„Dieser Tod hat nichts Trauriges“

„Zwischen Erde und Himmel“: Vincent van Gogh und seine Landschaftsbilder in Basel

Zum „wichtigsten europäischen Kunstereignis 2009“ sollte diese van Gogh Ausstellung mit ihren 70 Gemälden werden, haben die Schweizer Ausstellungsmacher voller Selbstbewusstsein gesagt. Unter dem Titel „Vincent van Gogh – Zwischen Erde und Himmel: Die Landschaften“ sind bis zum 27. September 2009 Arbeiten sämtlicher Schaffensperioden des Holländers Vincent van Gogh aus Privat- und Museumsbesitz in Europa, Amerika und Asien zu sehen. Mehr als eine viertel Million Besucher haben die Ausstellung schon gesehen.

Smaragdgrüne Augen schauen den Besucher gleich zu Beginn an: es ist ein Selbstporträt des Pastorensohnes van Gogh aus dem Jahr 1887. Wer nah genug an das nur 43 mal 34 Zentimeter große Bild herantritt, kann die Risse in der Leinwand erkennen. Die Risse im Material stehen symbolisch auch für die Risse im Charakter des Autodidakten van Gogh, der zeitlebens von Selbstzweifeln, Einsamkeit und innerer Unruhe geprägt war. Die Leere in seinen Augen mag auch Ausdruck eines ewig Suchenden sein. Neben „Mademoiselle Gachet am Klavier“ ist es das einzige nicht landschaftliche Sujet in der Sonderausstellung – keine Regel ohne Ausnahme, deren Begründung darin liegen dürfte, dass beide Bilder zum Basler Bestand gehören.

Der Besucher sieht bekannte Schlüsselwerke, wie „Kornernte in der Provence“ von 1888 aus dem Israel Museum, Jerusalem oder „Zypressen“ (Juni 1889) aus dem Metropolitan Museum, New York, aber auch bisher der Öffentlichkeit kaum bekannte Bilder, die einen ganz neuen Zugang zur Kunst van Goghs eröffnen. Die Exposition ist chronologisch aufgebaut und großzügig gehängt.

Beachtlich sind in vielen Landschaften die religiösen Motive des Malers, der vor seiner Künstlerkarriere eine Zeit lang als Hilfsprediger nahe London arbeitete, als Laienprediger in einer belgischen Bergbaugemeinde wirkte, aber mit einem Theologiestudium scheiterte. Letztendlich kam er durch die entzogene Anerkennung seines leidenschaftlichen Engagements und damit verbundene psychische Krisen zur Kunst.

Oft geht es in van Goghs Werken um Werden und Vergehen, wenn zum Beispiel ein Bauer nahe einem Friedhof einen Acker pflügt, wo er selbst einmal begraben sein wird („Der alte Friedhofturm in Nuenen“, 1884, Museum Otterlo). Auch die mit kühnen Kontrasten ausdifferenzierten Kompositionen vom Himmel, der Erde, den Gräsern oder Ähren auf den Feldern sind mit dem Gedanken an eine höhere Macht entstanden. Viele Bilder haben einen allegorischen Hintergrund und erzählen biblische Gleichnisse. Zum Bild „Der Schnitter“ von 1889 (Folkwang Museum Essen) schrieb er an seinen Bruder Theo, der Kunsthändler in Paris war und ihn zeitlebens unterstützte und förderte: „Ich sehe in diesem Schnitter ,ein Bild des Todes‘ ... Aber dieser Tod hat nichts Trauriges, das geht bei hellem Tageslicht vor sich, mit einer Sonne, die alles mit feinem Goldlicht überflutet.“

Im Weinberg sah er einen Gottesbeweis, nach dem Matthäus-Evangelium, wo Verdienst und Lohn beim Erreichen des Himmelsreiches rufen. Landschaften sind bei van Gogh immer auch ein Spiegel der Seele des Künstlers. Auch in der Provence assoziierte er biblische Ereignisse zum Beispiel in der Bedeutung des Olivenhains als Ort der Gefangennahme Christi. Aber seine Religiosität funktionierte unabhängig von einer gemalten Christusfigur. Die Bibel wird durch die Landschaftsbilder in die Gegenwart geholt, quasi beseelt und damit das Göttliche in der Natur beschworen. Trotz seiner kurzen Schaffenszeit preisen Werke aus allen seinen Perioden die Einzigartigkeit und Schönheit der Schöpfung.

Und seine Kunst wurde durch die Landschaften geprägt, in denen Vincent van Gogh lebte. Im holländischen Frühwerk (Nuenen) fallen die erdigen Töne auf. In Paris kommt die lichte und farbbetonte Malweise zum Tragen und in Südfrankreich (Arles und Saint-Remy) sind es die intensiven, leuchtenden Farben, welche seine vor der Natur entstandenen Werke dominieren. Empfohlen wird die Nah- und Fernsicht auf die Bilder. Farbpunkte, Striche, Farbwulste zeigen den virtuosen Pinselduktus. Die Weite und Entfernung zu seinen Bildern lässt die genialischen Kompositionen erst erkennen.

Van Gogh betonte den Kreislauf der Natur und damit die Schöpfung Gottes, wie es in seinen Meisterwerken „Olivenbäume mit Les Alpilles im Hintergrund“ (The Museum of Modern Art, New York), „Der grüne Weinberg“ (Kröller Museum, Otterlo) oder in „Die Ebene La Crau bei Arles mit blühenden Pfirsichbäumen“ (The Courtauld Gallery, London) signifikant deutlich wird. „Die thematische Konzentration auf das Landschaftsbild eröffnet neue Möglichkeiten, die herausragende künstlerische Kraft dieses großen Malers zu erleben und zu begreifen“, sagt dazu Bernhard Mendes Bürgi, Direktor des Basler Kunstmuseums.

Zu Lebzeiten war Vincent van Gogh kein kommerzieller Erfolg beschieden. Heute gehören seine Werke auf den Kunstmärkten zu den teuersten. Er hatte keine Familie und keine Kinder. Zum Ende seines Lebens war er sehr einsam und psychisch schwer krank. In dieser Situation wählte er den Freitod. Er starb mit 37 Jahren. Sein Bruder Theo litt schwer am unerwarteten Tod seines älteren Bruders und wurde nicht einmal ein Jahr später heimgeholt. Das Grab der beiden Brüder befindet sich auf dem Friedhof in Auvers.

Ergänzend sind 40 Meisterwerke von Zeitgenossen van Goghs aus der Sammlung des Kunstmuseums Basel zu sehen. Mit anderen Impressionisten wird die bahnbrechende Auseinandersetzung mit der Natur untermauert.