Die Sehnsucht weist den Weg, nicht die Moralkeule

Was die Kirche über die menschliche Sexualität lehrt, ist echte Lebens- und Beziehungshilfe: Es gibt keinen Unterschied zwischen Pflicht- und Glücksmoral

Die Geburtenrate sinkt und sinkt. Im Jahr 2009 wurden wieder 30 000 Kinder weniger geboren als im Vorjahr. Was wird sein, wenn zur ideologischen und materiellen Zerstörung der Existenzbedingungen von Familie noch der Crash des Sozialsystems kommt, weil immer mehr Alte von immer weniger Erwerbstätigen ernährt werden müssen? Unwahrscheinlich, dass die Menschen dann gebärfreudiger sein und die Freuden und Pflichten der Elternschaft auf sich nehmen werden.

Es ist zur Existenzfrage Europas geworden, dass die Sexualität von der Fruchtbarkeit getrennt wurde. Die sogenannte „Befreiung der Sexualität“ aus der Verankerung in moralischen Normen hat zu einer zerstörerischen Entfesselung dieser elementaren Macht geführt, deren primäre Aufgabe es ist, Leben zu schenken. Nun sehen wir mit Schrecken, dass die Kraft, die Mann und Frau „ein Fleisch“ werden und daraus einen neuen Menschen entstehen lässt, eine Kultur des Todes hervorbringt.

„Erbarmt denn niemanden die Not der jungen Generation, von der so viele durch das Zerbrechen der Familie tiefe seelische Verletzungen erlitten haben und die sich in frühen sexuellen Beziehungen immer weitere Verletzungen zuziehen, die ihren Traum der Liebe zerrinnen lassen?“

Eine sexualisierte Gesellschaft, die Sexualität auf die Funktion der Lustbefriedigung reduziert und der Jugend ab dem Kindergarten die Botschaft gibt, Sex müsse ausgelebt werden, braucht Verhütung und Abtreibung. Längst hat es sich als Trugschluss erwiesen, dass die allgemeine Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln zu einer Reduktion der Abtreibungszahlen führe. Das Gegenteil ist der Fall. Obwohl Kinder in den Schulen noch vor der Pubertät zu Verhütungsexperten ausgebildet werden und jungen Mädchen ab der ersten Menstruation die Pille wie selbstverständlich verabreicht wird, steigen die Zahlen für Frühschwangerschaften und Frühabtreibungen an. Pro Familia – welch zynischer Name – besorgt als größter Abtreibungsunternehmer beides: den Sexunterricht und die Abtreibung – mit finanzieller, staatlicher Förderung.

Verhütung der Empfängnis eines Kindes und die Freiheit, empfangene Kinder töten zu dürfen – das gehört zum „Wertefundament“ der postmodernen Gesellschaft – dafür riskiert sie ihre Existenz. Die Aufklärung kämpfte für den Abfall vom Glauben im Namen der Rationalität. Jetzt fallen wir von der Rationalität ab – im Namen wessen? Im Namen des Götzen Sexualität. Er ist ein gefräßiger Götze: Glaube, Familie, Lebensglück und der Bestand des Volkes werden auf seinem Altar geopfert. Wer an seiner Macht rüttelt, wird mit Wut und Hass verfolgt.

Die Kirche hat die Aufgabe, Götzen zu entlarven und die Menschen zu dem zu führen, dem allein Ehre und Anbetung gebührt: Gott. Wie Eltern, die den drogensüchtigen Sohn zum Guten mahnen, wird die Kirche deswegen angegriffen und verdächtigt, dem Menschen die Lust vergällen zu wollen. Eines Tages findet der Sohn ein Tütchen„Schnee“ in der Schreibtischschublade seines Vaters. Seine Autorität ist verloren. Der Sohn konfrontiert den Vater triumphierend mit seiner Scheinheiligkeit und Verlogenheit. Aber welch ein schrecklicher Verlust für den Sohn! Nun hat er niemanden mehr, an dem er das gute Leben sehen kann, hat niemanden mehr, der sich aus Liebe müht, ihn auf den rechten Weg zu bringen.

