Die Pflege pflegen

Pflege wird zu einem Megathema in einer Gesellschaft, in der alle Menschen immer älter und weniger Kinder geboren werden. Zeit, auch einmal darüber nachzudenken, wie wir mit denen umgehen sollen, die in Zukunft die Menschen pflegen. Von Stefan Rehder

Welche Richtung soll die Pflege in Deutschland einschlagen? Foto: dpa
Welche Richtung soll die Pflege in Deutschland einschlagen? Foto: dpa

Feuerwehrmänner stehen hoch im Kurs. Nicht nur bei kleinen Jungs. Seit Jahren führen die mit Stahlrohren bewaffneten Brandvernichter, die eine Art „Volksmiliz“ bilden, auf die so gut wie jeder Bürgermeister in Deutschland zu Recht stolz ist, die Liste der angesehensten Berufe an. Dass einige Menschen ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um das anderer zu retten, wird offensichtlich auch in einer Gesellschaft, die – glaubt man dem durch viele Medien vermittelten Bild – Models und Popstars zu ihren neuen Helden erklärt hat, immer noch goutiert. Vielleicht stimmt dieses Bild, das die Medien von der Gesellschaft zu zeichnen pflegen, aber auch gar nicht. Denn auf Platz zwei der Liste der angesehensten Berufe, die jedes Jahr vom Meinungsforschungsinstitut Forsa neu ermittelt wird, landete im vergangenen Jahr ein Beruf, den kaum jemand auf der Rechnung gehabt haben dürfte: Der des Krankenpflegers.

Kann so etwas mit rechten Dingen zugehen? Muss den Demoskopen da nicht ein Fehler unterlaufen sein? Wie anders ließe sich erklären, dass ausgerechnet in einer Gesellschaft, die seit vielen Jahren einen nahezu lächerlichen Kult um Jugend, Schönheit, Fitness und Gesundheit pflegt, ausgerechnet diejenigen ein extrem hohes Ansehen genießen sollen, die sich um alte, schwache, kranke und gebrechliche Menschen sorgen? Doch wer es wagt, hier einmal genauer hinzusehen, der wird schnell feststellen, dass diese beiden Phänomene sich nicht nur durchaus miteinander vereinbaren lassen, sondern dass selbst die Platzierung des Krankenpflegers hinter dem Feuerwehrmann ein feines Gespür und einen erstaunlichen Realitätssinn der in diesem Land lebenden Deutschen offenbart. Denn bei Licht betrachtet, sind die Pflegenden die Feuerwehrmänner der Zukunft. Sie werden die Brände löschen müssen, die der demografische Wandel in absehbarer Zeit im ganzen Land unvermeidbar entfachen wird. Unvermeidbar sind diese, weil hier demnächst zwei Entwicklungen, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben, sobald sie aufeinander treffen, ein hochexplosives Gemisch ergeben. Anders formuliert: Trifft in einer Gesellschaft eine ständig steigende Lebenswartung auf eine anhaltende Kinderarmut, dann kommt es zu einer exothermen Reaktion, bei der früher oder später die Funken fliegen.

Ein paar Zahlen mögen das verdeutlichen: Zwischen 1900 und 2000 ist vor allem aufgrund des medizinischen Fortschritts die durchschnittliche Lebenserwartung von 48,3 Jahren für Männer und 46,3 Jahren für Frauen auf 74,2 Jahren für Männer und 79,9 Jahren für Frauen gestiegen. Und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Laut James W. Vaupel, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Deutschland, wächst die Lebenserwartung der Europäer derzeit pro Jahr um drei Monate. Nun gibt es aber eigentlich nichts, was man gegen ein längeres Leben einwenden könnte, außer vielleicht, dass der Himmel etwas länger auf einen warten muss. Da wir dort aber eine Ewigkeit verbringen werden, ist nicht einmal das ein echtes Argument gegen ein längeres Erdenleben. Problematisch wird eine steigende Lebenserwartung erst, wenn sich zu ihr ein dauerhafter Mangel an Kindern hinzugestellt, wie es in vielen westlichen Industriegesellschaften längst der Fall ist. In Deutschland wurden demografischen Berechnungen zufolge seit 1975 jedes Jahr mindestens 350 000 Kinder weniger geboren als für eine Bestandserhaltung der Bevölkerung – im Wortsinn – notwendig gewesen wäre. Und da weder die Wiederherstellung der Gesundheit oder der Pflege im Alter zum Nulltarif erfunden wurde, entsteht genau hier das hochexplosive Gemisch. Standen 1995 in Deutschland noch 100 Erwerbstätige 36 Personen im Rentenalter gegenüber, so werden es 2050 bereits 78 sein. Damit nicht genug: Aufgrund des Kindermangels werden sich die Unternehmen, wie der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung Reiner Klingholz kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorrechnete, nicht nur darauf einstellen müssen, bis zum Jahr 2030 mit „6,3 Millionen weniger Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 64 Jahren auszukommen“. Nein, zugleich müssten sie so produktiv sein, dass die Gesellschaft „einen Zuwachs von 5,5 Millionen über Vierundsechzigjährigen finanzieren“ könne. Und auch dieser Trend wird anhalten. Laut Klingholz werden bis zum Jahr 2050 12,7 Millionen mehr Menschen in das heutige Rentenalter hineinwachsen, als junge Menschen ins Erwerbsleben nachrücken.

