Die Qual der literarischen Wahl

Weihnachten werden wieder viele Bücher verschenkt, doch welches ist das richtige. Von Paul Wawel

Was ist das richtige Buch als Weihnachtsgeschenk? Foto: dpa
Was ist das richtige Buch als Weihnachtsgeschenk? Foto: dpa

Auch wenn Weihnachten nicht unter dem Baum entschieden wird – das Weihnachtsgeschäft ist für den Buchhandel und die Literaturverlage die wichtigste Zeit im Jahr. Bücher sind schließlich eines der am häufigsten gewählten Weihnachtsgeschenke. Die Leseneigung, so hört man, steigt in der dunklen Jahreszeit. Viele Lesefreunde freuen sich gerade an den Weihnachtstagen nicht nur auf den obligatorischen Kirchenbesuch, sondern auch auf eine entspannte Lektüre unter der kuscheligen Sofadecke mit Tee, Marzipan und Gebäck. Endlich Zeit und Ruhe für neue Romane. Vielleicht von Julian Barnes („Vom Ende einer Geschichte“), Jeffrey Eugenides („Die Liebeshandlung“) oder Eugen Ruge („In Zeiten des abnehmenden Lichts“).

Doch so anregend und tiefschürfend all diese literarischen Meisterwerke des Jahres 2011 auch sind – weihnachtliches Flair versprühen sie kaum. Man könnte sie auch während der Sommerferien am Strand lesen oder im Frühjahr in der Hängematte im Garten. Soll man also während der Feiertage besinnliche Klassiker aus dem leicht verstaubten Bücherregal ziehen? Noch einmal Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ lesen? Vom herzlosen Herrn Scrooge und dem Geist der Weihnacht? In der Hoffnung, dass dadurch das Licht etwas zunimmt? Soll man sich noch einmal mit Thomas Mann durch den weihnachtlichen Saal, das Landschaftszimmer, Flure, Säulenhalle und Zimmer der reichen Familie „Buddenbrooks“ bewegen? Sich vom stilistischen Marzipan und den fein pointierten Schrullen des Personals gefangen nehmen lassen? Verfall der Familie statt Heiliger Familie? Ein trauriges Thema, das auch in Jonathan Franzens zehn Jahre altem Klassiker „Die Korrekturen“ am literarisch beschriebenen Gabentisch nicht richtig gekittet wird.

Wem derartige Bücher zu alt, zu fern und zu hoffnungslos sind, dem bleibt wohl nur der Griff nach aktuellen Romanen, die das Motiv Weihnachten in etwas kitschig konstruierte Handlungen einbetten. Wie zum Beispiel Jason F. Wright in „Das Weihnachtsglas“. Wright erzählt auf 144 Seiten die Geschichte der Journalistin Hope Jensen, die vom Pech verfolgt wird: Zunächst stirbt ihre Adoptivmutter, dann bricht jemand in ihre Wohnung ein. Einsam und mit einer leergeräumten Wohnung fühlt sie sich niedergeschlagen, doch da findet Hope vor ihrer Tür ein mit Geld gefülltes Glas. Das Weihnachtsglas. Neue Hoffnung blüht in ihr auf.

„Es kann nicht egal sein, was sich da begeben hat“

Hope muss einfach den edlen Spender des Glases ausfindig machen und hinter die Geschichte dieser Idee kommen. Dann wird doch noch alles gut. Auch wenn der Autor Wright an manchen Stellen ein bisschen dick aufträgt, so zeigt dieser handliche Roman doch, dass Freundschaft und Liebe die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind. Und wie Hopes Name andeutet, ist auch für sie nicht jede Hoffnung verloren. Zudem spielt das Buch immer wieder auf das Gute im Menschen an und macht dem Leser bewusst, wie einfach und schön es oftmals ist, anderen zu helfen. Selbst mit kleinen Gesten kann häufig viel erreicht werden. Man muss sich nur trauen.

