Die Sehnsucht nach dem Heiligen in der Moderne

Künftige Seelsorger finden bei Erwin Möde spirituelle Orientierung

Spiritualität ist in vielfältigen Formen wahrnehmbar als „Megatrend“, hinter dem sich eine „Gottessehnsucht“ (Paul M. Zulehner) verbergen mag. Nicht nur säkulare Schriftsteller wie ein Paulo Coelho oder Richard David Precht verfassen Bestseller mit spirituellem Anspruch, sondern mit gleicher Resonanz auch christliche Autoren wie die bekannten Benediktiner Notker Wolf und Anselm Grün oder der Heiligenkreuzer Zisterzienser Karl Wallner. Neben den klassischen Ordenspiritualitäten, die immer neue Lebenskraft beweisen, oder ausstrahlenden Orten wie Taizé, gibt es die spirituellen Familien der neuen geistlichen Bewegungen, die eine immer wichtigere Rolle spielen und viele suchende jüngere und ältere Menschen ansprechen.

„Möde kommt bei der Behandlung der Fragen um christliche Spiritualität seine Kennerschaft der Probleme mit der ,Postmoderne‘ zugute“

Damit es aber nicht erneut zu der von Hans Urs von Balthasar mehrfach beklagten Zweiheit von Theologie und Spiritualität (die er unter dem Begriff der „Heiligkeit“ fasste) kommt, ist eine kritische und systematische Reflexion unabdingbar. Nach Her-ausgabe einer fächerübergreifenden Grundlagenstudie „Theologie der Spiritualität – Spiritualität der Theologie(n)“ (besprochen in „Die Tagespost“ vom 2. Dezember 2008) hat Erwin Möde, in Eichstätt seit über zehn Jahren Inhaber eines von Bischof Walter Mixa geförderten Lehrstuhls für christliche Spiritualität und Homiletik, nun seine spiritualitätstheologischen Überlegungen zusammengefasst vorgelegt und dabei auch den Begriff der Mystik einbezogen. Möde kommt bei der gegenwartsbezogenen Behandlung der Fragen um christliche Spiritualität seine ausgewiesene Kennerschaft aller mit der sogenannten „Postmoderne“ zusammenhängenden Aspekte und seine praktische psychotherapeutische Erfahrung zugute. Eingebracht wird gleich im ersten Kapitel das Gottesproblem Nietzsches, die Gebetssehnsucht Rilkes („Ich bete wieder, du Erlauchter ...“), die Spurensuche Martin Heideggers und das moderne „Zeitalter der Angst“ (W. Auden), das Möde dann vor allem mit Bezug auf Darlegungen Eugen Bisers erörtert. Die nach dem (nicht nur die Kunst betreffenden) „Verlust der Mitte“ (Hans Sedlmayr) unübersehbare „Wiederkehr des Religiösen“ findet der Autor zwischen heilender „Humanressource“, erneuertem Erlösungsglauben und der psychosozial-mystischen Dimension des Betens. Letztere soll eine Trennung von Geist und Psyche verhindern, wozu Möde eine präzise Definition liefert: „Die Integration der unbewusst bis bewussten Bedürfnismotive und psychoaffektiven Regungen in das geistliche Leben, nicht deren Verleugnung und Abspaltung, sind das ,Nahziel‘ zur ,Reinheit des Herzens‘ und somit zum identitätsstarken persönlichen Gebet“. Damit ist zugleich das berechtigte Anliegen Freuds aufgegriffen und einer Lösung zugeführt.

In der Grundlegung einer Theologie der Spiritualität wird auf Mircea Eliades Begriff der globalen „Dialektik der Hierophanie“ verwiesen, in der Heiliges und Profanes, Absolutes und Relatives paradox zusammenfallen, zuhöchst als „Präfigurationen des Wunders der Inkarnation“. Den Spiritualitätsbegriff und seine Geschichte deutet Möde dann im Anschluss an maßgebliche Arbeiten Josef Sudbracks. Auftrag und Anspruch von Spiritualitätstheologie ist der Beitrag zur „Unterscheidung der Geister“, wie sie nicht nur die jesuitische, sondern auch die monastische Tradition ausgeprägt hat (dazu die Besprechung der Textsammlung von Marianne Schlosser durch Klaus Berger, DT vom 29. November 2008). Möde sieht zwei Hauptquellen konkret gelebter Spiritualität der Glaubensbotschaft: das Evangelium mit den von Christus gewirkten Zeichen des Heils, sowie die Gottespräsenz und das Geisteswirken in Kirche, Geschichte und Einzelsubjekt. Darunter wird eigens der „Nachvollzug des II. Vaticanums“ erwähnt. Mystik sieht Möde mit Bezugnahme auf Wittgenstein „zwischen Tautologie und Transzendenz“ und in der Gefahr einer „Ambitendenz“ zwischen nihilistischer Todesmystik (etwa bei Jorges Luis Borges) und Antizipation des Himmlischen in der Gottesschau einer Mechthild von Magdeburg. Das „Begehren“ der Mystik ist nicht die sexuelle Begierde oder eine Sucht, sondern das „desiderium naturale in visionem Dei“ (Augustinus/Thomas), das „désir“ des Psychoanalytikers Jacques Lacans und schließlich die „dialogische Unsterblichkeit“ der Eschatologie Joseph Ratzingers.

