„Die digitale Welt bedroht den Mittelstand“

Der Informatiker Jaron Lanier plädiert für einen neuen Umgang mit dem Internet: Nutzer sollen finanziell profitieren, nicht nur Informationen liefern. Von Alexander Riebel

Mehr vernetzt, als in der Natur: Der Computerwissenschaftler in der Utopie eines herrschaftsfreien Raums. Foto: IN
Mehr vernetzt, als in der Natur: Der Computerwissenschaftler in der Utopie eines herrschaftsfreien Raums. Foto: IN

Bisher wurden Sorgen vor dem großen Abgreifen persönlicher Daten im Internet unter Aspekten des Datenschutzes kritisiert. Doch es geht auch anders. Denn was bei dieser Sicht völlig unter den Tisch fällt, ist die Gefahr für die Gesellschaft durch „Big Data“. Dieses Thema behandelt jetzt der Computerwissenschaftler Jaron Lanier, der an der Universität in Kalifornien Informatik unterrichtet, Erfinder des Begriffs der „virtuellen Realität“ ist, sowie Experte für archaische Musikinstrumente.

Unser Internetzeitalter hat vieles gemeinsam mit den Anfängen der industriellen Revolution. Da gibt es wieder gigantische Monopole, heute heißen sie Google, Amazon oder Facebook, die sich der Leistung von Menschen bedienen, ohne diese zu entlohnen. Gut, sie stellen zwar auch etwas zur Verfügung, soziale Netzwerke oder Suchmaschinen; aber das ist für Lanier nur das kleine Lockangebot, um mit den Daten der Menschen aller Länder Milliardengewinne zu machen. Trägt diese Form des Internetgebrauchs also wirklich zur Förderung der Lebensqualität der Menschheit bei, wie es uns die großen Konzerne immer wieder schmackhaft machen wollen. Lanier ist da pessimistisch. Und je utopischer sein Ausweg aussieht, desto bedenkenswerter ist er. Für die Arbeiter Ende des 19. Jahrhunderts war es keine Utopie, mehr Geld zu verdienen, weil ihre Armut unverkennbar war. Heute sieht uns Lanier aber in einer Täuschung befangen. Die großen internetbasierten Konzerne bedrohen seiner Meinung nach die Mittelschicht. Und die Meldungen dieser Tage scheinen das zu bestätigen: Immer mehr Geschäfte in den Innenstädten schließen, weil sie der Konkurrenz mit dem Internethandel nicht mehr gewachsen sind.

Das Grundproblem sieht Lanier in der Gratiskultur des Internets. Wir sind es gewohnt, Informationen kostenlos aus dem Internet beziehen zu können, doch das funktioniere nur so lange, wie der Großteil der Wirtschaft nicht auf Informationen basiere. Würde die Wirtschaft noch mehr digitalisiert werden, wäre das Internet vollständig kostenpflichtig. Wenn also Autos und Lastwagen computergesteuert fahren, wenn 3D-Drucker alle die Dinge ausspucken, die bisher in Fabriken gefertigt worden sind oder wenn ein umfassender Einsatz von Robotern zum Einsatz käme. Irgendwann wird die digitale Technik dominieren und weitere Branchen in den Abgrund schicken. Wenn bis dahin kein Umdenken im Gebrauch des Internets stattfindet, befürchtet Lanier „eine Zeit massiver Arbeitslosigkeit mitsamt den damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Unruhen“. Wie lässt sich also die Mittelschicht schützen, die leer ausgeht, wenn nur eine reiche Oberschicht von Eigentümern des Informationsmonopols und die breite Nutzerschicht übrig bleibt? „Gängige digitale Konzepte behandeln Menschen nicht als etwas Besonderes. Wir werden vielmehr als kleine Rädchen in einer gigantischen Informationsmaschine betrachtet. Dabei sind wir die einzigen Lieferanten der Informationen und gleichzeitig ihr Bestimmungsort, das heißt, wir geben der Maschine überhaupt erst ihren Sinn.“ Es geht Lanier also nicht darum, dass wir für das Internet bezahlen – das ist nicht sein Thema –, sondern dass bezahlt wird. Denn die Nutzer sind die einzigen Informationsbeschaffer, durch die die Internetunternehmen zu den gigantischsten Firmen der Welt werden. „Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Software und Netzwerken“, schreibt Lanier, „können wir entweder weiterhin an kostenlosen Informationen festhalten, was jedoch mit finanzieller Unsicherheit für fast alle verbunden wäre, oder aber für Informationen bezahlen und auf diese Weise die Mittelschicht stärken. Die erste Möglichkeit mag vielen als Ideal erscheinen, das man ungern aufgibt, doch die zweite bietet eine realistische Aussicht auf eine beständige Demokratie und ein Leben in Würde.“ Einen kleinen Anfang im Sinne Laniers macht nun die Schweiz, die Google zwingen will, für die Verwendung von Informationen eine Abgabe zu bezahlen.

