Die Wahrheit finden und bekennen

Ein außergewöhnlicher Philosoph, der Glaube und Vernunft zu verbinden verstand – Zum 20. Todestag von Josef Pieper am 6. November. Von Professor Berthold Wald

Der Philosoph Josef Pieper. Foto: Archiv
Der Philosoph Josef Pieper. Foto: Archiv
Der Philosoph Josef Pieper. Foto: Archiv

Wenn Vernunft sich nicht auf Wirklichkeit hin überschreitet, weil sie es nicht vermag oder vermeidet, es zu tun, dann gibt es keine Wahrheit. Wahrheit ist das Offenbarsein von Wirklichkeit für die Vernunft. Die Wahrheit nicht nur zu suchen – in einer unaufhörlichen Bewegung des Denkens, sondern die erkannte wie auch die geglaubte Wahrheit öffentlich zu vertreten und zu bekennen – das war über das Inhaltliche hinaus die gemeinsame Einstellung und die Grundlage freundschaftlicher Beziehungen. Josef Pieper hat darin, im Bekenntnis zur Wahrheit, mit Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar, T. S. Eliot, C. S. Lewis und Joseph Ratzinger seine Lebensaufgabe, man kann auch sagen, seine Berufung gesehen.

„Bekenntnis zur Wahrheit“ meint ein Doppeltes: den Aufweis der Wahrheitsfähigkeit des Menschen gegen alle Versuche, das urmenschliche Vertrauen in den Wirklichkeitsbezug der Vernunft zu untergraben. Und „Bekenntnis zur Wahrheit“ meint die Anerkennung der Wahrheit, wie und wo immer sie gegeben ist: in den Entdeckungen der menschlichen Vernunft, in den weisheitlichen Überlieferungen der Menschheit und in der von Gott selbst eröffneten Beziehung der Liebe und der Wahrheit, die wir Christen die „frohe Botschaft“ nennen. Wahrheit ist immer schon da: von unten, im menschlichen Suchen nach der Wahrheit des Seins, und von oben, in der göttlichen Hinwendung zum Menschen. Sie bedarf der Mitarbeiter, die die Wahrheit suchen und sich von ihr finden lassen.

„Die Wahrheit bekennen“ – dieses Leitwort wird durch die Einzelbeträge deutlichere Kontur gewinnen. Vorab möchte ich nur einige konkrete Bezüge andeuten, die Leben und Denken von Josef Pieper mit dem seiner Gesprächspartner verbinden. Er selbst hat noch vor Beginn der akademischen Lehrtätigkeit seine Aufgabe, zunächst im Bereich der katholischen Erwachsenenbildung, einmal so bestimmt, in einem Brief an Heinrich Raskop, mit dem er sich für einige Jahre die Leitung des „Dortmunder Instituts für neuzeitliche Bildungsarbeit“ teilte: Am 31.3.1933, am Tag nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, heißt es darin: „Sie wissen, wo ich meine Aufgabe sehe, und dass sie sich vor allem auf das Theoretische und Allgemeine – allerdings sofern es Grundlage des Handelns ist – bezieht. [...] Unser Freund Goethe sagt, nur der Betrachtende habe ,Gewissen‘, und der Handelnde sei stets ,gewissenlos‘. Ich halte es gerade für meine Aufgabe, ,Gewissen‘ zu haben und zu sein, d. h. die theoretischen Fundamente für sittliche Entscheidungen bloßzulegen, zu sichern, zu prüfen, zu ,verkünden‘“.

Gewissen haben wollen und Gewissen sein, die geprüfte Wahrheit zu sichern und zu verkünden – das mag etwas pathetisch klingen, ist aber im Grunde genau das, was von einem Doktor der Philosophie mit Recht zu erwarten ist. „Die Wahrheit bekennen“ bestimmt geradezu die Berufsbezeichnung des akademischen Lehrers an der Universität. Das lateinische „Professor“ bedeutet „Bekenner“, abgeleitet von der substantivierten Form des Verbs „profiteri“ – gestehen, offen bekennen.

Es lässt sich nun ziemlich genau angeben, wie und wo sich diese Einstellung zur Wahrheit im Leben und Lehren Josef Piepers ausgewirkt hat: mit Aufnahme seiner Lehrtätigkeit an der Universität im Jahr 1946, ab dem Jahr 1929 bereits und weiterhin parallel zur Universitätslehre im Medium seiner Schriftstellerei und Vortragstätigkeit, und schließlich im Raum der Kirche. Diese drei Bezüge sind zugleich die Begegnungsräume für das Gespräch: mit allen Beteiligten im Raum der Kirche, mit Josef Ratzinger und Romano Guardini auch im Raum der Universität, und mit T. S. Eliot, C. S. Lewis und Hans Urs von Balthasar auf dem Feld der Schriftstellerei.