Wenn es eine lebenswerte Zukunft geben soll, muss dieses Licht der Wahrheit über den Menschen, der als Mann und Frau geschaffen und zur Liebe und Fruchtbarkeit berufen ist, wieder angezündet werden. Erbarmt denn niemanden die Not der jungen Generation, von der so viele durch das Zerbrechen der Familie tiefe seelische Verletzungen erlitten haben und die sich in frühen sexuellen Beziehungen immer weitere Verletzungen zuziehen, die ihren Traum der Liebe zerrinnen lassen?

Um auf diese Not zu antworten, halte ich Seminare für junge Menschen mit dem Titel ONLY YOU – gib der liebe eine chance. Es ist nicht schwer, den Traum der Liebe im Herzen junger Menschen zu wecken. Die meisten sehnen sich nach einem treuen Partner und nach Familie. Diese Sehnsucht, nicht die Predigt von Moral, ist das Pfund, mit dem zu wuchern ist: Wenn du deinen Traum der Liebe verwirklichen willst, wie musst du dann jetzt leben? Dazu müssen Grundfragen geklärt werden, über die selbst bei jungen Menschen, die getauft und gefirmt sind, die Religionsunterricht, Kommunion- und Firmunterricht genossen haben, Verwirrung besteht. Die Botschaft der Liebe wird ihnen in dieser Kultur nicht mehr ausgerichtet.

Was ist Liebe? Papst Benedikt XVI. hat seine erste Enzyklika Deus caritas est diesem Thema gewidmet, um im Bewusstsein der Menschen die Liebe aus dem Käfig des Egoismus zu befreien. Im Herzen weiß es jeder und hat – hoffentlich – Inseln der Erfahrung, dass Liebe ein selbstloses Schenken ist. Wer ist der Mensch, der sich nach Liebe sehnt? Ein höher entwickelter, triebgesteuerter Affe oder ein liebesfähiges Geschöpf Gottes? Wenn er aus Liebe um seiner selbst willen geschaffen und mit Freiheit ausgestattet ist, dann besitzt er unveräußerliche Würde. Die Achtung des anderen verbietet es, ihn oder sie zu benutzen.

In dieser Gefahr sind wir insbesondere im Bereich der Sexualität, weil der Mensch ein Wesen aus Geist und Leib ist. Der Körper begehrt Befriedigung, die Seele sehnt sich nach Liebe. Die Person möchte sich in den Augen des anderen erkannt sehen als das einzigartige Wesen, das sie ist. Jede Berührung des Körpers ist eine Berührung der Seele – nicht mein Körper wird geküsst oder geschlagen, sondern ich werde geküsst oder geschlagen. Wie kann es gelingen, dass der Körper zum Ausdruck der Liebe wird, dass er die starke Sprache hingebender Liebe spricht? Es wird klar, dass dazu die Reifung der Persönlichkeit gehört, die Fähigkeit zur Freundschaftsliebe, denn philia ist notwendig, damit eros zum Ausdruck von agape wird – in der Werbephase des Mannes um die Frau nicht minder als in der Ehe.

Wer, so fragen sich die Jugendlichen, sind wir als Mann und Frau? Das Thema interessiert sie brennend. Die polare geschlechtliche Identität ist in unserer Zeit verwirrt und wird durch die globale Politik des Gender-Mainstreaming bewusst aufgelöst. Daran arbeiten mehr als hundert Gender-Professorinnen an deutschen Universitäten und ungezählte Institute. Trotz aller Dekonstruktionsversuche wünschen sich die meisten Männer eine einfühlsame, liebevolle Frau und Frauen einen starken, fürsorglichen Mann. Der Liebespfeil, der sie getroffen hat, wird von Amor abgeschossen, einem kleinen Kind. Das ist es, was der eine in unbewusster Wahrheit beim anderen sucht: die Fähigkeit, Mutter und Vater zu werden.

