Die Selbstzweifel des Hausmanns

In unaufgeregter Inszenierung zeigt der Fernsehfilm „Du bist dran“ ein realitätsnahes Ehedrama. Von José García

Eigentlich hat sich Peter (Lars Eidinger) mit der Rolle als Hausmann arrangiert. Dann gerät er in eine Selbstwert-Krise. Foto: WDR
Eigentlich hat sich Peter (Lars Eidinger) mit der Rolle als Hausmann arrangiert. Dann gerät er in eine Selbstwert-Krise. Foto: WDR

Wegen der schlechten Auftragslage ist der Möbelrestaurateur mit abgebrochenem Industriedesign-Studium Peter (Lars Eidinger) immer mehr in die Rolle des „Hausmanns“ hineingewachsen. Inzwischen hat sich der 39-Jährige damit abgefunden, zu Hause zu bleiben, während seine ein paar Jahre ältere Frau Elisabeth (Ursina Lardi) im Bereich der Entwicklungshilfe ständig unterwegs ist und Karriere macht. Peter fühlt sich eigentlich wohl dabei, den Haushalt zu besorgen und sich um Elisabeths 15-jährigen Sohn Robby (Liam von Enschot) und um die kleine gemeinsame Tochter Laura (Johanna Scharf) zu kümmern. Obwohl sich Peter eigentlich längst mit der Situation arrangiert hat, reagiert er dennoch empfindlich auf die Sicht der anderen, insbesondere auf die Bedenken seiner Mutter Hedi (Jutta Wachowiak), die sich mit diesem Rollenwechsel gar nicht einverstanden zeigt: „Der Junge macht alles selbst“.

Als Peters Mutter überraschend stirbt, wirkt sein Vater Herbert (Horst Westphal) zunächst antriebslos. Für Peter ist es selbstverständlich, dass er sich auch um ihn kümmert. Dass der Vater bald darauf der Familie eine „Neue“ vorstellt, die er baldmöglichst heiraten möchte, empört den Sohn, der dies gegenüber seiner geliebten Mutter als völlig pietätlos findet. Irgendetwas beginnt sich in Peter zu regen. Sein erster Versuch seit längerer Zeit, eine Stelle zu finden, scheitert jedoch, was wiederum zu einer Identitätskrise führt: „Was mache ich aus meinem Leben?“, fragt er sich. Just in diesem Augenblick muss er noch einen weiteren „Rückschlag“ verkraften: Durch den Kommentar einer Bekannten erfährt er, dass Elisabeth vor einiger Zeit das Angebot erhalten hat, zusammen mit ihrer Familie für zwei Jahre nach Kenia zu ziehen – und dass sie zugesagt hat, ohne sich mit ihm abzusprechen. Das ganze Gebäude, in dem er sich eingerichtet hatte, bricht zusammen. Nicht nur seine Ehe steht auf dem Spiel. Auch seine Selbstachtung hat unter diesen Rückschlägen empfindlich gelitten. Auf einmal kommt nicht nur die Unzufriedenheit, sondern auch ein latenter Minderwertigkeitskomplex gegenüber seiner Frau zum Vorschein, der auch für Elisabeth das Zusammenleben nicht gerade einfach macht. Dass sie sich von ihm gar nicht trennen will, registriert Peter kaum noch.

Den Rollentausch zwischen Eheleuten behandelte vor einigen Jahren der französische Spielfilm „Auf der anderen Seite des Bettes“ („De l'autre côté du lit“, DT vom 30.01.2010) trotz einiger ernster Untertöne als eindeutige Komödie. Drehbuchautorin und Regisseurin Sylke Enders gestaltet den Fernsehfilm „Du bist dran“, den die ARD am Mittwochabend ausstrahlt, unzweideutig als Ehe- und Familiendrama. In seinem Mittelpunkt stehen die gesellschaftlichen, aber auch die psychologischen Konflikte, die sich aus einem solchen Rollentausch ergeben – vom Verlust des Selbstwertgefühls des Mannes über die schwierige Lage der Frau, die mit Peters Unzufriedenheit kaum umzugehen vermag, bis zu den gesellschaftlichen Konventionen, in denen für „Hausmänner“ kein Platz vorgesehen ist. Regisseurin Sylke Enders führt dies auch etwa bei einem Abendessen mit einem Kollegen Elisabeths und seiner Frau sowie auf einer Ausstellung, auf der sich Peter ziemlich verloren vorkommt, dem Zuschauer eindringlich vor Augen.

Vieles in „Du bist dran“ erweckt tatsächlich den Eindruck, als sei es dem Leben abgeschaut. Denn Enders' Inszenierung nimmt sich verhältnismäßig unspektakulär aus. Sie dramatisiert nicht übermäßig, sie überspitzt nicht die Handlung. Weder verfällt sie in Schuldzuweisungen noch macht sie aus ihren Protagonisten holzschnittartige Figuren. Sowohl Peter als auch Elisabeth stellen sich als komplexe Charaktere mit Ecken und Kanten heraus, die kaum Platz für Klischees zulassen. Diese Nähe der Figuren zum Leben macht „Du bist dran“ überaus glaubwürdig. Dadurch gelingt es aber auch der Drehbuchautorin und Regisseurin, beim Zuschauer Empathie für diese Charaktere zu wecken. Dazu führt Sylke Enders aus: „Lohnt es sich für die beiden, überhaupt noch zu kämpfen? Ist statt Liebe schon etwas anderes eingetreten, die Macht der Gewohnheit? Oder Abneigung?“

Der Fernsehfilm „Du bist dran“ handelt eigentlich von der Kommunikation in der Ehe. Deswegen und weil er dieses allgemein gültige Thema auf eine sehr unaufgeregte Art und Weise inszeniert, schafft Enders' Film für den Zuschauer eine breite Identifikationsfläche mit dem realitätsnahen Drama.

„Du bist dran“, Regie: Sylke Enders. Mittwoch, 28. August, 20.15 Uhr, ARD, 90 Minuten