Würzburg

Dogma 1508

Eine kleine Reflexion über Mariä Himmelfahrt und andere peinliche Feste.

Gottesmutter Maria
Fluoreszierend sieht der Künstler Tennessee Loveless die Gottesmutter. Foto: IN

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wir Katholiken eigentlich immer so peinliche Feste feiern müssen? Weihnachten geht ja noch in Ordnung, dass wir die Geburt unseres Erlösers feiern, ist gesellschaftlich akzeptiert. Geschenke, Weihnachtsbaum, romantische Stimmung, „Fest der Liebe“ – die Leute haben kein Problem damit. Auch Ostern finden sie irgendwie nett; es wird Frühling, der Schnee taut, das Gras wird grüner und die ersten Blumen beginnen zu blühen, während man durch den Garten kriecht und Schokoeier sucht. Dass diesem der grausame Mord am Gottessohn vorausgegangen ist, sowie seine glorreiche Auferstehung, wird – wenn überhaupt – mit einem Achselzucken wahrgenommen. Trotzdem freuen sich alle auf Ostern.

Pfingsten ist für viele dann schon eine Herausforderung. Klar, auch da gibt es Ferien und wenn es Ferien gibt, ist der Grund eigentlich egal. Doch glauben diese Katholiken tatsächlich an so ein magisches Ding wie den „Heiligen Geist“, der als Flamme über den Köpfen der Apostel schwebt und sie in allen Sprachen sprechen ließ? Es ist der Geburtstag der Kirche, immerhin, aber doch ist dieses Fest der Allgemeinheit nicht so nah wie beispielsweise die Geburt des kleinen, süßen Jesuleins in Betlehem. Fronleichnam ist auch so eine Sache. Dass die Katholiken eine Monstranz mit Weihrauch und Blumenteppich durch die Straße tragen, wird bestenfalls noch als Folklore abgetan, als etwas Volkstümliches eben. Christi Himmelfahrt dagegen wird komplett vom „Vatertag“ und den Bier trinkenden, Bollerwagen schleppenden Nicht-Vätern verdrängt. Denn sonst würde auch dieser Feiertag bei den meisten Arbeitnehmern große Fragezeichen hervorrufen: Ich muss heute nicht zur Arbeit, weil dieser Jesus Christus „in den Himmel aufgefahren“ ist? Wie verrückt ist das denn!

Und dann sind da die marianischen Feste. Obwohl Maria in der Katholischen Kirche die höchsten für ein Geschöpf Gottes denkbare Stellung innehat, tun sich nicht nur Protestanten schwer mit ihr. Das bekannteste und älteste Marienfest ist Mariä Himmelfahrt. Es wird jedes Jahr am 15. August gefeiert, doch da es außer in Bayern und im Saarland kein gesetzlicher Feiertag mehr ist, fällt es häufig durch das Raster. Und doch ist es vielen zumindest vom Namen her noch ein Begriff. Maria, die Mutter Jesu, ist also ebenfalls in den Himmel aufgefahren? Ja nee, is' klar. Dass Katholiken so mancherlei seltsame Dinge glauben, daran ist man gewohnt. Aber manchmal übertreiben sie einfach, oder nicht?

Wie oft kommt es vor, dass einem so oder so ähnlich zu verstehen gegeben wird, dass man nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Manchmal passiert es sogar, dass wir bestimmte Themen lieber unter den Tisch fallen lassen, weil wir es nicht ertragen können, dass sich andere darüber lustig machen. Dann ist die Versuchung groß, sich in die eigene, katholische Wagenburg zurückzuziehen, inbrünstig Marienlieder zu schmettern, Eucharistische Anbetung zu halten, Sühnerosenkränze zu beten und sich bitterlich über die sündhafte Welt zu beklagen, ohne überhaupt einen Millimeter „Feindkontakt“ zu haben. Dabei könnten wir mit all diesen Dingen, die wir lieber im Verborgenen unter unseresgleichen tun, selbstbewusst und einladend Zeugnis geben! Warum also diese Feigheit?

