Die Schauspielbühnen als Lernort für Jugendliche

„Theater Real“: Ein Schulprojekt in Dortmund – Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Theater kann auch bundesweit Vorbild sein. Von Anja Kordik

Die „Institution „Theater“ als kreativer Erlebnisraum, zugleich als Arbeitsstätte für Menschen unterschiedlichster Berufe – diese Perspektive jungen Menschen zu vermitteln, ist das Ziel von „Theater Real“. So heißt ein spartenübergreifendes Kooperationsprojekt des Dortmunder Theaters zusammen mit den zwölf Realschulen der Stadt, das jetzt zu Beginn dieser Spielzeit von Schauspieldirektor Kay Voges eröffnet wurde.

Das Theater Dortmund ist eine von bundesweit mehreren Bühnen mit speziellen Schulinitiativen: unter ihnen die Theater Mannheim und Magdeburg, das Theater Mülheim an der Ruhr sowie Bühnen in Berlin, Frankfurt und Hamburg. Gemeinsame Leitidee dieser Projekte ist, die „Schwellenangst“ vor dem vermeintlichen „Tempel der Kunst“ abzubauen. Sarah Jasinszczak, Theaterpädagogin am Schauspiel Dortmund, umschreibt das Kernanliegen: „Junge Menschen sollen das Theater als Ort der Begegnung und der gesellschaftlichen Teilhabe schätzen lernen, an dem auch ihr eigenes Schicksal als Bürger und Mensch verhandelt wird.“ Das heißt: Theater als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, kein abgehobener, wirklichkeitsferner „Kultur-Raum“, sondern ein dynamischer Lebensraum und Lernort.

In Dortmund entstand die erste Idee zum Schulprojekt „Theater Real“ bereits vor zwei Jahren: Michael Eickhoff, damals neuer Chefdramaturg am Schauspiel und Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak trafen sich mit zunächst drei interessierten Schulleitern. Gemeinsam entwickelten sie über ein Jahr hinweg eine Kooperationsvereinbarung. Darin verpflichten sich die Schulen unter anderem zur inhaltlichen Vor- und Nachbereitung von Theaterbesuchen und Führungen hinter den Kulissen. Außerdem muss an jeder Schule ein spezieller Ansprechpartner zur Koordination benannt werden, und jede Schule muss ein „Patenschaftsbuch“ bereithalten, in dem die Ergebnisse des gemeinsamen Projekts dokumentiert werden. Die Kooperationen sind zunächst auf zwei Jahre angelegt, können aber automatisch verlängert werden.

Dreimal im Jahr ermöglicht eine „kriminelle Rallye“ unter der Überschrift „Auf den Spuren des Theaters“ eine „Entdeckungsreise“ durch die verschiedenen Abteilungen am Theater Dortmund. Diese große Theater-Rallye dauert drei Stunden und dient dazu, Ausbildungsberufe am Theater kennenzulernen und Antworten auf Quizfragen zu diesen Berufen zu finden. Den Schluss- und Höhepunkt bildet ein heiteres „Beruferaten“.

Finanziell gestützt wird die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Theater in Dortmund unter anderem über das Projekt „Klassenkasse“ – einen Fonds, in den engagierte Unternehmer, Firmen, Privatpersonen und Vereine Geld einzahlen. Über diesen Fonds werden zum Beispiel Eintrittskarten bezahlt für Schüler, deren Eltern sich aus welchen Gründen auch immer einen Theaterbesuch nicht leisten können. „,Theater Real‘ verbindet so einen sozial-kulturellen Bildungsauftrag mit bürgerschaftlichem Engagement“, betont Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak.

