Die neue Lust der Atheisten

Ob es die britische Erlaubnis zur Chimärenzucht ist, oder die deutsche Form des hedonistischen Atheismus – gemeinsam ist dieser neuen Phase des Kulturkampfes die völlige Aufgabe ethischer Normen. Auch der Boden ziviler Humanität weicht auf.

Ärgern kann man sich, enttäuscht sein oder verständnislos, doch für Verwunderung ist kein Raum. Alles andere als das vom britischen Unterhaus mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossene Ja zu den „Designer-Babies“ und zu den Mensch-Kuh-Zwitterwesen wäre eine Überraschung gewesen. Keineswegs nur Rhetorik, sondern britischer Commonsense war Premierminister Gordon Browns kühle Aussage, solche Experimente zuzulassen sei eine „moralische Verpflichtung“. Sein Parteikollege Des Turner ergänzte, die dauerhafte Legalisierung der „Designer-Babies“, künstlich erzeugter Kinder also zur erhofften Therapie der erkrankten Geschwister, verdanke sich einem „mächtigen moralischen Argument“: „Wir sollten jene Medizin erlauben, um mehr Leben zu retten und Leid wo immer möglich zu verringern.“

„Politik und ergo auch Biopolitik sind im angelsächsischen Raum Verfahren, die sich ihre leitenden Prinzipien stets selbst und stets neu geben. Keine vorpolitischen Räume sind politisch relevant, jede Norm gilt bis zum Richtungswechsel der normgebenden Instanz“

Für kontinentaleuropäische Ohren befremdlich ist die Leichtigkeit, mit der man sich in England experimentell über Gattungsgrenzen hinwegsetzt, um wahrzumachen, was Browns Vorgänger Tony Blair in die Worte kleidete: „Wir wollen zum erfindungsreichsten und innovativsten Land Europas im Bereich der Biotechnologie werden.“ Deshalb hat Großbritannien im Dezember 2001 als erstes Land innerhalb der Europäischen Union das Forschungsklonen legalisiert, und deshalb ist dort auch die bezahlte Eizellenspende statthaft. Weil dennoch zu wenige britische Frauen sich dazu bereit erklärten, soll die Eizelle der Kuh den „Eizellenmangel“ beheben. Kühe klagen nicht, Kühe fragen nicht, Kühe sterben keinen Menschentod.

Designer-Baby und Chimärenzucht wurden gutgeheißen aus angeblicher moralischer Notwendigkeit. Diese aber ist letztlich nur das Resultat eines technizistischen Politikverständnisses, ist bestenfalls eine Ethik zur Durchsetzung klar umrissener Interessen, vornehmlich eben jener der biotechnologischen Industrie. Politik und ergo auch Biopolitik sind im angelsächsischen Raum Verfahren, die sich ihre leitenden Prinzipien stets selbst und stets neu geben. Keine vorpolitischen Räume sind politisch relevant, jede Norm gilt bis zum Richtungswechsel der normgebenden Instanz. Eine dergestalt utilitaristisch zugespitzte Politik ist auf dem besten Weg, auch hierzulande die Gesellschaft umzuformen. Denn ihr weltanschauliches Fundament, die naturalistische Ethik, wächst täglich im Stillen und manchmal auch im Lauten, auf den medialen Marktplätzen einer erregten Öffentlichkeit.

Jüngstes Flaggschiff im Feldzug der Naturalisten ist ein unscheinbares Bändchen, klassisch gelb gewandet, wie es „Reclams Universal Bibliothek“ seit jeher zukommt. Stolz weist die Giordano-Bruno-Stiftung auf das Bändchen hin: „In der gelben Reihe des Reclam-Verlags ist soeben der erste Band des ,Kolleg Praktische Philosophie (Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft)‘ erschienen. Die Mehrzahl der Beiträge dieses Bandes wurde von GBS-Autoren verfasst.“ Es folgen fünf Namen. Schlägt man das Bändchen auf, so entdeckt man acht Beiträge, von denen genau die Hälfte auf das Konto der Bruno-Stiftung geht. Dass die Hälfte aber die Mehrzahl sei, ist eine Aussage, die nicht so recht in das zahlenbegeisterte Denken der Neoatheisten passen will.

Das Autorenverzeichnis hält die nächste Überraschung parat. Einzig bei dem „freischaffenden Schriftsteller und Philosophen“ Michael Schmidt-Salomon („Wo bitte geht's zu Gott?“) ist dessen Vorstandstätigkeit innerhalb der Bruno-Stiftung angegeben. Die vier übrigen Autoren haben sich jeden Hinweises auf ihr weltanschauliches Sendungsbewusstsein enthalten. Warum? Soll hier nicht nur mit schlaffen Segeln, sondern auch unter falscher Flagge das Meer des Vorurteils durchpflügt werden? Eine solche Zurückhaltung ist schwer verständlich, wollen die Autoren doch laut Umschlagtext Antworten geben „auf die Frage, wie wir leben und handeln sollen“ – es sei denn, es ist ihnen sehr darum zu tun, eben diese Antworten nicht durch einen Hinweis auf das propagandistische Wirken der Bruno-Stiftung unter erhöhten Rechtfertigungsdruck zu setzen.