Es braucht wenig Phantasie, um sich klar zu machen, wie sehr diese jungen Erwerbstätigen in ihren Berufen gefordert sein werden. Wo sollen sie alle, selbst wenn sie dazu Willens wären, die Zeit hernehmen, um ihre alten und kranken Eltern selbst zu pflegen?

Es mag hart klingen, aber es ist die ungeschminkte Wahrheit, die sich aus nackten Zahlen wie diesen ergibt. Das christliche Ideal, sich um seine Nächsten nicht bloß sorgen, sondern auch intensiv kümmern zu können, wird sich in Zukunft immer schwieriger verwirklichen lassen. Je mehr die Zahl der alten und pflegebedürftigen Menschen zunehmen wird, je stärker die Erwerbsfähigen gefordert sein werden, desto mehr wird sich die Pflege der eigenen Angehörigen gesamtgesellschaftlich betrachtet in fremde, professionelle Hände verlagern. Und desto drängender stellt sich die Frage danach, wie es um die Ausbildung und die Arbeitsbedingungen dieser Menschen bestellt sein wird. Laut dem 3. Pflege-Qualitätsbericht, den der Medizinische Dienst der Gesetzlichen Krankenversicherung (MDS) Ende April veröffentlicht hat, werden Pflegebedürftige heute zwar besser versorgt als noch vor wenigen Jahren. Doch gibt es dem Bericht zufolge in wichtigen Bereichen nach wie vor erhebliche Defizite. So ist zum Beispiel bei vier von zehn bettlägerigen Patienten die Pflege so unzureichend gewesen, dass diese Druckgeschwüre ausgebildet hätten, einem Befund, dem vergleichsweise leicht hätte begegnet werden können. Auch beim Schmerz- und Medikamentenmanagement müssten laut dem Bericht viele der professionellen Einrichtungen „ihre Qualitätsbemühungen verstärken“.

Verbessert habe sich dagegen die Versorgung mit Flüssigkeit und künstlicher Ernährung sowie der Umgang mit Demenzkranken. Aber auch hier warnt der für die Pflege zuständige Vorstand des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen Gernot Kiefer: „Die Tatsache, dass es insgesamt besser geworden ist, heißt nicht, dass es überall besser geworden ist.“

Was also tun? Bislang fällt der Politik nicht mehr ein, als darauf zu bestehen, die Ausbildungsvoraussetzungen für einen Pflegeberuf so gering wie möglich zu halten. So hat sich Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ausdrücklich dagegen ausgesprochen, das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss – wie von der Europäischen Kommission gefordert – zur Mindestqualifikation zu erklären. Das ist insofern fatal, als das Abitur – in Folge einer verfehlten Bildungspolitik – heute als Regelabschluss betrachtet wird. Dem sozialen Prestige ist dies langfristig ebenso abträglich, wie es eine angemessene Bezahlung im Keim zu ersticken droht. Pflegende leisten bereits heute enorm viel, zu Viele brennen aus und sind anschließend selbst auf Hilfe angewiesen, manche gar dauerhaft.

In einer Gesellschaft, in der die Pflegebedürftigkeit im Alter zur Regel werden wird und in der Menschen in großer Zahl dafür gewonnen werden müssen, in der Pflege Anderer eine erfüllende Aufgabe zu erblicken, der sie sich ein Berufsleben lang widmen, müssen andere Anreize gesetzt werden. Da geht es dann auch um gesellschaftliche Anerkennung, die sich nicht ausschließlich, aber doch auch auf dem Kontoauszug bemerkbar machen muss, da geht es um faire Arbeitszeiten und -bedingungen, da geht es um Aufstiegsmöglichkeiten und vieles andere mehr. Denn wenn wir im Rauch künftiger Feuer nicht ersticken wollen, brauchen wir die bestausgebildetste und motivierteste Feuerwehr, die sich denken lässt.