„Die geweihten Kulturgüter haben in einem Museum nichts zu suchen“

Das Warschauer Nationalmuseum fordert von der Danziger Marienkirche ausgeliehene Kunstwerke zurück – Die Kirche protestiert. Von Stefan Meetschen

Die Marienkirche in Danzig besitzt die strittigen religiösen Werke. Foto: IN
Die Marienkirche in Danzig besitzt die strittigen religiösen Werke. Foto: IN

Über die zerstörerische Gewalt des Zweiten Weltkriegs ist viel geschrieben worden: Dass durch den Krieg und die unmittelbaren Nachkriegsereignisse auch viel Kunst- und Kulturerbe vernichtet wurde, gerät dabei angesichts der menschlichen Opferdimension naturgemäß ein bisschen in den Hintergrund. Dennoch ist es eine Tatsache: Mehr als 70 Prozent seines materiellen Kulturerbes hat Polen durch den Zweiten Weltkrieg verloren. Durch Zerstörung oder Kunstraub. Eine gewaltige Zahl, die in der dürftigen Ausstattung vieler polnischer Museen bis heute sichtbar ist. Das Warschauer Nationalmuseum allein hat etwa 10 000 Exponate verloren.

Um die Leere wenigstens ein bisschen auszufüllen, ist der Direktorin des Museums, Agnieszka Morawiñska, nun mit etwas Verspätung eine Idee gekommen. Sie fordert 18 sakrale Kunst- und Kulturgüter, die vom Nationalmuseum Anfang der 1990er Jahre an die Marienkirche in Danzig ausgeliehen wurden, zurück und ist notfalls auch bereit, die Gemeinde der größten mittelalterlichen Backsteinkirche Europas vor Gericht zu zerren.

Unter den Objekten ist beispielsweise das berühmte „Tafelbild der Zehn Gebote“ aus dem 15. Jahrhundert, das zu jedem der Zehn Gebote zwei Szenen zeigt: einmal die Beachtung und einmal die Missachtung des jeweiligen Gebotes. Ferner: die „Schöne Madonna von Danzig“, ein berühmtes Standbild, das auch aus dem 15. Jahrhundert stammt, und ein kostbar verzierter Altar, von einem Augsburger Künstler angefertigt. Ebenfalls 15. Jahrhundert.

„Natürlich“, so Agnieszka Morawiñska, „möchte ich keinen Konflikt mit der Kirche, aber die Kunstwerke sind nun einmal Eigentum des Nationalmuseums.“ Außerdem, so die Direktorin, sei die Erhaltung der Werke in Danzig gefährdet, weil es dort keine Konservierung gebe.

Dazu muss man wissen, dass die strittigen Objekte bis zum Ende des Krieges in der damals noch protestantischen Marienkirche waren. Dann wurden sie mit dem Anrücken der Front von den deutschen Gemeindemitgliedern evakuiert, um sie vor Zerstörung zu bewahren.

Auf Grundlage des „Dekrets über das von den Deutschen verlassene Guthaben“ gelangten sie später in das Warschauer Nationalmuseum, wo sie ab 1947 öffentlich gezeigt wurden und während der Zeit des kommunistischen Regimes durch Übernahme der Partei auch blieben. Der Anfang der 1990er Jahre verfasste Leihvertrag, der übrigens schon 2004 auslief, basiert noch auf dieser kommunistischen Regelung des Besitztums, weshalb ihn der heutige, katholische Pfarrer der Marienkirche, Stanis³aw Bogdanowicz, nicht anerkennt: „Ich werde diese Objekte nicht zurückgeben und auch den Ausleihvertrag werde ich nicht verlängern. Denn, es handelt sich bei den strittigen Objekten um religiöse Kulturgüter, die gesegnet und geweiht worden sind. Sie haben in einem Museum nichts zu suchen. Schon gar nicht auf Grundlage von kommunistischen Vertragsvereinbarungen. Sie gehören zur Marienkirche.“

Unterstützung bekommt Pfarrer Bogdanowicz vom Priester Ireneusz Wo³oszczuk, der am erzbischöflichen Gericht in Straßburg arbeitet: „Das Nationalmuseum hat in der Zeit der kommunistischen Volksrepublik Polen mit der Übernahme dieser sakralen Objekte simple Hehlerei begangen. Ein Dieb hat aber kein Recht auf seinen durch Diebstahl ergatterten Besitz. Es gibt also keine juristische Grundlage dafür, dass das Nationalmuseum der Eigentümer dieser Objekte wäre.“

Was die Auseinandersetzung zusätzlich pikant macht, ist der Hinweis von Pfarrer Bogdanowicz, dass die konservatorische Prüfung der Marienkirche bestätigt habe, dass die klimatischen Bedingungen in der Basilika besonders von Vorteil seien für die strittigen Objekte. Außerdem, so der Priester, habe man im Jahre 2001 ein eigenes Büro gegründet, das sich speziell um den Schutz und die Restaurierung der sakralen Objekte kümmere. „In unserem Büro sind diplomierte Kunstkonservatoren tätig“, so Bogdanowicz.