Die Technosophische Revolution

Die Umwälzungen des Informations- und Datenwesens verändern die Sicht des Humanen nachhaltig. Traditionell anthropozentrische Deutungen, wie sie Christentum und Liberalismus vertreten, verlieren an Bedeutung. Von Felix Dirsch

Fortschritt
Handschlag mit der Technik? Das Ideal der Fortschrittler ist die tabula rasa. Foto: dpa
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Handschlag mit der Technik? Das Ideal der Fortschrittler ist die tabula rasa. Foto: dpa

Grundlegend neue Menschenbilder entstehen in der Moderne hauptsächlich im technischen Bereich. Das ist nicht immer so gewesen. Die Genese der großen Weltreligionen in vormodernen Epochen ist vom Auftreten charismatischer Persönlichkeiten häufig nicht zu trennen. Man erinnere nur an nachhaltige Stiftergestalten wie Jesus, Buddha, Konfuzius oder Mohammed. Ihr Wirken ist nicht von bestimmten Zeitstimmungen zu trennen. Der Messias tritt vor zwei Jahrtausenden vor dem Hintergrund einer großen Erlösungssehnsucht auf. Aus solchen Impulsen heraus springt im Rahmen erheblicher Transformationsprozesse, wie sie etwa der Apostel Paulus bewirkt, der Funke aus einer eher unscheinbaren Ecke eines Weltreiches über auf weite Regionen und sogar andere Kontinente.

Trotz der grundsätzlichen Ausrichtung Jesu auf das Reich Gottes finden sich in der Bibel viele Aussagen über den Menschen. Die biblische Sicht des Humanen ist als „Dreiecks-Bild“ (Georg Kraus) beschrieben worden: Sie vereinigt eine personale, soziale und religiöse Dimension. Ins Philosophische gewendet lassen diese sich wie folgt beschreiben: Integralität des Menschen, Universalität und Transzendentalität. Personalität umfasst dabei die lebendige Einheit von Leib, Seele und Geist. Ohne Gemeinschaft kommt der Mensch nicht zur vollen Verwirklichung seiner Potenz. Diese horizontale Dimension wird ergänzt durch die vertikale, den Bezug zu Gott. Den in der Geschichte des Christentums oft verborgenen anthropozentrischen Grundzug stellt im letzten Jahrhundert niemand so pointiert heraus wie der Theologe Karl Rahner. Er betrachtet Christus als exemplarischen Fall im Rahmen einer langen Annäherung der Menschheit an Gott. Das biblische Menschenbild ist jedoch mit dem christlichen nicht völlig identisch. Letzteres kommt nicht ohne Überlagerung mit philosophischen Theoremen aus. Die folgenreiche Interpretation der christlichen Lehre durch Augustinus macht den platonischen Leib-Seele-Dualismus im Christentum endgültig heimisch. Der gleichfalls einflussreiche Thomas von Aquin hingegen lehnt sich in seiner Auffassung von der Seele als Form des Körpers stärker an Aristoteles an.

Solche Bestandteile aus christlichem Glauben und Philosophie formen das abendländische Menschenbild. Eine folgenreiche Zäsur bildet die humanistische Revolution, die sich am Ende des Mittelalters und in der Renaissance immer deutlicher bemerkbar machte. Der Grundzug ins Diesseitige ist unverkennbar. Der Typ, der Kraft, Tat und Schönheit repräsentiert, ist das Ideal, nicht mehr der kontemplative. Immer stärker rückt der Mensch in den Mittelpunkt, versucht, „nach seinem eigenen Maß zu messen und zu werten“ (Friedrich Märker). Die untereinander keinesfalls harmonischen Strömungen Renaissance, Humanismus und Reformation stehen, ob gewollt oder nicht, am Anfang des Aufstiegs des Individuums. Der Renaissancedenker Pico della Mirandola, der ohne christlichen Hintergrund nicht zu verstehen ist, wertet den Menschen auf, indem er ihm Würde („dignitas“) zuschreibt. Der Gottesglaube verliert nicht von heute auf morgen seine Relevanz. Er gilt aber im Laufe der Jahrhunderte immer mehr als Abstraktum, an das der Einzelne glauben kann oder auch nicht.

