Die Wut der alten Haudegen

Henkel und Starbatty wundern und ärgern sich über die Merkel-hörigen Deutschen – Ordentliche Bilanz und gute Argumente. Von Jürgen Liminski

Das ist ein erfrischendes Buch. Die beiden Europa-Abgeordneten Hans Olaf Henkel und Joachim Starbatty haben sich da manchen Frust von der Seele geschrieben und herausgekommen ist eine ehrliche, manchmal sogar etwas naiv anmutende Erzählung über ihre Erfahrungen mit Angela Merkel und der deutschen Politik. Man spürt, dass sie enttäuscht sind und das im wahrsten Sinn des Wortes: sie haben lange Zeit in einer Täuschung gelebt. Aus dieser Ent-Täuschung heraus haben sie zunächst bei der AfD mitgewirkt und fahren jetzt auf dem Ticket einer Partei, die ursprünglich den Namen Alfa trug, was ihr gerichtlich untersagt wurde und wogegen auch eine Berufung nichts nutzte. Es war ein Missgriff, ein verunglückter Ausflug in die Politik. Davon ist freilich nichts zu lesen. Es ist auch nicht weiter interessant, denn beide Autoren dürften, ähnlich wie ihre Partei, in der Politik keine Rolle mehr spielen, sobald ihr Mandat im Europa-Parlament abgelaufen sein wird. Deshalb ist dieses Buch auch schon so etwas wie eine vorläufige Bilanz.

Die aber hat es in sich: Klare Sprache, viele Anekdoten (vor allem von den Reisen Henkels als BDI-Chef und als Abgeordneter), verständliche Vorwürfe, rationale Einsichten – der Wert des Buches für die aktuelle Diskussion und vor allem die Debatte im Wahljahr besteht in den sachlichen Argumenten. Zum Beispiel, wenn die singuläre Rolle Deutschlands in der Energiepolitik mit der Abkehr vom Atom geschildert wird: „Außer den Österreichern hat sich niemand von der Panikmache in Deutschland anstecken lassen. Nach Fukushima hielt Frankreich nicht nur an der Kernkraft fest, seine Regierung entschied, die Laufzeit ihrer Meiler um weitere zehn Jahre zu verlängern! Belgien rückte von einem kurz nach Fukushima beschlossenen Ausstieg wieder ab. Schweden kassierte einen früheren Beschluss zum Ausstieg aus der Kernkraft. Die finnische Regierung beschloss den Bau eines weiteren Kernkraftwerks. Großbritannien bereitet sich auf den Bau neuer Kernkraftwerke vor. In den USA wurde der Bau neuer Kernkraftwerke genehmigt. Auch in anderen Ländern, in Osteuropa, in Russland und in Asien werden zurzeit neue Kernkraftwerke gebaut oder geplant. Allein in China werden zurzeit 24 gebaut. Weltweit stehen inzwischen 443 Kernkraftwerke in 31 Ländern – mehr als vor Fukushima – und 65 neue Atommeiler sind weltweit in Bau. Selbst die japanische Regierung bringt ihre unmittelbar nach Fukushima abgeschalteten Kernkraftwerke jetzt wieder ans Netz.“

Auch beim Thema Euro findet der Leser reichlich brauchbare Argumente, Zahlen und Fakten. Hier spielen beide Autoren das über Jahrzehnte angesammelte und in Lehre und Praxis angewandte Fachwissen glänzend aus. Und in der Flüchtlingspolitik sieht man zwischen den Zeilen geradezu das angewiderte Kopfschütteln über die „Widersprüchlichkeit“, die „moralische Überheblichkeit“, die „Scheinheiligkeit“, den nach den Medien schielenden Opportunismus sowie die Heuchelei der Bundeskanzlerin und des politischen, aber auch medialen Establishments.

Henkel und Starbatty sind wütend über so viel Pharisäertum. Nur: Die Wut der alten Haudegen macht auch ein wenig blind. Sie erklären ganz Deutschland für krank und wollen es auf die Couch legen. Dabei gehört eigentlich nur ein Teil des politisch-medialen Establishments auf dieselbe. Denn die Reaktion im Wählervolk zeigt doch, dass nicht nur an den Rändern, sondern gerade in der bürgerlichen Mitte jene Politiker Zulauf erhalten, die die Nase voll haben von einer widersprüchlichen und auch gefährlichen Politik. Sie haben wie Henkel und Starbatty erkannt, dass es im besten Fall auf Kosten der Steuerzahler geht, sei es bei der Flüchtlings-, der Energie- oder der Währungspolitik. Da sind beim Patienten noch selbstvitalisierende Immunkräfte am Werk.

Man mag den beiden Autoren aufgrund ihrer Erfahrungen zugute halten, dass sie die AfD und ihre Wähler nicht anerkennend beschreiben wollen. Sie nur als Ergebnis einer verfehlten Politik darzustellen und die Eigendynamik der politischen Landschaft mit der neuen Sehnsucht nach alten und bewährten Werten völlig auszublenden, klingt doch ein wenig nach Rechtfertigung. In dieser Perspektive ist dann auch die Rezeptur zu sehen, die die beiden Autoren dem Patienten Deutschland empfehlen: Bundesweite CSU und/oder Rückgriff auf Friedrich Merz als alleinigen Heilsbringer. Diese Allheilmittel sind irreal, im Fall Merz jedenfalls solange, wie Merkel in Berlin regiert. Eine breite Debatte wert aber ist der Appell, der sich als feiner, roter Faden durch das Buch zieht: Deutschland möge sich endlich vom Helfersyndrom befreien und die Schatten der Vergangenheit nicht mehr als historische Schuld in einer Gesinnungsethik durch die Welt tragen, sondern durch eine Verantwortungsethik ersetzen, die nicht nur ein Weltgemeinwohl im Auge hat, sondern auch die eigenen Interessen. Mit solch reinigender Vernunft wäre Europa sehr, ja wahrscheinlich am meisten geholfen.

Hans-Olaf Henkel/Joachim Starbatty: Deutschland gehört auf die Couch! Warum Angela Merkel die Welt rettet und unser Land ruiniert. Europa-Verlag, München 2016, 262 Seiten, EUR 19,90