Die Weisheit der Alten

Auge der Geschichte – Archiv der Familie: Die wachsende Bedeutung der Großeltern für eine menschliche Gesellschaft. Von Jürgen Liminski

70 Jahre SOS-Kinderdörfer - SOS-Feriencamp in Italien
In einer immer schneller im Heidentum versinkenden Welt ist unersetzlich, was die Großeltern an ihre Kinder weitergeben. „Vater vieler Kinder“ war auch der SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner, hier zu sehen bei einem Ruderboot-Ausflug im Feriencamp Caldonazzo in Oberitalien. Foto: dpa

Wie steht es um die Großeltern? Das Bild wandelt sich. Ein Blick auf Buchtitel der letzten Jahrzehnte gibt da ein wenig Aufschluss. Anfang der achtziger Jahre und bis in die neunziger Jahre, als der demografische Wandel langsam ins kollektive Bewusstsein sickerte, erschienen Titel wie „Die Altersexplosion“ oder „Die Altersrevolution“ und „Kampf der Generationen“. Dann, nachdem klar wurde, dass dieser imaginäre Kampf vor allem dem Erfindungsreichtum kinderloser Journalisten entsprungen ist (siebzig Prozent der Journalisten sind kinderlos, bei den Frauen mehr noch als bei Männern), die sich nicht vorstellen konnten, dass alte Leute auch Familienmenschen waren und sind, widmete man sich, so hieß es jetzt, der „Kunst des Älterwerdens“ oder der „Vielfalt des Alterns“ und natürlich immer wieder dem Alter als Wirtschaftsfaktor („Alt! Wie die wichtigste Konsumentengruppe der Zukunft die Wirtschaft verändert“), um schließlich, nach der Jahrtausendwende, in der Phase anzukommen, wo es heißt: „Jung im Kopf“ oder etwas dramatischer, „Hilfe, meine Eltern sind alt“, und etwas sanfter „Lieber alt und gesund – Dem Altern seinen Schrecken nehmen“ oder ganz nüchtern: „Wenn alte Eltern Hilfe brauchen“. Es geht heute vor allem um das Fitbleiben und die Versorgung im allgemeinen und bei Krankheiten auch um die bleibende oder verbleibende Lebensqualität.

Allen Phasen gemein ist, dass man die Alten als Störfaktoren und Objekte sieht: Als Revolutionäre, als anspruchslose oder zu anspruchsvolle Konsumenten, als Pflegefälle. Das ist ein Preis der medialen Single-Gesellschaft, wobei natürlich zu sagen ist, dass auch Singles oder kinderlose Familienmenschen sein können und es vielfach auch sind. Das mediale Bild aber prägen die Ego-Typen. Nur ganz wenige Autoren sehen die Großeltern als handelnde Personen, die der Familie und Gesellschaft etwas geben. Das hat auch zu tun mit dem verengten Blick der Gesellschaft auf Produktionskraft und Effizienz. Das hat aber auch mit dem Blick aufs Ganze, mit dem Menschenbild an sich zu tun. Die ebenso tröstliche wie herrliche Ausnahme ist einmal mehr Christa Meves mit ihrem „Großeltern-ABC“, das wie viele ihrer Bücher vom Mainstream unbemerkt in immer neuen Auflagen erschienen und von Eltern wie Großeltern gleichermaßen mit Gewinn zu lesen ist. Man erfährt Charakteristisches über den Großvater und die Großmutter, wie man als solche Geschichten erzählt, Heimat gibt, Orientierung vermittelt ohne sich einzumischen, wie man Quengeleien abweist und Verwöhnung vermeidet. Kostprobe bei T wie Trösten: „Großeltern sind als Tröster ganz besonders gut geeignet, denn ihre lange Lebenserfahrung hat schließlich zur Folge gehabt, dass ihnen nichts Menschliches fremd blieb. Erfolgreiches Trösten setzt voraus, dass es dem Tröster gelingt, dem Trostbedürftigen die Hoffnung zu vermitteln, dass sein elender Zustand vorübergehen wird. Und gerade diese Erfahrung haben ältere Menschen, die sich ihren unverdrossenen Lebensmut bewahrten, immer wieder gemacht. Sie wissen auch längst, dass es unsinnig ist, eine Schwierigkeit zu eilig, zu rasch wegreden und wegpusten zu wollen. Sie wissen, dass auch der Schmerz seine Zeit braucht, dass er zunächst einmal angenommen sein will, dass der gute Tröster also zunächst nichts weiter schenkt als dieses eine: Nähe, Mitsein, Wärme, Zweisamkeit.“

