„Dort will ich ein Alphabet erfinden von tätigen Buchstaben“

Verteidigerin der Menschenwürde – Zum hundertsten Geburtstag der Dichterin Hilde Domin

Hilde Domin, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit, wäre am 27. Juli einhundert Jahre alt geworden. Sie wurde 1909 als Hilde Löwenstein in Köln geboren, wo sie als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts in einem liberalen, großbürgerlichen Haus aufwuchs. In Heidelberg begann sie 1929 mit dem Jurastudium, wechselte dann zu Nationalökonomie, Philosophie und Soziologie. Sie studierte bei so bedeutenden Professoren wie dem Rechtsphilosophen Gustav Radbruch, dem Soziologen Karl Mannheim und dem Philosophen Karl Jaspers. Diese wissenschaftliche Bildung befähigte die Dichterin zu komplexen Analysen in der Poetik, die sie mit ihrer bedeutenden Schrift „Wozu Lyrik heute?“ (1968) zu einer ambitionierten Lyriktheorie verdichtete. Was an dieser innovativen Theorie besticht, ist Domins von der eigenen Dichtung geprägte bildhafte und dennoch präzise Sprache.

„Jedes Gedicht ist ein Aufruf gegen Verfügbarkeit, gegen Mitfunktionieren. Also gegen die Verwandlung des Menschen in den Apparat.“ Das Gedicht, so sah es Hilde Domin, befreit von allen Zwängen, stellt einen „Atemraum für Freiheit“ her. „Dies ist unsere Freiheit/ die richtigen Namen nennend/ furchtlos/ mit der kleinen Stimme“. Hilde Domin ging es in ihrer Lyrik um das genaue Benennen. Dann, wenn es wahrhaftig ist, traute sie dem Gedicht zu, dass es eine neue, lebbarere Wirklichkeit herzustellen vermag. „Dort will ich/ freier atmen/ dort will ich ein Alphabet erfinden/ von tätigen Buchstaben“. Das Gedicht ist also ein Gebrauchsgegenstand, allerdings ein „magischer Gebrauchsartikel“, wie ihn Hilde Domin bezeichnete, der sich nicht abnutzt, dem vielmehr immer wieder neu, immer wieder andere, erweiterte, vertiefte Bedeutungen zuwachsen.

Als Zeugin des 20. Jahrhunderts, in dem so viel Unheilvolles geschah, wurde Hilde Domin auf Lese- und Vortragsreisen bis unmittelbar vor ihrem Tod am 22. Februar 2006 nicht müde, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Sie hat sie in Dichtung umgemünzt, aber nicht in Anklage, vielmehr in „Lieder zur Ermutigung“. Als sich die Anzeichen mehrten, dass in Deutschland der Nationalsozialismus eine unheilvolle Entwicklung nehmen würde, verließ sie 1932 gemeinsam mit ihrem zukünftigen Ehemann Erwin Walter Palm ihr Land Richtung Italien, wo sie beide ihre Studien fortsetzten. Ihre Flucht führte sie 1939 weiter über England bis in die Dominikanische Republik, in der sie von 1940 bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1954 lebten. Es war auch eine Sprachodyssee, die endete mit der „Heimkehr ins Wort“, in die deutsche Sprache. Die Rückkehr bedeutete die bewusste Hinwendung zum Land ihrer Geburt und ihrer Sprache, in dem es nun galt, „Vertrauen – das schwerste ABC“ neu zu buchstabieren.