Das Zeitalter der Massen kündigt sich im Laufe des 18. Jahrhunderts an. Insbesondere in Militär und Produktion werden immer größere Menschenmengen gebraucht. Dieser Bedarf ist als maßgeblicher sozialgeschichtlicher Hintergrund für die Ausbreitung von Liberalismus und Menschenrechten zu beachten.

Der Liberalismus ist der Erbe von Aufklärung und Humanismus auf politischem wie ökonomischem Sektor. Diese Richtung stellt die Autonomie der Persönlichkeit wie die Macht des freien Willens heraus. Der inhärente Anthropozentrismus ist kaum zu übersehen. Der Einzelne kann sich frei zwischen Gut und Böse entscheiden. Auch im Christentum spielt die Willens- und Entscheidungsfreiheit eine zentrale Rolle, wie entsprechende Debatten von Augustinus bis ins 20. Jahrhundert belegen. Obwohl der Liberalismus in seiner postmodernen Variante immer noch das Lebensgefühl in westlichen Gesellschaften dominiert, dürfte es mit dieser Vorherrschaft bald vorbei sein. Der Niedergang wird schleichend erfolgen. Entscheidender Grund dafür ist die zunehmende Macht von immer klügeren Maschinen mit sprunghaft sich vergrößernden Problemlösungskapazitäten.

Die ersten Anzeichen des posthumanistischen Umschwungs, von einer breiteren Öffentlichkeit kaum bemerkt, kann man in die 1940er Jahre datieren. Die Debatte um Kybernetik, aus der exzellente Wissenschaftler wie Norbert Wiener und Gotthard Günther herausragen, nivellierte erstmals in größerem Stil Mensch und Maschine. Der Mensch erscheint in etlichen dieser Kontroversen wie eine Datenverarbeitungsapparatur, die Input verwandelt und somit Output generiert. Der geniale Mathematiker und Codeknacker Alan Turing prophezeite schon in den 1950er Jahren über künstliche Intelligenz: Ist sie einmal in der Welt, werde sie den Menschen in absehbarer Zeit übertreffen. Auch andere der zahllosen technischen Neuerungen wie fortgeschrittene Robotertechnik, Cyborgs, Designer-Mensch, PID und In-vitro-Fertilisation lassen eine alte Frage hochaktuell erscheinen: Was ist der Mensch?

Im folgenden Zusammenhang ist vor allem die Informationsverarbeitung zu betrachten. Die Möglichkeit, mittels einer immer größeren Datenmenge den Menschen besser zu kennen als dieser sich selbst, macht die Vorstellung vom freien Individuum tendenziell zum Auslaufmodell. Die Juristin Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin einer Firma, die künstliche Intelligenz herstellt, schärft das Bewusstsein unserer Menschenwürde inmitten einer Welt, in der die Gefahr wächst, dass der Mensch immer mehr zum Sklaven der Algorithmen wird. Am Schluss ihres Buches „Sie wissen alles“ arbeitet sie heraus, inwiefern die „Big-Data-Revolution“ als „Angriff auf den Menschen“ betrachtet werden kann.

Wie sehr die Entkopplung von Bewusstsein und Intelligenz eine Revolution des humanistischen Weltbildes, das seinerseits das transzendente beerbt hat, bewirkt, ist an einem Beispiel zu erklären. Der Humanist kann dem Gläubigen sagen, der Gottesglaube spiele sich im Gehirn des Menschen ab. Der Vertreter der modernen Datenreligion wiederum kann dem Humanisten mitteilen, dass sein Gehirn ebenso auf Algorithmen fuße wie ein Computer, nur auf organischen statt auf künstlichen. Der Mensch ist nicht mehr Mitte und Maß, wie es einst der Humanismus in allen seinen Varianten propagierte. Werden die Menschenrechte jenseits bloßer Traditionen fortbestehen, wenn ihr Träger nicht mehr Krone der Schöpfung ist, sondern Diener von perfekten, aber apersonalen Apparaturen?