Das ist eine Leistung, die leben hilft. Es sind in der Regel diese Leistungen, die die Gesellschaft nicht anerkennt. Auf einer Karikatur sagt eine ältere Dame mit dem Antrag auf Rente in der Hand einem leer und gelangweilt an ihr vorbeischauendem Beamten/Angestellten: „Erst hab ich meine vier Kinder großgezogen, dann die drei Enkel, dann hab ich mich um Obdachlose und Arme gekümmert und schließlich meinen alten Vater bis zuletzt gepflegt.“ Die Antwort des Beamten: „Sie haben also nicht gearbeitet.“ Die Karikatur ist dramatisch treffend. Sie illustriert die Schieflage des Leistungs- und Sozialsystems und veranschaulicht die Diskriminierung der familiär geleisteten Sorgearbeit in unserem lohnabhängigen Erwerbssystem. Diese Diskriminierung verweigert die Anerkennung einer Leistung, ohne die die Gesellschaft nicht leben kann. Die Mütter, auch Großmütter sind es vor allem, die die Voraussetzungen schaffen, von der der Staat lebt und die er selber nicht schaffen kann. Der größte Teil der Bruttowertschöpfung wird in Deutschland unbezahlt erbracht – in Privathaushalten, in, wie Norbert Bolz das nennt, „der Welt der Sorge“. Diese Welt zählt nicht, weil kein Geld fließt. „Weder für die Wirtschaft noch für den Sozialstaat ist Elternschaft ein relevanter Faktor. Sozialstaatliche Leistungen kann man aufgrund von Erwerbsarbeit beanspruchen – nicht aber aufgrund von Erziehungsleistungen. Erwerbsarbeit ist der gesellschaftliche Attraktor, der alles andere strukturiert.“

Wir leben in einer ökonomisierten, arbeitshysterischen Gesellschaft. Fast alles dreht sich um Produktion und Geldverdienen – oder eben das Gegenteil, Genuss und Freizeitgestaltung. Die anhaltende Missachtung der Menschlichkeit, der Produktion von Humanvermögen, an der die Älteren mit ihrer Erfahrung und Weisheit einen hohen Anteil haben, kann aber auch die Demokratie selbst gefährden. Schon die alten Griechen sahen diese Zusammenhänge, der Historiker Polybios hat es im zweiten Jahrhundert vor Christus so formuliert: Ein Staat sei dann keine Demokratie, wenn in ihm „eine beliebige Masse Herr ist, zu tun, was ihr beliebt“. Im Gegenteil sei die „Bezeichnung Demokratie da und dann am Platze“, wo man „Vater und Mutter ehrt, vor einem Älteren Respekt hat, den Gesetzen gehorcht“. In der Psychologie und in den Erziehungswissenschaften weiß man heute, dass Großeltern eine besondere Rolle spielen. Sie haben ein anderes Verständnis für Zeit und kommunizieren anders. Der amerikanische Jugendpsychotherapeut Arthur Kornhauser siedelt die Bedeutung der Großeltern ganz oben an: „Sie sind wie lebende Bücher und Familienarchive. Sie vermitteln Erfahrung und Werte. In der Kinder-Hierarchie der Zuneigung stehen nur noch die Eltern über Oma und Opa.“ Die Großeltern und ihre Beziehungs- und Bindungsfähigkeiten sollten heute neu entdeckt werden. Großväter sind große Väter, Großmütter große Mütter. Sie sind das Auge der familiären Geschichte, das Archiv der Familie, das den atemlos lauschenden Enkeln Geschichten von Mama und Papa erzählt, als die noch klein waren. Sie sind die Hand, die den Enkeln Weiten und Perspektiven zeigt, das Herz, das in Ruhe staunen lässt. Aus solchen Funktionen und Fähigkeiten im Herbst des Lebens erwächst eine Souveränität, die die väterliche und mütterliche Berufung sozusagen vergoldet, wie pralle Ähren in spätsommerlicher Sonne. Der unmittelbaren Verantwortung enthoben, können Großmütter und Großväter bedingungsloser und freier auf die wesentlichen Beziehungen und Ziele des Lebens hinweisen.