(1) Werfen wir einen kurzen Blick auf das Bekenntnis zur Wahrheit im Bereich der akademischen Lehrtätigkeit an der Universität. Der unmittelbar nach dem Krieg beabsichtigte Eintritt in die Universität begann für Josef Pieper mit einem signifikanten „Zwischenfall“. Gerhard Krüger, der sein Habilitationsverfahren zu betreuen hatte, versuchte ihn von seinem Vorhaben abzubringen mit dem Argument, er – Pieper – habe doch wie Theodor Haecker und Romano Guardini vor allem „schriftstellerische Qualitäten“, während „das vom Universitätslehrer zu fordernde ,wissenschaftliche Handwerk‘ und die ,gelehrte Forschung‘ [...] offenbar weit weniger [s]eine Sache“ sei.

Pieper berichtet davon in seiner Autobiographie und kommentiert das so: „Damals allerdings war es mir noch nicht hinreichend deutlich, wie wenig hier meine persönliche Problematik zur Rede stand oder doch nicht sie allein, sondern eigentlich die Position der Philosophie innerhalb des Wissenschaftsbetriebs der Universität überhaupt. ,Forschung‘ im philosophischen Bereich läuft doch schließlich auf ,Geistesgeschichte‘ hinaus, im Grunde auf ,Historie‘ also und damit auf jene Bemühung, ,zu erfahren, was andere gedacht haben‘, von welcher Thomas sagt, sie habe mit dem wahren Sinn des Philosophierens gerade nichts zu tun“.

Sondern womit? Pieper sagt es hier nicht ausdrücklich, aber bei Thomas geht der Satz ja weiter: Philosophie habe es damit zu tun, wie sich die Wahrheit der Dinge verhält. Und eben um Wahrheit ist es auch dem „Thomas-Schüler“ Pieper zu tun: „Als philosophischer Lehrer im Raum der Universität mein Wort sagen zu können. [...] Dass ich dabei dem Bilde des ,Gelehrten‘ und auch des ,Universitätsprofessors‘ nicht völlig und vielleicht überhaupt nicht entsprechen würde, war mir durchaus bewusst; doch nahm ich das, wenngleich immer wieder einmal leicht aufgestörten Gewissens, in Kauf.“

Der immense Erfolg seiner Vorlesungen wird diese leichte Irritation des Gewissens bald zum Verschwinden gebracht haben. Zeitweise über tausend Hörer drängten sich am Samstagmorgen in der Universität, um Pieper zu hören, vermutlich deshalb, weil es hier um die Vermittlung von Wahrheit ging, und das keineswegs ungelehrt, aber nicht um akademische Gelehrsamkeit, deren Leistungen Pieper gleichwohl mit Respekt und Bewunderung anerkannte. Eben das war bei Joseph Ratzinger in Münster, Tübingen und Regensburg nicht anders, wie vor ihm schon bei Romano Guardini in Berlin, Tübingen und München. Die Aufmerksamkeit füreinander nährte sich aus der gemeinsamen Einstellung zur Wahrheit im Raum der Universität. Der unmittelbare Wahrheitsbezug des Denkens und seine Verwurzelung in der Kontemplation bestimmte die Aufgabe des Lehrens, wie Thomas von Aquin sie formuliert hat: „contemplari et contemplata aliis tradere“. Lehren an der Universität dient nicht bloß der Vermittlung von Forschungsergebnissen, sondern ebenso der Überlieferung und dem Gegenwärtig-halten unverzichtbarer Wahrheit über die Wirklichkeit im Ganzen, über Gott und den Menschen. Dafür offen zu sein im Lehren und Lernen, ist nicht wissenschaftlich naiv, sondern die ureigene Aufgabe der Universität. Sie ist die seit dem Hochmittelalter institutionalisierte Idee, wonach der Mensch nicht allein „vom Brot“ leben kann. Ihr hauptsächlicher Zweck sollte es sein, dem urmenschlichen Verlangen nach allumfassender Wahrheit Raum und Schutz vor anderen, nicht wahrheitsbezogenen Interessen zu geben.