Aber warum zerschellt der Traum der Liebe so oft? Darauf gibt es eine historische und eine moralische Antwort:

Die sexuelle Revolution, die Ende der sechziger Jahre ins Werk gesetzt und Schritt für Schritt in Gesetze gegossen wurde: Von der Freigabe der Pornographie über die Straffreiheit der Abtreibung, Gender-Mainstreaming als Leitprinzip der Politik, die Einführung Homo-„Ehe“, die Legalisierung der Prostitution bis zu parlamentarischen Anträgen auf Aufnahme der „sexuellen Identität“ ins Grundgesetz. Den jungen Menschen geht ein Licht auf, wenn sie erfahren, dass die Gesellschaft, in die sie hineingeboren sind, alles andere als „normal“ ist, dass vielmehr eine Zerschlagung des Wertefundaments durch die 68er Generation stattgefunden hat.

Die zweite Ebene ist die Frage, wie der Einzelne mit seiner Freiheit umgeht: Welche Auswirkungen haben Pornographie, Masturbation, Promiskuität, Sex vor der Ehe und außerhalb der Ehe, Homosexualität auf das Verhältnis zu sich selbst, zu anderen Menschen, zu Gott? Es ist häufig ein Weg in die Sucht, kein Weg in die Freiheit der Liebe.

Nun leuchtet auf, was Keuschheit eigentlich heißt, nämlich „die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“ (KKK 2337).

Die Grundlagen sind gelegt, auf denen es jetzt möglich ist, das Für und Wider von Sex vor der Ehe zu erörtern. Es zeigt sich, ganz rational, ohne erhobenen Zeigefinger und ganz gewiss ohne Drohung spiritueller Art, dass die Pro-Argumente dünn sind, die Gegenargumente hingegen schwer wiegen. Lohnt sich das Risiko seelischer Verletzungen, unerwünschter Schwangerschaft, sexuell übertragbarer Krankheiten, immer erneuter Enttäuschungen für die schnelle, ungebundene, unversprochene Liebe? Muss man die Katze aus dem Sack lassen, um einen Menschen und sich selbst zu prüfen?

Es ist nicht schwer, die Erkenntnis zu vermitteln, dass ONLY YOU der sicherste Weg zur Erfüllung des Traums der Liebe ist. Dazu braucht es noch nicht einmal Gott, da genügt schon die Vernunft. Aber an den bildungspolitischen Schalthebeln der Macht sitzen linke Ideologen, die sich auch in den C-Parteien eingenistet haben. Sie scheren sich nicht um den dramatischen Verfall der seelischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Sie diffamieren Menschen, die für die vom Grundgesetz geschützte Familie eintreten, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, als „Familienfundamentalisten“ – ungerührt vom Elend der zerbrochenen Familien und den bodenlosen Belastungen und Kosten, die dadurch dem Gemeinwesen entstehen; sie benutzen ihre Macht über die Ausbildung von Erziehern und Lehrern und die schulischen Curricula, um den Eltern das vom Grundgesetz garantierte Erziehungsrecht zu entreißen und Kinder vom Kindergarten an zu sexualisieren durch Institutionen wie die staatliche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die staatlich geförderte Abtreibungsorganisation Pro Familia. Sie wissen, dass die Sozialsysteme aufgrund der demographischen Krise zusammenbrechen, aber sie rühren nicht an der Straffreiheit der Abtreibung und an der Familienzerstörungspolitik. Eine evangelische Ex-Bischöfin erklärt gar die Pille zum „Gottesgeschenk“.

