Die unsägliche Tristesse der Entscheidung

Das „Institut für Ehe und Familie“ lud in Wien zum Talk über den Abtreibungsfilm „24 Wochen“ – Wie der Keil des Zweifels die Lebensfreude zerstört. Von Stephan Baier

Astrid (dargestellt von Julia Jentsch) hätte sich „so gern anders entschieden“, nämlich für ihr behindertes Kind. Foto: dpa
Astrid (dargestellt von Julia Jentsch) hätte sich „so gern anders entschieden“, nämlich für ihr behindertes Kind. Foto: dpa

Abtreibung – Spätabtreibung zumal – werde in der Gesellschaft tabuisiert, begründete der Direktor des kirchlichen „Instituts für Ehe und Familie“ (IEF), Johannes Reinprecht, am Donnerstag die ungewöhnliche Entscheidung, im Wiener Votivkino den Film „24 Wochen“ vor ausgewähltem Publikum zu zeigen und anschließend zu diskutieren. „Der Film ist realitätsnah und schauspielerisch gut gemacht“, inhaltlich jedoch wolle man ihn „nicht unhinterfragt lassen“, so Reinprecht, der den Zuschauern „ein starkes Gemüt und ein waches Herz“ wünschte. Beides aus gutem Grund, denn „24 Wochen“ vermittelt emotionsdicht eine komplexe, ambivalente Botschaft.

Gezeigt wird ein zunächst lebensfrohes, modernes Paar mit kleinem Kind – Astrid ist Kabarettistin, Markus ihr Manager –, das sich über die zweite Schwangerschaft freut. Selbst als Trisomie 21 diagnostiziert wird, steht der Entschluss des Paares, das dezidiert als nicht-religiös präsentiert wird, fest: „Wir haben darüber nachgedacht, und haben uns dagegen entschieden“, sagt Markus, als die Schwiegermutter manipulativ meint, man müsse „heute solche Kinder nicht mehr kriegen“. Die Kälte der schockierten Freunde, das unfreiwillige Outing, die herzlosen Äußerungen des kündigenden Kindermädchens, die schamlose Berichterstattung der Medien – all das trifft das sympathische Paar ins Herz, bringt ihre Entscheidung für das behinderte Kind jedoch noch nicht ins Wanken.

Erst als zusätzlich ein schwerer Herzfehler festgestellt wird, als die empathiebehinderten Ärzte referieren, wie dem Baby der Brustkorb aufgesägt werden muss, als Astrid auf der Frühgeburtenstation behandlungsbedürftige Neugeborene besichtigt, schleichen sich Zweifel ein. Nun gerät die Beziehung ins Schlingern. Tristesse breitet sich aus: Sie fühlt sich zu schwach und von der Situation überfordert; er will das Kind um jeden Preis. Die Fröhlichkeit, die das Paar ausstrahlte, weicht angesichts der Entscheidung einer wachsenden Entfremdung, Bitterkeit, Hilflosigkeit. Sie dürfe nicht über Leben und Tod entscheiden, sagt Markus. „Dein Bruder hat kein gesundes Herz, so wie Du“, sagt Astrid zu ihrem Sohn, als sie sich zur Abtreibung durchgerungen hat.

Tristesse herrscht ab dem Moment, da die Mutter sich nicht mehr auf ihr zweites Kind freuen kann, sondern meint, eine Entscheidung treffen zu müssen. Auch die Tristesse eines kalten Krankenhauses mit einer nur scheinbar einfühlsamen Hebamme und dem auf Effizienz bedachten Arzt. Tristesse zuhause wie bei der Rückkehr ins Berufsleben. „Ich weiß nicht, ob es richtig oder falsch war – vermutlich ein bisschen beides“, sagt Astrid im Radio-Outing traurig. „Ich habe im siebten Monat mein Kind abgetrieben.“ Der Film endet mit einem melancholisch gehauchten „Ich vermisse Dich.“ Da ist kein trotziges „Mein Bauch gehört mir“, keine Heroisierung der freien Selbstbestimmung, sondern eine arme, Mitleid weckende Frau in kalter Umgebung. Gleichwohl entzieht „24 Wochen“ die Entscheidung der Frau jeder moralischen Beurteilbarkeit, angesichts der Tragik der Umstände und ihrer eigenen Traurigkeit.