Welche Antworten erhält der Orientierung suchende Leser, der ohne Kenntnis der Kontexte nach dem Büchlein greift, weil er genau das wissen will, wie er leben und handeln soll? Schmidt-Salomon liefert zuverlässig, wie es zu erwarten war, eine verwissenschaftlichte Fassung seiner These aus dem „Manifest des Evolutionären Humanismus“ (2006) und der „Enzyklopädie für freie Geister und solche, die es werden wollen“ (2007): Das Böse gebe es nicht, es sei eine aus religiöser Indoktrinationslust erfundene, „in der Regel schädliche Hypothese“. Legitimatorischer Glanz soll von den Berggorillas ausstrahlen. Bei diesen „fallen mehr als ein Drittel des Nachwuchses bis zum Alter von drei Jahren Kindstötungen zum Opfer“. Niemand käme nun auf die Idee, einen kindstötenden Gorilla böse zu nennen, „während diese moralische Kategorie auf menschliche Kindermörder in der Regel unhinterfragt angewandt wird. Wie erklären wir uns diese Unterschiede?“

Die Antwort, Tiere seien kategorial verschieden von den mit einer Würde ausgezeichneten und mit Vernunft begabten Menschen, mag Schmidt-Salomon ebenso wenig geben wie irgendeine andere Antwort. Er schlägt stattdessen vor, hinter jeder Handlung, auch der verwerflichsten, absurdesten, brutalsten, „schlichte Gesetzmäßigkeiten“ zu sehen, „biologische Prozesse“ und Interessenkonflikte. Auch diese Aussage kann man seltsam finden: Entdeckt gerade der materialistische Blick, dem alles Geistige suspekt ist, die Natur wieder als Gesetzgeberin? Sind die Gene und die Ganglien und nichts und niemand sonst die Souveräne allen Lebens? So ist es wohl gemeint.

Ähnlich reduktionistisch fasst „GBS-Autor“ Gerhard Vollmer, Philosoph in Braunschweig und Changsha/China, die vermisste naturalistische Ethik in dem Satz zusammen, „überall in der Welt gehe es mit rechten Dingen zu“ – wobei notabene religiöse Praxen und unmaterialistische Phänomene nicht zu den „rechten Dingen“ rechnen. Auch Vollmer singt das Hohelied auf das „Prinzip der natürlichen Auslese“ und den „naturalistischen Erklärungsrahmen“ Darwins, der „die gesamte Biologie“ umfasse, und auch Vollmer lehnt „absolute Normen, Letztbegründungen, kategorische Imperative und Dogmen ab“.

„Die dank Normen- aversion geschaffenen Fakten sind normativ und absolut, nämlich absolut unumkehrbar. Kein Design-Baby lässt sich wieder zurückzwängen ins Reagenzglas“

Die Spannung zum werbenden Umschlagstext ist mit Händen zu greifen. Es kann folglich in dem auf vier Bände angelegten Projekt namens „Kolleg Praktische Philosophie“ nicht darum gehen, tatsächlich zu sagen, „wie wir leben und handeln sollen“. Nein, eine naturalistische Ethik kann höchstens Auskunft geben, wie ich jetzt leben und wie ich momentan handeln soll. Zudem stoßen selbst solche Antworten sich auf biopolitischem Feld massiv mit ihren eigenen Voraussetzungen. Die dank Normenaversion geschaffenen Fakten sind normativ und absolut, nämlich absolut unumkehrbar. Kein Design-Baby lässt sich wieder zurückzwängen ins Reagenzglas.

Der Dritte aus der Giordano-Bruno-Gilde ist Philosoph Bernulf Kanitscheider aus dem mittelhessischen Gießen. Seine Aversion gilt der Vernunftphilosophie, seine Zuneigung der Lust. Hedonist, der er sein will, preist Kanitscheider die beiden Sätze „Wir wollen das, nach dem die Menschen spontan streben, als obersten Wert, als das Gute setzen“, und „Die Lust ist gut“. Nur wo diese Sätze beherzigt werden, entwickele sich alles zum Besten: „In einer Gesellschaft, die auf die Wünsche der Menschen, ihre Lust zu verwirklichen, Rücksicht nimmt, werden alle, wie man an den Sitten des Sexualverhaltens der griechisch-römischen Antike sieht, glücklicher leben.“ Da das 21. Jahrhundert durch ein „Wiedererstarken der auf [...] Repression angelegten monotheistischen Religionen“ gekennzeichnet sei, empfehle sich mehr denn je „ein zeitgemäßer Hedonismus“ gemäß der Maxime: „Den Hedonisten interessieren die Folgen seiner Handlungen nur insofern, als sie ihm Hindernisse bei der Erreichung seiner Fernziele bereiten könnten.“

Schweigen wir vom Vierten im atheistischen Bunde, einem Philosophen aus Schwäbisch Gmünd, und halten wir fest: Nicht dass Neoatheisten so reden, wie sie eben reden, nicht dass sie alles Nicht-Atheistische, Nicht-Relative, Nicht-Diskursivierbare verbannen wollen, ist das Brandneue dieser Tage – sondern dass sie es tun im geborgten Gewand klassischer normativer Philosophie und doch gerade diese und damit den Boden des gesamten abendländischen Denkens, den Boden auch der zivilen Humanität hinwegräumen wollen. Das ist nicht nur Camouflage, das ist auch Chuzpe und eine Prise Unlauterkeit. An einem aber herrscht nun kein Zweifel mehr: Der Kulturkampf tritt in eine neue Phase. Nicht die Gläubigen sind für diese Verschärfung verantwortlich. Sie wären aber dafür verantwortlich, wenn der Abschied von der bisherigen Welt so ganz geräuschlos gelänge.