(2) Werfen wir nun einen Blick auf den Begegnungsraum des Schreibens, worin sich Josef Pieper mit T. S. Eliot, C. S. Lewis und Hans Urs von Balthasar verbunden weiß. Er ist bei Pieper von seiner akademischen Lehrtätigkeit kaum zu trennen. Man sieht es seinen Schriften nicht an, ob sie für den Vorlesungsbetrieb oder für den außeruniversitären Bildungsraum verfasst worden sind. Was er an C. S. Lewis rühmend hervorhebt, die Schlichtheit der Sprache, die das Vertrauen des Lesers verdient, gilt nicht weniger für ihn selbst. Es sind wesentliche Fragen, existenziell, gesellschaftlich, politisch, religiös, zu deren Erörterung nicht bloß größtmögliche Klarheit, sondern auch der „Mut“ erforderlich ist, „die Wahrheit nicht bloß zu denken, sondern sondern sie unverbittert schlicht zu sagen“. Bei Hans Urs von Balthasar bezieht sich dieses Wort aus dem Jahr 1955 vor allem auf den „in der katholischen Kirche heute etwas selten gewordenen Mut“. Dieser Mut, unbequeme Wahrheiten ins Wort zu bringen, kann ebenso als Signum des schriftstellerischen Werks von T. S. Eliot und C. S. Lewis gelten. Eliots drei Vorlesungen von 1939 über „die Idee einer christlichen Gesellschaft“ sind ein gutes Beispiel für diesen Mut zur Wahrheit. Es geht ihm darin nicht um die Rückkehr ins Mittelalter, sondern um die schonungslose Diagnose der geistigen Situation der Zeit. Wir haben die Wahl, so heißt es dort: entweder Erneuerung der Gesellschaft aus dem Geist des Christentums oder Herrschaft einer paganen Kultur der Negativität auf unabsehbare Zeit. Die wahre Alternative ist nicht „Liberalismus“ oder „Konvervativismus“, sondern die Frage ist, „was muss zerstört werden“ und „was muss bewahrt werden“. Zu bewahren ist die nur noch im Christentum lebendige Idee, dass es diesseits der übernatürlichen Vollendung grundlegende natürliche Ziele des Menschen gibt. In einer vollends nachchristlichen Kultur wird unter der Herrschaft eines „klerikalistischen Säkularismus“ auch die „Idee der Weisheit“ aus dem Bereich der kulturellen Selbstformung durch Bildung und Erziehung verschwinden. Deshalb plädiert Eliot dafür, Bildung und Erziehung zu orientieren an den grundlegenden Werken menschlicher Kultur, damit so etwas wie Weisheit in der Gesellschaft anwesend bleiben kann.

Es wundert einen daher nicht, dass Eliot und Pieper sich auf Anhieb verstanden haben, als sie sich 1949 erstmals in London begegnet sind. Pieper schreibt über diese erste Begegnung: „Für mich war die Begegnung mit Eliot eine beglückende Erfahrung; in den fundamentalen Fragen waren wir offenbar auf die gleiche Wellenlänge geschaltet. Dass Eliot selbst die Sache offenbar ähnlich angesehen hat, bezeugt der nachdenkliche kleine Essay, mit dem er später, trotz seiner erklärten Abneigung gegen Vorworte (Alick Dru: He hates prefaces), die englische Ausgabe von Muße und Kult eingeleitet hat.“

Wie Greg Morgan herausgefunden hat, berichtet der englische Biograph Robert Sencourt von Eliot genau dasselbe: „In diesem viel jüngeren Deutschen aus Westfalen fühlte Tom (Eliot) sofort eine Verwandtschaft, so wie er sie 1911 für den nun verstorbenen Laforgue fühlte. Ihre Gedankengänge erreichten sehr ähnliche Schlussfolgerungen, ausgehend von sehr ähnlichen Prinzipien bei wiederum sehr ähnlichen Methoden.“

Die einem nahezu homogenen Leserkreis offenkundige Geistesverwandtschaft Josef Piepers mit dem schriftstellerischen Werk von C. S. Lewis war für uns Grund genug, die bisherigen Tagungen der Josef Pieper Arbeitsstelle aus der Doppelperspektive von C. S. Lewis und Josef Pieper zu konzipieren. Ich beschränke mich hier auf einen einzigen Hinweis. Dass die Wahrheit nicht bloß suchen ist, sondern längst schon da ist und danach verlangt, anerkannt und bekannt zu werden, ist die Grundaussage von C. S. Lewis Schrift „The Abolition of Man“. Sie ist ein meisterhaftes Plädoyer für die Anerkennung eines elementaren Wissens um die ersten Grundsätze der praktischen Vernunft. Lewis vermeidet es darin, vom Naturrecht zu sprechen und spricht stattdessen von Grundsätzen, die „seit undenklichen Zeiten im Tao vorhanden“ sind. „Nimmt man nicht von vornherein an, sie seien für die Praxis, was Axiome für die Theorie, so gibt es überhaupt keine praktischen Grundsätze. Man kann sie nicht erschließen.“ „Das Tao [...] ist nicht ein Wertsystem innerhalb einer Reihe von möglichen Wertsystemen. Es ist die einzige Quelle aller Wertsysteme.“

Zum gemeinsamen Kontext „die Wahrheit bekennen“ gehört auch die literarisch fast als Gattungsbezeichnung ausgewiesenen „Klarstellungen“ Hans Urs von Balthasars und die „notgedrungenen Klärungsversuche“ Josef Piepers, worin sich die beiden in ihrer Schriftstellerei verbunden wussten.

