Die Welt gerät aus den Fugen

Der Amerikaner Wally Lamb schreibt über Menschen, die um ihren Glauben kämpfen

Der malaiische Ausdruck Amok (meng-âmok, in blinder Wut angreifen und töten) beschreibt eine psychische Extremsituation, ein gefährliches Gemisch aus Unzurechnungsfähigkeit und absoluter Gewaltbereitschaft.

Ansbach, 17. September 2009. Ein 18-jähriger Schüler des Gymnasiums Carolinum betritt die Schule, bewaffnet mit mindestens fünf Molotowcocktails, vier Messern und einer Axt, bereit zum Töten, bereit zum Sterben. Zehn Jugendliche werden verletzt, einige schwer. Dank eines Schüleranrufs trifft die Polizei sehr schnell ein, wird von dem Täter mit dem Messer angegriffen und schießt. Der junge Mann überlebt, ist aber noch nicht vernehmungsfähig.

Ob der Begriff Amok zutreffend ist, sei dahingestellt – die bisher bekannten Massaker an Schulen waren alle sorgfältig vorbereitet, auch der Täter von Ansbach hatte seine Gewalttat geplant und ein Testament hinterlassen. Die Frage nach den Gründen, die zu einer derartigen Extremsituation führen, kann bisher nicht ausreichend beantwortet werden.

Littleton, Colorado, 20. April 1999. Die beiden Schüler Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) verüben in ihrer Columbine High School nahe Littleton und Denver ein Massaker. Sie ermorden zwölf Schüler und einen Lehrer und richten sich anschließend selbst.

Dieser reale Fall ist der Ausgangspunkt von Wally Lambs Familiengeschichte, in der sich Fiktion und Dokumentation zu einem üppigen Opus vermischen. Der Ich-Erzähler Caelum Quirk ist Englischlehrer, seine (dritte) Frau Maureen Krankenschwester. Sie sind gerade von der Ostküste nach Colorado gezogen, um ihre Eheprobleme zu lösen und ein neues Leben zu beginnen. Beide finden Arbeit an der Columbine Highschool und kommen gerade etwas zur Ruhe, als mit dem Amoklauf Gewalt und Chaos in ihr Leben einbrechen.

Caelum befindet sich an der Ostküste zu Besuch bei seiner sterbenden Tante, als ihn die Nachrichten aus Littleton erreichen. Maureen überlebt das Massaker, in einem Wandschrank versteckt, schwer traumatisiert. Sie kommt nach dieser grausamen Erfahrung nicht mehr zurecht mit dem normalen Leben und flüchtet sich in ihre eigene Welt, betäubt von Alkohol und Medikamenten. Die katholisch aufgewachsene Frau findet keine Hilfe im Glauben. Therapien helfen nicht, kosten aber viel Geld. Caelum scheitert mit allen Versuchen, an seine Frau heranzukommen und wird mit seinen eigenen unterdrückten Problemen konfrontiert, versteckten Aggressionen und Ängsten.

Das verstörte Paar zieht zurück an die Ostküste und lebt in dem geerbten Farmhaus der verstorbenen Tante. Sich selber können die beiden jedoch nicht entfliehen. Mühsam versuchen sie, Fuß zu fassen im Alltag, doch die quälenden Bilder der Vergangenheit lassen sich nicht verdrängen.

Maureen fährt unter Medikamenteneinfluss einen jungen Mann tot und wird in genau das Frauengefängnis eingeliefert, das Caelums Großmutter 100 Jahre zuvor gegründet hat, um den entwürdigenden Zuständen in den damals noch gemischtgeschlechtlichen Haftanstalten ein Ende zu bereiten.

Caelum nimmt ein Ehepaar – die weiße Historikerin Janis und den schwarzen Bildhauer Moses – aus New Orleans auf, das bei dem Wirbelsturm Katrina alles verloren hat. Janis entdeckt vergessene Dokumente auf dem Dachboden und erforscht die Geschichte der Gefängnisgründerin und damit auch die Vergangenheit von Caelums Familie, der er sich in einem schmerzlichen Erkenntnisprozess stellen muss.

Der Roman hat es in sich, ein bisschen zuviel vielleicht. Auf 744 Seiten ist ein Sittengemälde des 20. Jahrhunderts entstanden, das (fast) alle Probleme der modernen westlichen amerikanischen Welt behandelt oder zumindest streift: Terrorismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Therapieversessenheit, blinder Fortschrittsglaube, Suchtverhalten, Zerfall der Familienstrukturen, Gottlosigkeit – und dahinter eine Verlorenheit des einzelnen Menschen, der verzweifelt seinen Platz im Leben sucht.

Wally Lamb, Jahrgang 1950, war als Englischlehrer an einer Highschool an der Ostküste der Vereinigten Staaten tätig, bevor er mit seinen beiden Romanen Die Musik der Wale (1998) und Früh am Morgen beginnt die Nacht (1999) auch bei uns zum Bestsellerautor avancierte.

Die Stunde, in der ich zu glauben begann beginnt mit dem Schulmassaker. Der Autor beschreibt den realen Tathergang, nennt die Täter und Opfer bei ihren echten Namen und schafft so eine Wirklichkeit, der sich der Leser nicht entziehen kann, weil sie eben genauso stattgefunden hat und jederzeit wieder stattfinden kann. Der Roman versucht gar nicht erst, eine Erklärung für den Amoklauf zu finden, kreist aber immer wieder um diese Frage.

Die beiden Täter, gute Schüler, aber Außenseiter in einer sportgeprägten Schulwelt, hatten sich ein Jahr lang minutiös vorbereitet auf ihre Tat, nicht blind- sondern kaltblütig wehrlose Mitschüler erschossen, offenbar völlig willkürlich. Ein Mädchen wurde von Eric Harris aus nächster Distanz erschossen, nachdem sie seine Frage, ob sie an Gott glaube, bejaht hatte. Es hätte genauso gut anders sein können. Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht.

Warum Caelum an jenem verhängnisvollen 20. April 1999 nicht an seiner Schule war, seine Frau aber schon, warum sie physisch unverletzt überlebte, aber das Sterben der Kinder mit anhören musste und ihr restliches Leben von diesem Erlebnis geprägt sein würde – wer kann das beantworten? Die Bedeutung, die eine solche Erfahrung für jeden einzelnen Betroffenen hat, kann nur individuell geklärt werden.

Caelum Quirk bringt das Erlebte und seine Folgen auf einen qualvollen, aber letztlich doch befreienden Weg, zu unerwarteten Erkenntnissen und einem mitfühlenden Verstehen seiner Vergangenheit und seiner Familie gegenüber.

Maureen findet nach langen inneren Kämpfen in der Haft zu ihrem Glauben zurück und gestaltet sogar eine Messe für die Gefangenen und ihre Angehörigen mit.

Ganz am Ende des Romans erklärt sich der Titel des Romans, der original übersetzt ist aus dem Amerikanischen: Caelum findet sich wieder an einer Schnittstelle zwischen Vergangenheit, symbolisiert durch eine Marmorbüste eines Vorfahren, und Zukunft, einer schwangeren jungen Frau.

„Ja, da geschah es. Das war die Stunde, in der ich zu glauben begann.“