Die „Zärtlichkeit Gottes“ spricht zu uns

Der Vatikan als „Krippenlandschaft“ – Papst Franziskus lädt zum Gedächtnis an das Kind aus Bethlehem ein. Von Ulrich Nersinger

Eine von den vielen Krippen, die zurzeit in Rom zu sehen sind. Foto: vaticannews
Eine von den vielen Krippen, die zurzeit in Rom zu sehen sind. Foto: vaticannews

Die Krippe auf dem Petersplatz, die dort Jahr für Jahr in der Nähe zum Obelisken aufgestellt wird und mit mannshohen Figuren das biblische Geschehen von Bethlehem vermittelt, zieht immer wieder das Interesse von Pilgern und Touristen auf sich. Alljährlich wechselt die Präsentation – in ganz Italien wetteifert man dann damit, einmal mit einer Krippenszene vor der Basilika des heiligen Petrus vertreten zu sein. Doch die Krippe auf dem Petersplatz ist nicht die einzige, mit der der Vatikan aufwarten kann.

„Der Vatikan ist eine wahre Krippenlandschaft“, bemerkt ein Mitarbeiter des Governatorates, der weltlichen Verwaltungsbehörde des Vatikanstaates, mit einem kaum zu überhörenden Anflug von Stolz. Die Zahl der Krippen im Reich des Papstes sei enorm; den Versuch sie zu zählen, habe man bisher aber noch nicht unternommen. Jede Kapelle und Kirche sowie fast jede Institution des Heiligen Stuhls verfüge über eine eigene beeindruckende Darstellung der Geburt Jesu – man könne sie im vatikanischen Gästehaus von Santa Marta, in den Kommunitäten der Ordensgemeinschaften und Priesterkollegien, in den Büros der Römischen Kurie und den Einrichtungen des Vatikanstaates, bei der Päpstlichen Schweizergarde und dem Gendarmeriekorps des Heiligen Vaters bewundern.

„Ein Krippenweg durch die Vatikanstadt wäre sicher eine schöne Sache“, ist sich der Beamte sicher. Doch eine Umsetzung der Idee in die Praxis ist kaum möglich, dem stehen vor allem Sicherheitsbedenken einer Realisierung entgegen. „Aber vielleicht können wir einmal zu einem Besuch der Krippenlandschaft des Vatikans im Internet, auf Tablets und Smartphones einladen“, bringt der Mitarbeiter des Governatorates als eine alternative Lösung ein. Überlegungen dazu gebe es schon seit längerer Zeit. Aber eine der zahlreichen Krippen des Vatikans können Pilger und Touristen durchaus ohne Probleme und Förmlichkeiten aufsuchen. Sie befindet sich in der Kirche Sant' Anna dei Palafrenieri, der Pfarrkirche des Kirchenstaates. Das kleine Gotteshaus ist nur wenige Schritte hinter dem Haupteingang zur Vatikanstadt, dem Sankt-Anna-Tor, gelegen. Die freundlichen Gardisten der Schutztruppe des Heiligen Vaters geben jedem, der es wünscht, den Zugang zu der Kirche frei.

Seit mehr als einem Jahrzehnt zeichnen drei Künstler und Freunde – Mariano Piampiani, Sandro Brillarelli und Alberto Taborro – für die Krippe der Pfarrkirche des Papstes verantwortlich. Sie alle drei kommen aus Tolentino, einer Stadt in den Marken, einer Region in Italien, die stark unter den Folgen von Erdbeben zu leiden hat. Die Krippenbauer möchten ihre Arbeit als ein Zeichen der Hoffnung in einer leidgeprüften Welt verstanden wissen. In der Situation, in der der Mensch große Schmerzen und Leiden erfahre, sei – so P. Bruno Silvestrini O.S.A., der Pfarrer von Sankt Anna – die Menschwerdung Jesu das Geschenk Gottes.

Für Papst Franziskus ist die Botschaft der Krippe eindeutig: „Er ist in aller Einfachheit, in Demut und Sanftmut gekommen. Gott liebt nicht die gewaltigen Revolutionen der Mächtigen der Geschichte und benutzt nicht den Zauberstab, um die Situationen zu verändern. Stattdessen macht er sich klein, wird ein Kind, um uns mit Liebe anzulocken, um unsere Herzen mit seiner demütigen Güte anzurühren; um mit seiner Armut diejenigen zu erschüttern, die sich abmühen, um die trügerischen Schätze dieser Welt anzuhäufen. Das waren auch die Absichten des heiligen Franziskus, als er die Krippe erfand. Er wollte – wie uns die ,Franziskus-Quellen‘ berichten – ,das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und die Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen‘. Denn ,zu Ehren kommt da die Einfalt, die Armut wird erhöht, die Demut gepriesen‘. So lade ich ein, vor der Krippe zu verweilen, weil dort die Zärtlichkeit Gottes zu uns spricht.“