Dies wird nun im dritten und vierten Kapitel anhand von spirituellen Primärerfahrungen als „Erwachen zu Gott“ konkretisiert.

„Ein eigener Abschnitt wird der wichtigen

spirituellen Primärerfahrung des Trostes in der Trauer gewidmet“

An erster Stelle erwähnt Möde die präliturgische Erfahrung von Musik und Gesang, von Atem (Odem) und Sprache, die freilich von Schamlosigkeitstendenzen der Gegenwart verunklärt wird. Dann gehört dazu die Erfahrung der Heilkraft des Glaubens, die Möde an mehreren biblischen Heilungsgeschichten erschließt. Ein eigener Abschnitt wird der wichtigen spirituellen Primärerfahrung des Trostes in der Trauer gewidmet und mit praktisch-seelsorgerischen Regeln zur sensiblen und respektvollen Art der Tröstung versehen. Alle relevanten zeitgenössischen Vertreter und Strömungen beachtet Möde in einer Zwischenbilanz zur Annäherung von christlich-kirchlicher Spiritualität und Psychologie, beziehungsweise Psychotherapie. Dabei wird eine „therapeutische Spiritualität“ der Angstüberwindung nahegelegt und auch die therapeutische Wirkkraft von Ritualen psychologisch untersucht. Den zur Totenmagie neigenden „Familienaufstellungen“ eines Bert Hellinger wird das heilsame Ritual der Taufe gegenübergestellt. Therapeutischen Zuspruch sieht Möde besonders bei Eugen Biser, dem er fast eine Hommage widmet und dadurch sein Werk kritisierbar macht. Jesus Christus ist beim Münchener gelehrten Guardini-Nachfolger der „Helfer“, die „Hilfe“ und der „Freund“, der zu dem sicher nicht falschen Urteil führt: „Die therapeutische Heilkraft des Glaubens kann also dann am ehesten in Theologie und Kirche aufbrechen, wenn in der Lehre statt Beherrschungsdoktrin und Systemdenken wieder die ursprüngliche ,Zusage‘ Jesu an den Menschen wirksam wird.“ Ob die Bisersche „Christologie von innen“ allerdings dem biblischen Kerygma und dem von Erik Peterson unverzichtbar genannten Dogma des Glaubens noch entsprechen kann, ist mehr als fragwürdig. Kirche hat, wie Möde dann im fünften Kapitel bei der kritischen Diskussion „christlicher Werte“ betont, auch pastorale und therapeutische Verantwortung zur Wahrung von Grundwerten in der zu einem „Babylon“ neigenden modernen Gesellschaft, aber sie wird mit Paulus das Ärgernis der Kreuzesbotschaft nicht zugunsten einer therapeutischen wellness-Spiritualität aufgeben dürfen.

Der Autor fasst seinen spiritualitätstheologischen Ansatz mit einem „lebensweltlichen Zugang zur Soteriologie in postmoderner Zeit“ treffend unter dem Leitsatz „Jesus Christus: König der Welt – Heil der Menschen“ zusammen, hätte ihn aber noch mit Reflexionen zum Thema „Spiritualität und Wahrheit“ oder „Spiritualität und Heiligkeit“ ausweiten können. Leider keine Erwähnung findet das Bemühen der Verfasser des katholischen Weltkatechismus von 1992 (KKK), der doktrinellen und ethisch-moralischen Lehre der Kirche insgesamt eine spirituelle Form und einen eigenen Teil über das christliche Gebet zu geben. Auch vermisst man im grundlegenden Werk des belesenen Autors Literaturverzeichnis und Register, die eine Hilfe gewesen wären. Trotz dieser Einwände bleibt Mödes Buch eine für angehende Seelsorger und spirituelle Orientierung suchende Leser sehr zu empfehlende Studie, die sich aktuellen Herausforderungen stellt und vor allem den oft verdrängten Stellenwert des Psychologischen mutig aufzeigt.