Lanier fordert natürlich nicht die Bezahlung jedes Partybildes, das Schüler in das Netz stellen. Das würde auch nicht die angesprochene Mittelschicht tangieren. Wer bei E-Bay etwas verkaufen möchte, muss auch noch ein Bild einstellen und so für seine eigene Werbung zahlen. Bei den sozialen Netzwerken werden wir zur Datenmasse. Sind die Daten wirklich wertlos? Offenbar nicht, es werden ja Milliarden dafür eingestrichen. Oder die Übersetzungsfunktion von Google bezieht immer wieder neue Texte und verbessert sich so, bis es irgendwann keiner Menschen mehr bedarf, die die Maschinen füttern müssen. Der Server erkennt immer mehr, als der Mensch über ihn. Die Preise der Produkte werden mit der Macht der digitalen Giganten gebrochen. Amazon beweist dies damit, dass hier stets die Bücher am billigsten zu haben sind und dass es Buchautoren nicht fragt, wenn es Bücher in google.books stellt. Gegenwehr ist zwecklos. Ebenso ist die Musikindustrie erheblich zusammengeschmolzen, wie auch Allgemeinärzte in Amerika und neuerdings in Europa klagen, dass das Internet zum Konkurrenten geworden ist. „Versicherungen und Pharmakonzerne, Klinikketten und verschiedene andere clevere Netzwerkprofiteure waren da klüger“, mahnt Lanier. Neuerdings streiten deutsche Ärzte auch über Handy-Apps, wobei Berliner Ärzte Telemedizin anbieten, also medizinische Beratung etwa auf die Urlaubsinsel. Wenn wir diesen Weg weitergehen, meint Lanier, werden die Vorteile hauptsächlich den Hütern der Computern zukommen nach dem Muster „the winner takes it all“ (Der Gewinner bekommt alles). Die Grundfrage für Lanier, der keineswegs ein Gegner der Digitalisierung ist, heißt nicht, wie viel automatisiert werde, sondern wie wir wahrnehmen, was wir nicht automatisieren können. Das Problem ist also die falsche Vorstellung von Automatisierung. Leider geht er nicht auf die Geisteswissenschaften ein, denn da zeigt sich am besten, dass gerade im angelsächsischen Raum bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr zwischen Denken und dem Rechnen von Computern unterschieden wird. Es ist da eben nur die Rede von den Mechanismen des Denkens. Wenn die Mentalität in Silicon Valley aber schon die ist, dass unsere Freiheit letztlich die von Maschinenwesen ist, ist der Tatbestand der „falschen Vorstellung von Automatisierung“ längst erfüllt. Es gibt demnach nur einen graduellen Unterschied zwischen Mensch und Machine. Auch Lanier behandelt das Problem des freien Willens: „Die Grenze zu ziehen zwischen dem, was wir der Berechnung überlassen, und dem, was wir für den heldenhaften freien Willen reservieren, das ist die ,Story‘ unserer Zeit.“ Man könne nicht davon sprechen, dass ein System, das sich berechenbar entfalte, dem freien Wollen noch Spielraum lasse. Die Selbstentfaltung des Systems ist an die Stelle des klassischen Erkenntnisfortschritts getreten. Die Menschen werden vom digitalen System an den Rand gedrückt und „mehr oder weniger zu Automaten reduziert“, meint Lanier. Das nahm seinen Anfang in dem Augenblick, als der Computerspezialist Alan Turing 1950 seine Schrift „Computing Machinery and Intelligence“ (dt. „Kann eine Maschine denken?“) schrieb.

Auch wenn Lanier ein Minibezahlsystem für Informationen fordert, wird das wohl zunächst Utopie bleiben. Die Nutzer sind noch mit den Diensten der digitalen Megamaschinen zufrieden. Ein wenig surfen, ein wenig chatten oder kaufen. Lanier denkt weiter. Er weiß aus Erfahrung, dass der Begriff der Zerschlagung „Heiligenstatus“ bei den Technologiefirmen besitzt: „Für Venture-Capital-Gesellschaften ist die Formulierung üblich, man suche nach Geschäftsideen, die ,Märkte schrumpfen lassen‘. Etwas zu zerschlagen oder zu zerstören wird als große Leistung gefeiert. In Silicon Valley hört man ständig, dass diese oder jene Branche reif für ihre Zerschlagung sei.“ Die Zerschlagung im Sinne der digitalen Netzwerktechnologie untergrabe die Idee des Marktes und des Kapitalismus.

Die Frage wird künftig sein, wie sich die Produktion dinglicher oder geistiger Art mit der digitalen Welt vertragen wird. Wenn der Vorschlag Laniers einer Bezahlung für Internetnutzer noch utopisch klingen mag, so sind doch seine Visionen äußerst lesenswert, schärfen sie doch den Blick für unseren Standort und Rang im Leben mit der künstlichen Intelligenz.

Jaron Lanier: „Wem gehört die Zukunft? ,Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt‘“. Verlag Hoffmann und Campe 2014, 480 Seiten, ISBN-13: 978-345550-318-0, EUR 24,99