Wenn der Mensch zusehends die Kontrolle über wesentliche Abläufe seines Daseins verliert – worüber schon aufgrund der zu bewältigenden Datenfülle und der Komplexität elektronischer Vernetzung kein Zweifel bestehen kann –, sind auch die Prämissen des humanistischen Welt- und Menschenbildes langfristig kaum aufrechtzuerhalten. Die Diskussionen über autonomes Autofahren, über Robotertechnik, die Roboter herstellt, und über medizinische Diagnosen des IBM-Computers Watson sind statt vieler anderer zu erwähnen. Ob der optimierte Mensch mittels einer Verschmelzung von herkömmlich biologischem Material und Maschine zustande kommt – Stichwort „Menschheit 2.0“ (Ray Kurzweil) –, erscheint noch nicht ausgemacht. Der Liberalismus verschwindet trotz schlechter Zukunftsaussichten nicht von heute auf morgen. Aber einige seiner Grundlagen wirken obsolet. Wenn Algorithmen wirklich besser wissen, was für den Menschen gut ist, als er selbst, erscheint ein Anstoßen der Bürger („Nudge“) gerechtfertigt. Solche Anregungen des Staates im Hinblick auf gesunde Ernährung, Sport, umweltbewusstes Verhalten und so fort sind den Verhaltensökonomen Richard H. Thaler und Cass Sunstein zufolge durchaus förderlich, agieren Menschen doch nicht wirklich rational. Diese Vorschläge firmieren unter dem euphemistischen Stichwort „liberaler Paternalismus“.

Nicht nur die stetig verbesserte Maschinentechnik stellt die Errungenschaften von Freiheit und Würde in Frage; weiter werden sie auch von anderen Wissenschaftsdisziplinen auf den Prüfstand gestellt. Etliche prominente Neurobiologen wie Wolf Singer und Gerhard Roth wollen den freien Willen als Illusion entlarven. Der weltberühmte Psychologe Burrhus F. Skinner betrachtete den Menschen bereits vor über einem halben Jahrhundert als konditionierbares Wesen. Gegen solche Versuche eines naturalistischen Menschenbildes zog der britische Schriftsteller Clive S. Lewis bereits im Rahmen einer während des Zweiten Weltkrieges gehaltenen Vorlesung ins Feld, die in deutscher Sprache später unter dem Titel „Die Abschaffung des Menschen“ erschien: „Der Endzustand ist erreicht, wenn die Menschen durch Eugenik, vorgeburtliche Konditionierung … die vollständige Kontrolle über sich erreicht haben. Des Menschen Eroberung seiner selbst bedeutet ganz einfach die Herrschaft der Konditionierer über das konditionierte menschliche Material … Das traditionelle Menschliche soll abgetakelt und die Menschheit in eine neue Form umgeprägt werden, nach dem Willen von Leuten der einen Generation, die gelernt hat, wie man das macht. Wie König Lear haben wir versucht, unser menschliches Vorrecht abzulegen und es gleichzeitig zu behalten. Das ist unmöglich. Entweder wir sind vernunftbegabter Geist, Ebenbild Gottes, und für immer diesem verpflichtet, oder wir sind bloße Natur, dazu da, in neue Formen geknechtet und gehauen zu werden, je nach dem Belieben von Herren, die voraussetzungsgemäß kein anderes Motiv haben können, als ihren eigenen subjektiven Impuls.“ Über die Aktualität derartiger Gedanken ist kein Wort zu verlieren.