Die Wahrheit ist weiblich

Was Philosophen zu Gender sagen. Von Alexander Riebel

Auf der Internetseite der Landeshauptstadt Hannover heißt es unter der Rubrik der Gleichstellungsbeauftragten Friederike Kämpfe: „Die Strategie Gender Mainstreaming hat das Ziel, Demokratie zwischen den Geschlechtern herzustellen.“ Aber stimmt das? Und wird die Gleichstellung der Geschlechter überhaupt von ihren schärfsten Befürwortern hergestellt? Daran gibt es schon lange Zweifel. Ist also die Geschlechterlobby selber sauber, muss man fragen? Der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) hat seine Forschungen dem Verhältnis von Macht und Sexualität sowie letztlich der „Biopolitik“ gewidmet, der Frage nach dem Leben des Menschen und der Bevölkerungspolitik besonders seit der Aufklärung. Gegenüber der Filmzeitschrift „Cinématograph“ erklärte Foucault 1975, der selbst in der Homosexuellenszene war und schließlich an Aids starb, im Umfeld dieser Szene seien die Faszination und Symbole der Macht des Nationalsozialismus nicht ausrottbar. Warum Schirmmützen, Stiefel oder Feldzeichen und Lederkleidung in einer Welt voller Transgression, Gewalt und Schmerzen, die doch auf ihre Fahnen schrieb hat, die restliche Menschheit von Macht und Diskriminierung zu befreien? Solche Fragen stellte sich Foucauld, wie: „Führt uns nicht das Unvermögen, in dem wir uns befinden, diese große Verzauberung des desorganisierten Körpers zu leben, auf einen peinlich genauen, disziplinarischen und anatomischen Sadismus zurück? Ist das einzige Vokabular, das wir besitzen, um diese große Lust des im Ausbruch begriffen Körpers umzuschreiben, jene triste Fabel einer gerade zurückliegenden politischen Apokalypse?“

Die Lüste werden zum Prinzip der Gesellschaft

Foucault war sich dessen bewusst, dass es diese Szene war, von der die „sexuelle Revolution“ ausgeht – er sprach damals von der „schulen SM-Szene“, was sich bis heute erweitert hat zur LGBTQ-Szene der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Von hier geht der Druck aus, was dann „gendergerecht“ an Universitäten und Rathäusern vollzogen wird. Ein deutsches Beispiel ist die sexuelle Pädagogik der Vielfalt, wie sie die Sexualpädagogen Uwe Sielert und Elisabeth Tuider auf den Weg gebracht haben (DT vom 25.7.2016). In Amerika ist „Mistress Cyan“ eine der bekanntesten Aktivisten, die eine Geschlechtsumwandlung zur Domina vollzogen hat und von Los Angeles aus Christopher Street Veranstaltungen oder das jährliche LA Pride Festival, Gay Paraden in West Hollywood und das ganze Jahr hindurch die LGBTQ+ Community von Los Angeles unterstützt. Weil hier jeder seine Lüste ausleben kann, werden die internen Machtstrukturen nicht mehr als problematisch wahrgenommen, die von der Szene aber in der normalen Welt als anstößig gebrandmarkt werden. Die bürgerliche Welt soll sich der sexuellen Szene in ihrer „Vielfalt“ und Beliebigkeit angleichen. Foucault aber sah bereits vor Jahrzehnten, dass die sexuelle Bewegung an sich selbst gescheitert ist, eben weil sie sich von autoritären Rollenklischees nicht lösen konnte. Diese Bewegung war ihm nur eine andere Form der Disziplinargesellschaft mit ihrer eigenen Erotik. Darum kann auch eine Namensänderung von Städtenamen nur als lächerlich angesehen werden, weil hierdurch bloß eine Oberfläche berührt ist, unter der es weiter schwelt. Denn hierdurch entstehen nur neue Einseitigkeiten sowie Sprech- und Denkverbote, die ein Ausscheren aus der geschlechtlich bestimmten Welt nicht mehr möglich macht – beispielhaft dafür sind Einführungskurse für Erstsemester an Universitäten, in denen das geschlechtergerechte Abfassen von Hausarbeiten vorgeschrieben wird mit Hinweis auf die Genderforscherin Judith Butler. Die Tendenz, die die Gesellschaft nimmt, ist eindeutig. Sie will postmodern den Menschen durch eine geschlechtliche Sicht der Dinge sexualisieren und ihm damit vorgaukeln, einen „Zugang zu seiner Selbsterkennung“ zu finden, wie Foucault sagen würde. Weil durch die Macht der Moderne letztlich alles lustbesetzt ist, soll der Einzelne dann zu der Auffassung kommen: „Die Macht ist liebenswert.“ Das wäre die völlige Betäubung der Gesellschaft.

Gender ist ein Teil der Umwertung aller Werte

Was diese ganze Bewegung deutlich macht, ist die fortschreitende Abstraktion von natürlichen Lebensverhältnissen, wie sie in Ehe und Familien noch stattfinden können. Es ist die Auflösung in eine Welt der Zeichen und der damit verbundenen Zugehörigkeit zu Communities, die immer deutlicher wird. Erste Hinweise auf diese Welt der Postmoderne gibt es bereits in dem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von Goethe, wo sich ein Ehepaar in einer als selbstverständlich hingenommenen Auflösung seiner Ehe mit zwei weiteren Personen verbindet, wodurch sich die weitere Entwicklung unter den chemischen Verhältnissen – den Wahlverwandtschaften – von A, B, C und D vollzieht, also hinter dem Rücken von Menschen, die nicht mehr als frei handelnd dargestellt werden; sie sind nur noch Produkte „chemischer Reaktionen“ und liefern sich damit einer für sie unverfügbaren Macht aus. Vergleichbar der Macht zwischen den Menschen, von der auch Foucault spricht und von der er sich später distanziert hat. Dass das freie und sexuelle Spiel der „Wahlverwandtschaften“ von heutigen Autoren in ihren Romanen aufgegriffen und verschärft wird, gehört zu diesen Tendenzen einer sexuellen Libertinage, wie etwa bei Martin Walser („Das fliehende Pferd“, 1978) oder bei Uwe Timm („Vogelweide“, 2013).

Die Feminisierung hat den Frauen nun auch einen neuen gesetzlichen Feiertag beschert – den 8. März in Berlin. Eigentlich war auch das mit den Städtenamen lange vorhersehbar. „Die Wahrheit ist ein Weib“, schrieb schon Friedrich Nietzsche und wollte damit sagen, dass es eine unumstößliche Wahrheit nicht mehr gibt. Alles sei Perspektivismus, und so kann man nun auch Städtenamen einfach umbenennen, als ein Teil der großen „Umwertung aller Werte“. Die übernehmen die Genderlobbys, deren langer Arm längst in die Amtsstuben und Universitäten reicht.