Die Reise unseres Lebens

Alle Wege führen zurück zu dem, der uns geschaffen hat. Von Esther von Krosigk

Im Vorland der Pyrenäen war ich vor vielen Jahren zu Gast bei Hermann Heinzel – einem bekannten Ornithologen und Illustrator von Vogelbüchern –, der sich mit seiner Familie auf der französischen Seite nahe Gaujac niedergelassen hatte. Ich zeltete draußen im Garten zwischen riesigen Volieren mit exotischen Vögeln und frei herumlaufenden Gänsen, Hühnern und Pfauen.

Ein elfenbeinernes Kruzifix aus alter Zeit

Drinnen, in Heinzels Haus, konnte man auf Entdeckungsreise gehen: Schränke und Kommoden zierten geschnitzte Tier-Köpfe, die Fenster waren farbig bemalt, in den Mauerwänden fanden sich kleine Gucklöcher und Ausgänge für die Kinder. Federn, Trockenblumen, Mitbringsel aus fernen Ländern standen, lagen, hingen allerorten, bunt und seltsam geformt – eine träumerische, zeit-enthobene Welt. Als mich Hermann zum ersten Mal herumführte, zeigte er im Raum neben der Küche plötzlich auf eine Stelle am Boden – dort war er beim Herausnehmen alter Fußbodenkacheln auf einen größeren Kreis gestoßen. Bei weiteren Grabungen hatte er Scherben und Knochen entdeckt. Plötzlich ging es ihm körperlich sehr schlecht, er bekam Unterleibsschmerzen. Beim Abendessen mit seiner Familie vernahmen sie alle ein Poltern im Nebenraum. Wie sich herausstellte, war die Wand über der kleinen Baustelle eingebrochen und alle Steine in das kreisförmige Loch gefallen. Zum Glück hatte Hermann die Knochen und Scherben zuvor zur Seite gelegt, so dass ein Freund sie später zeitlich zuordnen konnte. Er datierte sie auf vorchristliche Zeit – aufgrund der seltsamen Vorkommnisse nahmen sie an, dass es sich bei dieser Stelle einstmals um eine kleine Opferstätte gehandelt hatte. Faszinierender als die aufgestörten Hausgeister fand ich ein uraltes, elfenbeinernes Kruzifix. Hermann hatte es ebenfalls irgendwo in der Erde gefunden und hielt es mir auf der ausgestreckten Hand hin.

Als Küchenhilfe in Lourdes

Ich starrte es an und es blickte zurück. Aber ich war noch zu jung für die Mischung aus Liebe und Leiden. Jahrzehnte später kehrte ich in die wellige Pyrenäen-Landschaft zurück. Rund hundert Kilometer von Gaujac entfernt landete ich als Küchenhilfe im „Accueil Marie Saint-Frai“ – in Lourdes. Hier begegnete ich dem Kreuz überall. Besonders auf dem Kreuzweg, den ich gerne abwanderte. Und ich lernte: Auf der großen Reise, die unser Leben ist, geht es nie vorwärts, sondern immer nur zurück. Zurück zu DEM, der uns geschaffen hat.