Um Freundschaft, Liebe und Hoffnung geht es auch in Richard Paul Evans' 256 Seiten-Schmöker „Die Magie der Weihnacht“. Ein Titel, der esoterischer klingt, als der Inhalt des Romans tatsächlich ist, wobei der Handlungsablauf nicht ohne Schicksalsmelodie auskommt. Held der Geschichte ist Mark Smart, der just zu Beginn der Adventszeit seine Mutter bei einem Autounfall verloren hat. Als wäre dies nicht schlimm genug, kommt auch noch der Verlust des Universitäts-Stipendiums hinzu. Dann gibt ihm seine Freundin den Laufpass. Die Wende zum Guten setzt ein, als Mark in einem kleinen Café einer jungen Frau namens Macy begegnet, die wie er viel mitgemacht hat. Es ist die Sehnsucht nach einer intakten Familie, welche die beiden Protagonisten bewegt, und Richard Paul Evans zeigt entgegen aller modernen Trends von Individualismus und Karrierestreben, dass es hinter den Begegnungen von Menschen einen tieferen Sinn gibt. Niemand tritt grundlos in unser Leben.

Wogegen literarisch nichts einzuwenden wäre, solange dieser jemand nicht der Weihnachtsmann ist, der uns seit genau 80 Jahre dank eine Getränkewerbung alle Jahre wieder neu beglückt. Leider auch in vielen aktuellen Romanen. So in Roman Sardous Bestseller „Der kleine Weihnachtsmann“. Sardou schildert auf 300 Seiten die rührende Geschichte des neunjährigen Helden Harold, der im Waisenhaus aufwächst, wo die böse Miss Parrot den Kindern das Leben zur Hölle macht. So unerträglich ist sie, dass Harold eines Tages aus dem Heim flüchtet. Seither lebt er unter einer Brücke und muss hart arbeiten, um sich sein Brot zu verdienen. Ein alter Mann bringt Harold alles bei, was er in der zunehmend kälteren und herzlosen Welt der Erwachsenen wissen muss. Er lehrt Harold das Träumen und wie man seine Träume verwirklichen kann. Als Harold plötzlich eine geheimnisvolle Einladung der Zwerge erhält, beginnt ein märchenhaftes Abenteuer, das damit endet, dass Harold fern jeglicher christlichen Wahrheit zum Weihnachtsmann wird und das Weihnachtsfest rettet.

Auch der kleine Nikolas in Marko Leinos Buch „Das Wunder einer Winternacht“ hat eine ähnlich steile Karriere als Weihnachtsmann vor sich. Im Stile eines klassischen Bildungsromans wird der Leser auch hier zu verschiedenen Phasen in Nikolas Leben mitgenommen. Auch hier triumphiert das Gute über das Böse, doch das Christkind spielt ebenfalls nicht die entscheidende Rolle. Es ist wieder mal das Gute im Menschen, das sich als Wunder einer Winternacht auf märchenhafte Weise entfaltet.

Bei so viel herzerwärmenden Märchen und sentimentalen Liebesgeschichten rund um das Fest kann man aus lauter Sehnsucht nach einer realistischen Geschichte, erzählt in einem nüchternen, aber durchaus poetisch-symbolischen Stil, vielleicht doch auf die Idee kommen, auch auf dem Sofa vor dem Kamin, umgeben von Marzipan und Tannengrün, ein ganz altes Buch aufzuschlagen, dessen Geschichte, packend für Jung und Alt, mit den märchenhaften, aber wahren Worten beginnt: „Es begab sich aber zu der Zeit ...“. Der „ZEIT“-Literaturkritiker Ulrich Greiner hat über diese älteste und authentischste Weihnachtsgeschichte einmal gesagt: „Man kann sie bestreiten, aber sie beendet die Beliebigkeit.“ Dieser Einschätzung kann man sich auch im Weihnachtslesejahr 2011 konsequent anschließen. „Es begab sich aber... Damit beginnt es. Es kann nicht egal sein, was sich da begeben hat.“