicht mehr gewachsen sind, sollen nun die Studenten diese Mission erfüllen. Die Intellektuellen sind die neue revolutionäre Elite und Rudi Dutschke ist ihr natürlicher Führer.

Mit immer neuen „Aktionen“ soll Deutschland sturmreif demonstriert werden. Dutschkes Feindbilder Nummer 1 sind der „US-Imperialismus“, dem man mit der Parole „USA-SA-SS“ zu Leibe rückt und die Springer-Presse. Dort saßen seinerzeit nämlich Leute, denen – nach Weimar, Hitler und einem höchst gegenwärtigen Volksgefängnis namens DDR – die noch kaum volljährige deutsche Demokratie zu wichtig ist, um sie, mit welchen Utopien auch immer, wieder aufs Spiel zu setzen.

In den Springer-Blättern wurde Klartext geschrieben, und das hörte sich beispielsweise so an: „Rudi Dutschke, als Zonenflüchtling nach Berlin gekommen, warf sich für Maos Rote Garden in die Bresche. Seine Thesen: Peking muss sich auf die ,amerikanische Repression‘ vorbereiten. Die Rotgardisten garantieren die ,permanente Revolution‘. Die Kremlführer sind Rechtsabweichler. Dass Amerika tatsächlich angreift, darüber gibt es für die ,echten Marxisten‘ überhaupt keinen Zweifel. Dass in Rotchina Horden 14-jähriger Schüler Häuser stürmen und alte Menschen auspeitschen? Sieht man die Dinge dialektisch, dann ist das für Dutschke nur ,sogenannter Terror‘“, so die „BZ“ vom 21.12.1966, und „Die Welt“ schrieb am 17.6.1967: „Auch die Freie Universität Berlin ist ein Exerzierfeld der Revolution. Durch die ,permanente Universitätsrevolte‘ oder ,Gegenuniversität‘ (eine Sprachschöpfung des Berliner SDS-Chefs Dutschke) soll die FU als besonders exponiertes Beispiel ,autoritärer Repression‘ funktionsunfähig gemacht werden. Damit soll allmählich die Gesellschaft ,umgewälzt‘ werden.“

Wer so schreibt, kann nur hellsichtig genannt werden. Doch wie das? Haben die Zeitzeugen nicht noch vierzig Jahre danach den Schlachtruf „Enteignet Springer“ im Ohr? Soll dieser Verlag nicht der Hort der Reaktion schlechthin gewesen sein? Haben die Blätter des Hauses etwa nicht mit üblen Verleumdungen und Hetzparolen das „verführte und verdummte Volk“ gegen im Kern gutwillige Studenten aufgewiegelt und so die Stimmung im Lande unverantwortlich aufgeheizt?

Ob es sich bei den hier zitierten Artikeln um Ausnahmen von der Regel handelt, ist ab sofort keine Frage mehr, die sich nur sehr mühsam überprüfen lässt. Denn seit dem 17. Januar gibt es das „Medienarchiv68“. Dort sind nach Springer-Angaben „rund 5 900 Beiträge, Kommentare, Leserbriefe, Karikaturen, Reportagen, Glossen und Interviews aus den Jahren 1966 bis 1968 zusammengestellt, die ein Bild vermitteln, wie die Redaktionen von Axel Springer, aber auch andere Medien wie der Berliner „Tagesspiegel“ über die 68er-Bewegung berichtet haben“. In seinem „Editorial“ schreibt der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner: „Schon länger habe ich mir gewünscht, dass unabhängige Wissenschaftler die publizistische Positionierung der Axel-Springer-Zeitungen in der damaligen Zeit wissenschaftlich aufarbeiten. Mein persönliches, vorläufiges Fazit: Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich ein differenziertes Bild. Die These, das Haus Axel Springer sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen, welche die Studentenbewegung verhindern wollte, bestätigt sich jedenfalls nicht.“

Zur Entstehung des neuen Online-Archivs gehört, dass Döpfner 2009 die Protagonisten von 68 zu einer offenen Diskussion über die Rolle des Springerverlages einlädt. Doch Daniel Cohn-Bendit, Peter Schneider und andere Revolutionäre von einst winken ab. Warum sollten sie auch an Aufklärung interessiert sein? Schließlich ist es kein Geheimnis, dass Legenden allemal nützlicher sind als eine möglicherweise ziemlich unangenehme Wahrheit.

Der heute grüne Cohn-Bendit wird 1968 noch „der rote Dany“ gerufen. Er – und übrigens auch die Minister a.D. Joschka Fischer und Jürgen Trittin – haben sich nicht der Ökologie zugewendet, um in Gorleben Schauzulaufen. Nachdem ihr Traum von der roten Revolution zerplatzt ist und nur noch die terroristische RAF daran festhält, soll Anfang der Achtzigerjahre die grüne Partei der jungen ökologischen Massenbewegung zum Steigbügelhalter für die Genossen werden. Das Thema „Umwelt“ soll nun der Hebel sein, mit dem man die bürgerliche Gesellschaft aus den Angeln hebt. Schließlich steckt in der Sehnsucht nach einer heilen Welt ein utopischer Kern, den man zum Umsturz aller Verhältnisse nutzen möchte. Auch mit der Angst vor der Apokalypse lässt sich bekanntlich Politik machen.

Aber das Dutschke-Attentat, werden manche jetzt einwenden. Hat nicht Wolf Biermann gesungen: „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke/ Ein blutiges Attentat/ Wir haben genau gesehen/ Wer da geschossen hat/ Ach Deutschland, deine Mörder!/ Es ist das alte Lied/ Schon wieder Blut und Tränen/ Was gehst Du denn mit denen/ Du weißt doch was Dir blüht!/ Die Kugel Nummer Eins kam/ aus Springers Zeitungswald/ Ihr habt dem Mann die Groschen/ Auch noch dafür bezahlt.“

So war damals die Stimmung. Doch die Tatsachen sprechen eine andere Sprache: „Millionen bangen mit“, titelte „Bild“ am 13.4.1968 unmittelbar nach dem Attentat: „Denn plötzlich ist dieser Rudi Dutschke nicht mehr der radikale Agitator, sondern nur ein hilfloser Mann. Politische Gegnerschaft wird überdeckt von der Anteilnahme am menschlichen Schicksal.“ Um dann allerdings festzustellen: „Gegen Mitternacht, als Dutschkes Freunde als einzige Antwort auf das Attentat nur Gewalt wussten, als sie den Mordanschlag eines Rechtsradikalen mit Brandstiftungen und Steinwürfen erwiderten, da war die Chance des Ausgleichs zwischen der außerparlamentarischen Opposition und der demokratischen Mehrheit wieder vertan.“