(3) In dem eingangs genannten dritten Beziehungsraum schließlich sind alle Teilnehmer des Dialogs auf einzigartige Weise miteinander verbunden. Alle denken im Raum der Kirche vom Licht des Glaubens her und auf dieses Licht hin. Für alle gilt dabei das Wort Guardinis, dass sich heute niemand mehr auf ein selbstverständliches Verstehen der christlichen Wahrheit verlassen kann.

„Wer heute über die christliche Wahrheit spricht, kann es nicht so tun, wie es in früheren Zeiten vergönnt war: vertrauend und einfachhin. Die Worte, die er braucht, und die Gedanken, mit denen er arbeiten muss, sind entwertet und verändert. So bringt christliches Sprechen heute immer auch die Aufgabe christlicher Unterscheidung mit sich.“

Worauf es Pieper unter den heutigen Verstehensbedingungen für die Vergegenwärtigung der christlichen Wahrheit ankommt, dafür möchte ich abschließend aus einem Gespräch zitieren, das er dem Vorstand der Josef Pieper Stiftung in Münster zu Protokoll gegeben hat – gewissermaßen als Auslegungsrichtlinie für das, was aus christlicher Sicht unter Wahrheit zu verstehen ist. Nach einigen konkreten Verdeutlichungen im Bereich der christlichen Auffassung vom Menschen formuliert er zum Schluss das Leitprinzip, worauf die Stiftung zu achten habe: „Dass in den etwa zu fördernden Arbeiten die Form-Einheit von Philosophie und Theologie, aller notwendigen Unterscheidung zum Trotz, gewahrt und realisiert bleibt.“ Pieper bezieht sich dafür ausdrücklich auf Thomas von Aquin, weil bei Thomas – aber auch bei Platon – auf exemplarische Weise deutlich wird, warum der Akt des Philosophierens die Offenheit der Vernunft für das Ganze der Wahrheit verlangt. In dieselbe Reihe maßgeblicher Zeugen einer für die Wahrheit offenen Vernunft gehören für Pieper auch Aristoteles, Goethe und Newman. Nur eine hörbereite und im Hören geweitete Vernunft, wie Joseph Ratzinger immer wieder von neuem in Erinnerung ruft, ist weit genug, um lebenswichtige und das Leben tragende Wahrheit zu fassen. Und wenn Hans Urs von Balthasar das Katholische einmal so definiert hat: „Katholisch ist: alles umfassend, nichts auslassend“, dann trifft er sich darin beinahe wörtlich mit Piepers Bestimmung des Philosophischen.

Es ist der von postmodernen Modephilosophen verworfene „Logozentrismus“, der in das gemeinsame Bekenntnis zur Wahrheit ruft. Dieser Logos ist kein abstraktes Ordnungsprinzip menschlicher Vernunft. Er ist konkret anwesend als das göttliche Wort, das in der Schöpfung wirkt und in Jesus Christus Mensch geworden ist. In diesem göttlichen Wort ist alle Wahrheit begründet. Im einführenden Kapitel zu seiner „Summe wider die Heiden“ bezeichnet Thomas von Aquin die Wahrheit als „das letzte Ziel des ganzen Universums“, und das Offenbar-machen der Wahrheit mit dem Evangelisten Johannes als Ziel der Menschwerdung Gottes: „Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37). Die entscheidende Frage ist dann, wie wir Anteil an dieser Wahrheit gewinnen können. Was immer dazu aufseiten des Suchenden verlangt ist und zu geschehen hat, um zu verstehen und wieder hören und sehen zu lernen: Es muss Zeugen und Bekenner der Wahrheit geben, Menschen, die sich von der Wahrheit haben ergreifen lassen. In Dienst genommen und als Mitarbeiter der Wahrheit haben sie auch die Gabe der Unterscheidung. Sie werden alles daransetzen, so zu sprechen, dass ihr Sprechen durchsichtig wird für die Wahrheit.

– Berthold Wald ist Professor für Systematische Philosophie an der Theologischen Fakultät Paderborn und Herausgeber der Werke von Josef Pieper.

– Gekürzter Text des Einführungskapitels in: Berthold Wald/Thomas Möllenbeck (Hrsg.): Die Wahrheit bekennen. Josef Pieper im Dialog mit Romano Guardini, Hans Urs von Balthasar, T. S. Eliot, C. S. Lewis, Joseph Ratzinger. Pneuma Verlag München 2017, 300 Seiten, EUR 22,95