Zusammenarbeit zwischen Schule und Theater: Die verschiedenen Bühnen in Deutschland gehen durchaus unterschiedliche Wege, teils gibt es Schnittmengen. Das Theater Mannheim bietet mit seinem Programm „Theaterstarter und Enter“ Gelegenheit, einen „Theater-Führerschein“ zu erwerben. Das Programm vermittelt neben Einblicken in verschiedene Sparten auch Einblicke hinter die Kulissen, etwa in Bühnentechnik und Bühnenbild. „Theaterdrang“ heißt das Schul-Konzept des Theaters Mülheim an der Ruhr. Dazu hat das Theater Kooperationen mit insgesamt sieben Schulen für die Klassenstufen fünf bis zwölf abgeschlossen. Im Mittelpunkt stehen auch hier Theaterführungen und -besuche, Workshops und andere Projekte.

„TUSCH“ („Theater und Schule“) heißt ein bundesweites „Kooperationsnetzwerk für Kulturelle Bildung im Bereich Theater“, zu dem sich Bühnen unter anderem in Berlin, Hamburg und Frankfurt/ Main zusammengeschlossen haben. In Berlin, wo „TUSCH“ bereits seit zwölf Jahren existiert und mittlerweile140 Schulen und 36 Bühnen einbezieht, werden seit dem Schuljahr 2011/2012 zunächst für drei Jahre angelegte „TUSCH“-Partnerschaften aufgebaut. Die Zahl der interessierten Schulen war bei der ersten Bewerbungsaktion größer als die Zahl der möglichen Teilnehmer. Im Vordergrund steht eine Reihe von Theaterprojekten, etwa zur Gestaltung von Bühne, Plakaten oder Programmheften. Höhepunkt am Ende eines Schuljahres ist die Präsentation der Projekte im Rahmen einer „TUSCH-Woche“ mit begleitenden Vorträgen, Aufführungen und Podien. Ergänzend bietet das Berliner „TUSCH-Programm“ den Schülern auch Workshops zu unterschiedlichen Themen der Jugendbildung.

Weitere „TUSCH“-Initiativen existieren in Hamburg und Frankfurt. In Hamburg konnte die Initiative „Theater und Schule“ in diesem Sommer ihr zehnjähriges Jubiläum mit einer öffentlichen Theater-Performance auf dem Rathausmarkt feiern. In den zurückliegenden zehn Jahren hat „TUSCH“-Hamburg 75 Schulen mit 15 Theatern in zweijährigen Partnerschaften zusammengeführt. Ziel ist es, innovative Ansätze in der Schul-Theater-Arbeit umzusetzen, Kreativität und Spielfreude zu fördern und die Sozialkompetenz von Jugendlichen zu stärken. Wesentlich ist die direkte Kooperation von Lehrern, Theaterkünstlern und Theaterpädagogen. Nachdem sich „TUSCH“ bereits in verschiedenen Städten bewährt hat, zog in diesem Jahr die Main-Metropole Frankfurt nach, wo die Initiative in Händen des „Schultheater-Studios“, dem theaterpädagogischen Zentrum der Stadt Frankfurt, liegt. Angestrebt werden auch hier zweijährige Partnerschaften, um die nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Schulen und Theatern zu stärken.

Allen Theaterprojekten gemeinsam ist die Intention, die zunehmende Kluft zwischen Schule und Kultur wenigstens ein Stück zu schließen. Die vielfach zu beobachtende „Ökonomisierung“ des Schulbetriebs führt mehr und mehr dazu, dass Fächer wie Musik und Kunstgeschichte, aber auch Theater-AG's als verzichtbares „Rankenwerk“ gelten und an einigen Schulen gar nicht mehr stattfinden. Es geht jedoch darum, die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung des Theaters zu sichern und weiterzuentwickeln; und es geht darum, dass die vielfältigen Ausdrucksformen des Theaters als unverzichtbarer Teil der Kultur in der Allgemeinbildung verankert werden. Die Tradition des europäischen Theaters soll auch im Zeitalter massenmedialer Normierung nicht verloren gehen, sondern von jungen Menschen neu für sich erschlossen werden. Hier entdecken deutsche Bühnen die Schulen zunehmend als wertvolle Partner.