In Hilde Domins Gedichten scheint eine Moral auf, die das wahrhaftige Wort und das eigene Handeln zum Maßstab für einen möglichen Wandel macht. „Ich bin ein Dennoch-Mensch, ganz sicher“, bekräftigte Hilde Domin mehrfach in unseren Gesprächen, „mein Glaube ist, dass ein Dennoch immer möglich ist.“ In ihren Gedichten ist sie die Ruferin, als die sie zurückgekommen war. Sie fordert dazu auf, sich des Unrechts zu enthalten, Solidarität und Zivilcourage zu zeigen und sich aktiv gegen Unmenschlichkeit zur Wehr zu setzen. Denn der Mensch soll „gänzlich untauglich/ zu jedem Handgriff/ beim Bau/ von Stacheldrahthöllen“ sein. In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen im Wintersemester 1987/88, die sie unter dem Titel „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit“ hielt, beschrieb sie diese Vorgänge so: „Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich.“ Im Gedicht sah sie eine Möglichkeit und Aufgabe, „Funktion für alle“ zu haben, „denn es hilft, die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.“

Ein Turm im Haus in Heidelberg (1961–2006) war lange Jahre der Ort ihres Schaffens – aber es war für sie nie ein Elfenbeinturm, in dem sie sich vor der Welt verschlossen hat. Die vier Fenster darin waren für sie das Wesentliche. Es waren für sie die Öffnungen zur Welt, zu den Mitmenschen, wie Start- und Landeplätze für den Vogelflug, zu dem liebsten Vogel, dem „Menschenvogel“, wie sie ihn nannte, für den sie ihre Gedichte schrieb in einer Welt des Unrechts, der Verfolgungen und Demütigungen, gegen die zu kämpfen sie nicht müde wurde. Ihr, die als Jüdin exemplarisch erfahren hatte, wie ein Mensch bedroht wird, zum Opfer wird und von einem Augenblick zum nächsten zur Hilflosigkeit verurteilt wird, war das Hauptanliegen die Verteidigung der Menschenwürde, „das Unverlierbare, ohne das leben sinnlos ist.“

Die Gewissheit und die bewusste Annahme des Nicht-Heimisch-Seins, ihr Halt-Suchen und -Finden in den Lüften, unter den Vögeln, an der Rose ist immer am Zartesten, Vergänglichsten, festgemacht. Es ist die conditio humana: zerbrechlich, ungewiss, verlierbar. Dies findet sich ausgedrückt in den von ihr verwendeten Metaphern: Rose, Schmetterlingsflügel, Vogel, Blüten, Wind, um nur einige zu nennen.

Ohne den Glauben an den Menschen könne kein Wort geschrieben werden, das war ihre Überzeugung. Diese positive Grundeinstellung ist es wohl auch, die immer wieder neue Leser anspricht und die Hilde Domin zu Lebzeiten beinahe Kultstatus verliehen. Sie hatte dankbar erfahren dürfen, dass ihre Gedichte gelesen werden, „gebraucht“ im besten Sinne des Wortes. In ihren Gedichten, die von Liebe sprechen und Freiheit, von der Luft zum Atmen, von Tränen und Träumen, kann sich jeder wiederfinden. Denn Hilde Domins Lyrik verdichtet das, was jedem Menschen widerfährt oder widerfahren kann. An das Wunder glauben, davon spricht ein kleines Gedicht, das wie die Essenz ihres leidgeprüften, widerständigen, von unverlierbarer Hoffnung geprägten Lebens ist:

„Nicht müde werden

sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.“

Hilde Domin fing verhältnismäßig spät an zu schreiben. Ihr Leben als Dichterin begann erst 1951. Sie war in der Fremde, sie war eine Sterbende. Das Schreiben wurde für sie Lebensrettung. „Seither ist Schreiben für mich wie Atmen: man stirbt, wenn man es lässt.“ Die bundesrepublikanische Literaturszene betrat sie (nach einigen Gedichtveröffentlichungen in Zeitschriften) 1959 mit ihrem ersten Lyrikband „Nur eine Rose als Stütze“. „Eine Dichterin, die zu warten verstand“, urteilte der Literaturkritiker Walter Jens. In dem Bild der Rose erkannte er die deutsche Sprache, die Hilde Domin während ihres 22 Jahre dauernden Exils als Halt gedient hatte.