„Die Kirche in Deutschland steht am Scheideweg: Noch mehr Säkularisierung, noch mehr Angleichung an die Welt, was ein Verrat an der Botschaft ist und in die Bedeutungslosigkeit führt, oder mit dem Papst den Weg der Umkehr beschreiten“

Die junge Generation muss dieses Erbe antreten. Es ist, wie gesagt, nicht schwer, die Erkenntnis zu vermitteln, dass es sich lohnt, in Sachen Liebe und Sexualität jetzt zu zahlen und später zu ernten (Ehe und Familie), als jetzt zu ernten (Sex macht Spaß) und später zu zahlen (zerbrochene Beziehungen). Bei meinem letzten Seminar mit 76 jungen Teilnehmern in einem evangelischen Zentrum in Sachsen-Anhalt, sagten 70, sie wollten aufgrund der neu gewonnenen Erkenntnisse Änderungen in ihrem Leben vornehmen, die übrigen fühlten sich bestärkt.

Aber es ist schwer, dies tatsächlich zu tun. Dafür ist ein soziales Netz notwendig, das vor dem pausenlosen Druck zur sexuellen Aktivität schützt und Kraft gibt, sich vom Mainstream nicht mitreißen zu lassen. Jene, die das schaffen, sind zunächst Außenseiter, haben aber große Chancen, zu Leitpersonen zu werden.

Eigentlich sollte die Kirche der Ort sein, wo Menschen gemeinsam auf dem schmalen Weg unterwegs sind, der Jesus Christus ist. Aber wo sind die Hirten, die auf dem Gebiet der Sexualität die Herde vor den Wölfen bewahren? Wo ertönt jetzt, gerade jetzt, laut und vernehmbar der Ruf zur Umkehr und Buße, zu welcher der Papst so eindringlich auffordert?

Die Kirche in Deutschland steht am Scheideweg: Noch mehr Säkularisierung, noch mehr Angleichung an die Welt, was ein Verrat an der Botschaft ist und in die Bedeutungslosigkeit führt, oder mit dem Papst den Weg der Umkehr beschreiten und wie die Bewohner von Ninive die Bußkleider anziehen? Wo sind die Hirten, die wie der Heilige Vater bereit sind, für und mit Christus zu leiden und wie der König von Ninive voranzugehen?

Die Weichenstellung in Fragen der Sexualität war die Ablehnung der Enzyklika Humanae vitae von 1968. Von da an wurde das unaufgebbare Proprium des Christen, Sexualität als Abbild der Liebesbeziehung der drei göttlichen Personen zueinander und der bräutlichen Beziehung Jesu Christi zu seiner Kirche zu verstehen und zu leben, weitgehend aufgegeben. Der Samen der Wegweisungen Johannes Pauls II. in Fragen Ehe und Familie, Sexualität (Theologie des Leibes) und Lebensschutz fiel in Deutschland auf steinigen Boden und konnte nicht fruchten. Der mit Kirchensteuermitteln reich alimentierte BDKJ boykottierte die Weisungen des Papstes und tut dies weiterhin. Es gab keinen kirchlichen Widerstand gegen die Sexualkunde, keine katholische Alternative, die von katholischen Schulen, katholischen Pfarrern und Gemeinschaften hätte aufgegriffen werden können. Das Salz verlor seinen Geschmack und wird nun weggeworfen und von den Leuten zertreten. Die Folgen sind verheerend. Der Glaube kann einer sexualisierten Generation nicht mehr weitergegeben werden.

Deswegen: Es gibt keine Alternative zur vollen und ganzen und beglückenden Lehre der Kirche über Liebe, Ehe und Sexualität. Die Kirche muss verkünden, dass es weder in der Realität noch in der Sprache zwei „Moralen“ gibt, eine „Pflichtmoral“ und eine „Glücksmoral“, sondern dass der schmale Weg zum Leben und der breite Weg ins Verderben führt (Mt 7,13–14). Dann kann die Kirche in einer Gesellschaft, die durch die systematische Trennung der Sexualität von der Fruchtbarkeit und ihre Reduktion auf Lustbefriedigung die Weitergabe des Glaubens, die Existenzgrundlagen der Familie und den Bestand der Bevölkerung riskiert, wieder das Licht sein, das die Welt so dringend braucht.