Die liberalisierte Ehe ist ein Irrweg

An europäischen Wurzeln festhalten: Das Kölner Lindenthal-Institut tagte über „Ehe und Familie im Gegenwind“ Von Burkhardt Gorissen

Die norwegische Professorin Janne Haaland-Matlary forderte eine entschiedene Bestätigung des christlichen Familienbildes. Foto: Lindenthal Institut
Die norwegische Professorin Janne Haaland-Matlary forderte eine entschiedene Bestätigung des christlichen Familienbildes... Foto: Lindenthal Institut

Seit nunmehr 40 Jahren steht das Lindenthal-Institut für anspruchsvolle Veranstaltungen. Auch diesmal war es gelungen, der langen Kette namhafter Referenten weitere hinzuzufügen. Janne Haaland Matlary, Professorin für „Internationale Politik“ an der Universität Oslo und Michael-Burkhard Piorkowsky, der „Haushalts- und Konsumökonomik“ an der Universität Bonn lehrt, bestätigten das hohe Niveau.

Zu Beginn sprach Hans Thomas. In seinem Einführungsvortrag ging der Direktor des Lindenthal-Instituts darauf ein, dass die Familie heute in vielfältiger Weise existenziell bedroht ist. Er beklagte, dass trotz des garantierten Schutzes von Ehe und Familie im Grundgesetz, immer mehr politische Entscheidungen dieser Schutzgarantie zuwiderlaufen. Die Liberalisierung der Ehe bedeute jedoch in Wahrheit nichts anderes als staatliche Reglementierung. Ein Irrweg, denn allein die Familie bilde die Wurzel für ein friedliches, solidarisches und ökonomisch produktives Gemeinwesen.

Ist eine hyper-tolerante Gesellschaft, deren Ideal sich in Überzeugungslosigkeit äußert, vor dem Abgleiten in eine ausweglose Anarchie geschützt? Im „Gleichstellungsfuror verlieren Menschen die Fähigkeit, ihr Leben in Freiheit und Würde zu gestalten“, sagte Thomas und verwies auf die zivilgesellschaftliche Pflicht, Familie und Ehe zu verteidigen. Der Protest von mehr als einer halben Million Menschen gegen die von der Regierung Hollande geplanten Gleichstellungsgesetze für Homosexuelle stellten beispielsweise ein dringend notwendiges Signal dar. Denn, „Toleranz ist eine Tugend, Gleichgültigkeit jedoch keine“, bekräftigte der Direktor des Lindenthal-Instituts, dessen fundierter, weitblickender Vortrag eine ausgezeichnete Einstimmung in das Kolloquium gab.

Im Anschluss daran referierte Janne Haaland-Matlary über „Menschenrechte und Naturrecht – im Blick auf die Rechte der Kinder“. Matlary, Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, kämpft um das Überleben des ganzheitlichen Frauenbildes. Die gegenwärtigen Diskussionen sind von so grundsätzlicher Art, dass der Begriff „Kulturkampf“ berechtigt ist, weiß die Osloer Professorin, die von 1997 bis 2000 stellvertretende Außenministerin Norwegens war.

„Der moderne Europäer hat sich selbst von seinen historischen Wurzeln gelöst und glaubt, dass die Geschichte und ihre philosophischen Erkenntnisse für ihn bedeutungslos sind“, sagte die vierfache Mutter, die als junge Studentin zum Katholizismus konvertierte. „Der Freiheitsbegriff scheint grenzenlos zu wachsen“ und „der technische Wissensstand bestimmt, was man mit und für den Menschen tut“.

Jeder Mensch sei seinem Wesen nach eine Person, betonte Matlary mit Blick auf das Naturrecht. Schließlich sei es keine Glaubens-, sondern eine Wissensfrage, wann das Leben eines Menschen beginnt. Doch, so die Osloer Professorin, der moderne Relativismus bestreite, „dass es außer den Normen der Political Correctness noch weitere gemeinsame Normen gibt“. Sie forderte eine radikale Bestätigung des christlichen Familienbildes. Gegenwärtig sieht sie etliche Fehlentwicklungen, dazu gehört, dass durch Eispende und Leihmutterschaft für „gleichgeschlechtliche Paare ,erzeugte‘ Kinder“ von ihrem Vater isoliert werden, und nur noch das Recht haben, „mit 18 Jahren die Identität des biologischen Vaters zu erfahren“.

Eindringlich warnte Janne Haaland-Matlary vor einem Missbrauch der Menschenrechte, wie sie gegenwärtig in den Bestrebungen, die Abtreibung als Menschenrecht zu deklarieren, offen zutage trete. Die Demokratie ist absolut gefährdet, wenn Nihilismus und Atheismus die Menschenrechte untergraben. Die relativistische Gleichmacherei also eine Perversion des Denkens? In ihrem leidenschaftlichen Appell an die Vernunft resümierte Matlary: „Wenn der Zeitgeist bestimmt, dass alles dekonstruiert und rekonstruiert werden kann, ist es Zeit, die tieferen Probleme (...) ins Auge zu fassen.“

Vom ökonomischen Standpunkt aus stellte Michael-Burkhard Piorkowsky Betrachtungen zur Bedeutung von Ehe und Familie an. Der Bonner Professor, der unter anderen am 1. und 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung mitwirkte, hob die Wichtigkeit hervor, ein neues Verständnis vom Wirtschaften in den Köpfen zu verankern. „Geld spielt zwar eine wichtige Rolle für unser Wirtschaftssystem. Aber die ganz grundlegenden wirtschaftlichen Tätigkeiten, die in unseren privaten Haushalten stattfinden, also die tägliche Arbeit der Hausfrauen und Hausmänner und der helfenden Kinder, wird nicht bezahlt“.

Die Vernachlässigung der Haushalte als ökonomische Basisinstitutionen habe ihn bereits im Studium gewundert, sagte der zweifache Familienvater, der an der Freien Universität Berlin sein Betriebs- und Volkswirtschaftsstudium absolvierte. Schließlich beginnt „Wirtschaften im Haushalt mit den grundlegenden Entscheidungen über die Zeitaufteilung und Organisation für Haushalts- und Erwerbsarbeit, Freizeit- und Familienaktivitäten“. Das erfordere ein Umdenken. Es sei wichtig zu lernen, mit den eigenen Ressourcen bewusst umzugehen, um das eigene Leben zu gestalten. „Familien sind als Basisorganisationen von Wirtschaft und Gesellschaft unersetzlich“, lautete das Fazit des Haushaltsökonomen der Universität Bonn.

Die abschließende Podiumsdiskussion, von Johannes Hattler souverän geleitet, zeigte noch einmal deutlich, wie wichtig zielorientierte Aufklärungsarbeit ist, um die drohende „schöne neue Welt“ abzuwenden. Wo Gott als Garant des Lebens wegfällt, wird der Mensch zum Humankapital herunterdefiniert. Doch der Mensch als „arrivierter Affe“ wird es schwer haben, seine Menschenrechte zu verteidigen, die im Ernstfall allen möglichen Interessen geopfert werden. Am Schluss der Veranstaltung gab es langanhaltenden Applaus für die Referenten. Die Zuhörer in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal des Lindenthal-Instituts nahmen die Gewissheit mit, dass es notwendig ist, für christliche Grundwerte einzustehen.