Schweigsam mache dieser Film, meinte der Soziologe Erich Griessler vom „Institut für Höhere Studien“ in Wien in der Diskussion. Der Film verurteile nicht, zeige eine für alle bedrückende Situation, sende eine ambivalente Botschaft. Die „Vielfarbigkeit“ dieser Wirklichkeit spiegle sich jedoch nicht im realen politischen Diskurs.

Die Hebamme und Trauerbegleiterin Renate Mitterhuber, die Frauen direkt nach Abtreibungen betreut, sagte: „Es sollte keine solchen Entscheidungen geben müssen.“ Untypisch sei im Film die Rolle des Vaters, der das Kind will und darum zu seiner Frau auf Konfrontation geht: „Das ist nicht das Übliche – eher umgekehrt.“ Mitterhuber sieht ihre Aufgabe darin, Frauen nach der Abtreibung zu helfen, „dass sie das betrauern können, damit das heilen kann“. Sie meinte: „Das Kind muss in der Familie präsent bleiben.“ Die Frauen müssten mit der Frage nach der Schuld weiterleben. „Da kann man sie auch nicht entlasten.“ Astrids Angst, die Situation einfach nicht zu bewältigen, kenne sie aus ihrem Alltag: „Wir Hebammen hören täglich Frauen, die meinen, das nicht zu schaffen – ab fünf Zentimeter geöffnetem Muttermund.“ Ihr Fazit: „Auch Entscheidungsprozesse brauchen Begleitung.“

Der Film sei „sehr realitätsnah“, sagte der Wiener Gynäkologe Karl Radner. Die Ärzte stünden in solchen Fällen nicht nur zeitlich unter einem enormen Druck, sondern neigten auch zur „Absicherungsmedizin“: Die Abtreibung sei für die Ärzte der sicherste Weg, selbst keine Probleme zu bekommen, deshalb würden Ärzte in solchen Fällen meist zu einer Abtreibung raten.

Ein berührendes Lebenszeugnis gaben die Eheleute Angela und Willi Prokop, deren siebtes Kind mit einem schweren Herzfehler zur Welt kam. Der Vater gestand, dass er das Thema bis zwei Tage vor der Geburt eher verdrängte, sich „in der Arbeit verschanzt“ habe. Der heute 13 Monate alte Vincent kam nach der Geburt sofort auf die Intensivstation und musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen. „Schaffe ich das?“, diese Frage Astrids kenne sie nur zu gut, meinte Angela Prokop.

Stephanie Merckens, Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission und Referentin für Biopolitik am IEF, kritisierte, der Film zeige ein „seltsames Bild von Stärke“, denn die Hauptdarstellerin sei keine starke, selbstbewusste Frau. Sie entscheide letztlich aus Angst vor dem Leid und vor der eigenen Überforderung. Im Gespräch mit dieser Zeitung meinte Merckens, der Film bringe die Realität, wie sie sei, nicht wie sie sein sollte. Er spiegle „eine Gesellschaft, die tendenziös ist“. Merckens wörtlich: „Wir haben eine Rechtslage, die es ermöglicht, den Keil des Zweifels in die Haltung der Betroffenen zu bringen.“ Durch ihre Mutter, durch den Arzt und die Hebamme werde die schwangere Astrid verunsichert. Sie habe laufend Menschen um Rat gefragt, und nicht nur nach Informationen. Antworten zu geben bedeute aber auch Verantwortung. Astrid hätte Menschen gebraucht, die sie stärken und ihr Mut anstelle von Angst machen.

Beim Talk im Votivkino war auch der selbst schwer behinderte ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg im Publikum. Er sagte in einer Wortmeldung, es sei gut, dass der Film zeige, wie eine Spätabtreibung abläuft, „denn das wird immer abgestritten“. In Deutschland gebe es 400 solcher Spätabtreibungen pro Jahr, in Österreich gebe es nicht einmal eine Statistik – „das wird totgeschwiegen“. Der Präsident des Katholischen Familienverbands, Alfred Trendl, sagte, Spätabtreibung behinderter Kinder sei ein Tabu. Das IEF wolle die Frage stellen, wie Leben möglich ist, nicht ob es möglich ist, ergänzte Stephanie Merckens.