Glaubensgut - zum reinen Brauchtum verkommen

Vielleicht liegt es daran, dass viel von unserem Glaubensgut zum reinen Brauchtum verkommen ist. Wenn überhaupt, wird das Fest Mariä Himmelfahrt noch mit der Kräuterweihe verbunden, die noch immer in den meisten Gemeinden stattfindet. Diese werden dann getrocknet in der Wohnung aufgehängt und sollen symbolisch für die Kräuter und Blüten stehen, die die Jünger Jesu im leeren Grab Mariens fanden, nachdem sie zum Himmel aufgefahren ist. Dabei ist dieses Ereignis nicht einmal biblisch. Cyrill von Alexandrien hat das Fest angeblich im 5. Jahrhundert eingeführt. Er bezog sich dabei auf apokryphe Schilderungen, wonach die Apostel bei Maria am Totenbett anwesend waren und Zeuge wurden, wie sie direkt nach ihrem Tod leiblich in den Himmel aufgenommen wurde. Seit Mitte des 7. Jahrhundert wurde es am 15. August in Rom gefeiert, 813 kam die Tradition ins heutige Deutschland. Erst vor knapp 70 Jahren wurde „die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ von Papst Pius XII. in der Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“ zum Dogma erhoben. So herausfordernd es vielleicht klingen mag, aber es gehört damit zum verpflichtenden Glaubensgut. Warum aber fällt es uns oft so schwer, zu unserem Glaubensgut zu stehen? Es gibt Menschen, die erzählen ganz selbstbewusst, dass sie daran glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, die Pyramiden von Aliens errichtet wurden und dass die GEZ-Gebühren in ihrer Höhe und Art der Verwendung sinnvoll sind. Warum haben nicht wir dieses Selbst- und Sendungsbewusstsein, wo wir doch wissen, dass sich „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ uns offenbart hat? Zumal das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel nach katholischer Lehre sogar nur konsequent ist. Wir glauben, dass Maria ohne Erbsünde empfangen wurde, also von vornherein nicht mit der Fähigkeit ausgestattet war zu sündigen. Die Sünde wiederum trennt uns von Gott und dem, was wir „Himmel“ nennen.

Der Himmel wiederum ist der Ausdruck für den Zustand unserer Seele nach dem Tod, wenn sie nach Läuterung (zum Beispiel nach Abbüßung der zeitlichen Sündenstrafen im Fegefeuer) ganz bei Gott ist. Erst nach dem Jüngsten Gericht werden Leib und Seele bei Gott wiedervereint. Die zeitlichen Sündenstrafen sind eine Folge der Sünden, die uns von Gott trennen. Durch Reue, Beichte und Buße wird die Verbindung zu Ihm zwar wieder repariert, doch bei schwerwiegenderen Verfehlungen ist eine zusätzliche Abbüßung notwendig, die entweder schon hier auf Erden durch Werke der Buße oder nach dem Tod durch eine zeitlich begrenzte Bußzeit im Fegefeuer abgeleistet wird. Da Maria aber als einziges Geschöpf Gottes keine Sünden begangen hat, ist es nur folgerichtig, dass sie nach katholischem Verständnis von Eschatologie nach ihrem Tod direkt mit Leib und Seele zu Gott „aufgefahren“ ist. Allein deshalb ist schon ein substanzieller Unterschied zwischen der „Himmelfahrt“ Mariens und der Himmelfahrt Christi.

Wann haben wir Katholiken uns eigentlich angewöhnt, nicht auffallen zu wollen?

Doch selbst mit diesem Wissen wird man bei der Gartenparty des Nachbarn oder bei alkoholgeschwängerten Bargesprächen keine anerkennende Schulterklopfer ernten. Zu oft hören wir von unserm Gegenüber ein gönnerhaftes: „Ich schätze es sehr, dass die Kirche ihre soziale Verantwortung wahrnimmt, aber sonst bin ich eher so der wissenschaftliche Typ.“ Das tut manchmal weh, denn auch wir wollen irgendwie dazugehören und nicht wie Freaks behandelt werden. So „peinliche“ Feste wie Mariä Himmelfahrt könnten schließlich unseren guten Ruf beschädigen. Schließlich betonen wir gerne, dass wir zwar katholisch sind, „aber trotzdem gut drauf“.

Doch wann haben wir Katholiken uns eigentlich angewöhnt, nicht auffallen zu wollen? Warum haben wir Angst davor, uns auf unseren Glauben reduzieren zu lassen? Warum empfinden wir das überhaupt als eine Reduzierung? Freuen dürfen Sie sich übrigens schon jetzt auf den 8. Dezember. Denn dann feiert die Kirche das Fest „Mariä Empfängnis“. Eine gute Gelegenheit, um mitten in der romantischen Adventszeit mal die Themen Jungfräulichkeit, Erbsünde und Gottes Heilsplan zur Sprache zu bringen. Schämen müssen Sie sich dafür nicht. Sie haben die Frohe Botschaft bereits gehört. Erzählen Sie ruhig auch anderen davon.