Das gilt vornehmlich für Glaubensfragen. Der christliche Glaube hat in Osteuropa und auch in Russland überlebt, weil die Großeltern ihn an ihre Enkel weitergegeben haben. In der immer schneller ins Heidentum versinkenden Welt von heute kommt den Großeltern gerade hier eine besondere Bedeutung zu. Sie sollen sich nicht in die Erziehung einmischen, aber sie können die Eltern auch hier entlasten – und sogar ergänzen. Wie immer zählt vor allem das Beispiel. Das Bild der betenden Großmutter, des knieenden Großvaters gräbt sich ins Herz und ersetzt viele Lektionen.

Hinzu kommt, dass viele Großeltern gern und häufig auf ihre Enkel aufpassen, sie betreuen, mit ihnen spielen und Zeit mit ihnen verbringen. Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) betreut fast jeder fünfte Deutsche im Alter zwischen 40 und 85 Jahren regelmäßig seine Enkelkinder und die Senioren wenden dafür immerhin 35 Stunden im Monat auf. Da die emotionalen Bedürfnisse von Kindern nicht planbar sind, sondern schlicht Präsenz erfordern, sind Konzepte wie „quality time“ zwar arbeitgeberfreundlich und an die Produktionsgesellschaft angepasst, aber auch „wieder eine Art, den Effizienzkult vom Büro auf das Zuhause zu übertragen“, wie Arlie Russel Hochschild in ihrem Buch „Keine Zeit“ schreibt. Und sie sind ziemlich realitätsfern und familienfremd. Gerade sie zeigen die wachsende Bedeutung der Großeltern. Oma und Opa lassen sich vom Effizienzkult jedenfalls nicht beeindrucken.

V iele, ja die meisten Rentner und Rentnerinnen sind Familienmenschen, mithin der Jugend zugeneigt. Sie helfen ihren Kindern. Sie schenken Zeit und Geld. Das wird in keiner Statistik festgehalten, ist also für Politiker und Medienleute nicht erkennbar und deshalb vielfach auch nicht existent oder relevant. Seriöse Schätzungen des DZA gehen davon aus, dass von der älteren Generation jährlich mehr als 30 Milliarden Euro zur jüngeren fließen. Das ist ein stiller Transfer, ein Transfer der Liebe und Solidarität, ohne den die Zahl der jungen Hartz-4-Empfänger explodieren würde.

Die Familie lebt, es gibt sie nach wie vor, die immer wieder totgesagte Familie, auch die mit drei Generationen, weniger häufig als früher unter einem Dach, aber doch in derselben Stadt. Im politisch-medialen Establishment allerdings wird sie seltener, schon weil dort, bei Journalisten und Politikern, nachweislich die Kinder fehlen und dieses Establishment schafft die veröffentlichte Meinung und bestimmt so den Eindruck von der Gegensätzlichkeit oder gar einem Krieg der Generationen.

Es handelt sich letztlich um eine alte Dichotomie. Es geht um die Gestaltung der Gesellschaft als solidarische oder als repressive. Das ist die Alternative der Zukunft: Eine repressive Gesellschaft mit der Kultur des Todes und der Ich-Mentalität oder eine solidarische Gesellschaft mit freundschaftlichen Formen des Zusammenlebens der Generationen. Die Demografie spitzt diese Alternative immer schärfer zu. Wer sie vertagt auf die Zeit nach der Sintflut, kann schnell von derselben überrascht werden. Deshalb ist es demografisch sicher schon „dreißig Jahre nach zwölf“ (Herwig Birg), aber menschlich gesehen höchste Zeit für die Liebe. Teilhard de Chardin hat Mitte des vergangenen Jahrhunderts vorhergesagt, dass die Menschen eines Tages lernen würden, die Energien der Liebe nutzbar zu machen und dass dies ein ebenso entscheidender Entwicklungsschritt in der Menschheitsgeschichte sein werde wie die Entdeckung des Feuers. Diese Entdeckung steht noch aus. Die Weisheit der Alten könnte den Blick dafür schärfen.