Die ewige Sehnsucht der Schöpfung nach Wahrheit

Zum Tod des Schriftstellers Louis Aragon Tschingis Aitmatow

Als „Liebesgeschichte der Welt“ bezeichnete Louis Aragon Tschingis Aitmatows Erzählung „Dschamilja“, die in seinen heimatlichen kirgisischen Bergen spielt. Doch sie allein begründet nicht den internationalen Ruhm des Schriftstellers, der am Dienstag im Alter von 79 Jahren in Nürnberg starb. Er erlag den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Bereits Mitte Mai war Aitmatow in eine Nürnberger Klinik verlegt worden.

In der ganzen früheren Sowjetunion war Aitmatow nicht nur berühmt; er wurde geliebt und verehrt wie kein anderer Autor. Offenbar sprach er das Empfinden des heutigen Menschen auf subtile Weise an: Aitmatows Credo bekannte die notwendige Einheit von Mensch und Natur; es forderte dem Menschen Verantwortung für Tiere, Wälder, ja selbst Steine ab und sprach die ewige Sehnsucht der Schöpfung nach Wahrheit an. Aitmatow schilderte die unvergängliche Suche des Menschen nach Gott – nicht in gelehrten, wissenschaftlich begründeten Essays, sondern in Geschichten, die sich in feinfühliger, oft zarter Sprache direkt an das Herz des Lesers wenden.

Manchmal setzte er dabei zwei Parallelstränge nebeneinander, die sich ergänzen, die Allegorien seiner Aussage begreiflicher machen. So auch in seinem Meisterwerk „Der Richtblock“ (russisch: „Placha“). Aitmatow schilderte darin das Leben und Sterben eines ehemaligen Seminaristen, der sich als Journalist um die Aufklärung von Rauschgiftverbrechen bemüht und der Mafia zum Opfer fällt. Daneben steht das Schicksal einer Wolfsfamilie, die in eine Hubschrauberjagd auf Steppenantilopen gerät. Die Tiere werden erlegt, um den Fünfjahresplan zu erfüllen, der Journalist getötet, weil im kommunistischen System Rauschgiftsucht nicht existieren durfte und folglich geleugnet wurde.

Aitmatows Romane atmen stets die Kultur seines Volkes, sind durchsetzt mit archaischen Vergleichen und spiegeln immer jene Kraft wider, die aus der Verbindung von Mensch und Natur wächst. Die Verantwortung des Menschen vor der beseelten Natur war für ihn der Weg aus der Umweltzerstörung. Auch in anderer Beziehung stand Aitmatow in der Tradition russischer Erzählkunst, wenn er im „Richtplatz“ den verletzten Seminaristen-Journalisten die Vision eines Gesprächs zwischen Jesus und Pilatus erleben ließ. Das erinnert an Dostojewskijs „Großinquisitor“, aber auch an Michail Bulgakows Erfolgsroman „Der Meister und Margarita“.

Lange Zeit war der Kirgise Aitmatow umstritten, weil er auch in sowjetischer Zeit publizieren konnte und keinen Repressionen unterworfen war. Vielleicht gerade weil sein Vater und seine Brüder dem Stalin-Terror zum Opfer gefallen waren, gelang es ihm, die schizophrene Situation eines Schriftstellers in der Sowjetunion auszuhalten. Er ließ sich einerseits auf Parteifunktionen ein, saß im Präsidium des sowjetischen Schriftstellerverbands, im Zentralkomitee der kirgisischen KP und war später Abgeordneter des Obersten Sowjets. Als Gorbatschow ans Ruder kam, schwenkte er auf dessen korrigierbaren Sozialismus um und wurde sogar als Botschafter nach Luxemburg geschickt. Später vertrat er die Russische Föderation und andere GUS-Staaten. Bis März 2008 war er zuletzt Botschafter Kirgistans in Frankreich und den Benelux-Staaten und lebte in Brüssel.

Aitmatow war kein Christ, wenngleich er sich intensiv ins Christentum versenkt hat, wie der „Richtplatz“ zeigt. Er war, wie in Kirgistan üblich, muslimisch aufgewachsen – doch er bezeichnete den Islam wegen seines Fanatismus als „schreckliche Erscheinung“. Nichts lag ihm ferner als Extrempositionen. Sein Ziel war Frieden: Frieden zwischen den Menschen, mit der Natur. Er sprach damit ein Menschheitsproblem unserer Zeit an, das ein weltweites Echo fand – und er tat es behutsam, erwachsen aus den Mythen und Erfahrungen seines Volkes.