Die Person gibt es nur im Plural

Eine Tagung des Lindenthal-Instituts brachte unterschiedliche Ansätze des Personenverständnisses miteinander ins Gespräch. Von Stefan Rehder

Es gibt nur wenige Begriffe, die so umstritten sind, wie der der Person. Das wäre nicht dramatisch, besäße der Begriff der Person nicht zugleich eine Bedeutung, die für das Selbstverständnis des Menschen geradezu zentral ist. Sind alle Menschen Personen? Falls nicht, wodurch werden sie zu Personen? Gibt es noch andere Personen als Menschen? Und wenn ja, wodurch zeichnen diese sich aus? Weil die Verwirrung groß ist, die hier Einzug gehalten hat, traf es sich gut, dass das Kölner Lindenthal-Institut am vergangenen Wochenende eine Tagung veranstaltete, bei der unterschiedliche Ansätze des Personenverständnisses miteinander ins Gespräch gebracht wurden. Da durfte Robert Spaemann nicht fehlen. Und der Philosoph, der sich wie kaum ein anderer mit der Person beschäftigt hatte, legte denn auch vor. „Person“ näherte er sich dem Begriff an, meine nicht einfach ein Individuum. Personen seien vielmehr Individuen, deren Status uns nötige, „alle Handlungen, deren Folgen ihn betreffen, ihm gegenüber zu rechtfertigen“. Zwar seien auch die Handlungen, deren Folgen Tiere beträfen, rechtfertigungsbedürftig. „Aber nicht vor den Tieren, sondern vor uns selbst.“ Der Grund: Tiere könnten weder zwischen „rechtfertigungsbedürftigen und rechtfertigungsunbedürftigen Verletzungen ihrer Interessen“ unterscheiden, noch Verletzungen ihrer Wünsche und Bedürfnisse aus Gerechtigkeitserwägungen zustimmen“. Dass Menschen dazu in der Lage seien, mache sie zu „identifizierbaren Personen“. Was aber nun gebe, fragte Spaemann, der Person einen Status, der es verbiete, sie Zwecken unterzuordnen, die nicht die ihren seien können? Seine Antwort entfaltete der Philosoph, indem er ausgehend von der Trinitätslehre und den zwei Naturen Jesu Christi Überlegungen zur spezifischen Seinsweise von menschlichen Personen anstellte. Generell seien Personen Wesen, „deren Seinsweise ein Selbstverhältnis ist. Wesen, die nicht einfach sind, was sie sind, sondern sich zu dem, was sie sind, verhalten. Ihr Sein ist das Haben einer Natur.“

Was damit gemeint sei, werde etwa in dem deutlich, was der Philosoph Harry Frankfurt als „secondary volitions“ bezeichnet habe, „ein Wünschen und Wollen zweiter Stufe, in dem wir uns zu dem, was wir auf erster Stufe wollen, noch einmal verhalten“. Denn schließlich könnten Menschen „wünschen, bestimmte Wünsche“, die sie haben, auch „nicht zu haben“. Für Spaemann müssen Frankfurters „secondary volitions“ jedoch nicht bloß auf Wünsche und Willensakte, sondern auf „unser gesamtes Sosein“ bezogen werden. Schließlich blieben wir „völlig unbeeindruckt, wenn uns jemand im Sinne von Leibniz antworten würde, „wenn du andere Charaktereigenschaften hättest, wärest Du ja nicht mehr du“.

Die personale Identität, die hierbei zum Ausdruck gebracht werde, sei nichts Psychologisches. Entgegen dem, was John Locke angenommen habe, sei einer Person daher auch nicht bloß das Gute und das Schlechte anzurechnen, an das sie sich erinnern könne, sondern auch das, „woran andere sich mit Bezug auf sie erinnern“. Personen gebe es, so Spaemann, ohnehin „nur im Plural“. Als Gemeinschaft, „in der „Subjekte füreinander objektiv werden“. Weil das so sei, könne ein nicht-trinitarischer Monotheismus Gott auch „nicht wirklich als Person denken“. Am deutlichsten werde das, was eine Person sei, aber in den Akten, die nur Personen vollführen könnten. Als Beispiele nannte Spaemann die Fähigkeit, Versprechen geben, Reue empfinden und Verzeihung gewähren zu können. All das sei nur möglich, weil die Person eine Natur besäße und über diese „in gewissem Maße disponieren“ könne. So sei das Geben eines Versprechens etwa nicht bloß ein aktueller Willensentschluss. Vielmehr räume der Geber des Versprechens dem Adressaten einen Anspruch auf ein Andauern dieses Willensentschlusses ein. Dadurch enthebe er ihn „den Kontingenzen der Subjektivität“, was „höchster Ausdruck personaler Freiheit“ sei. „Heute entscheiden können, was ich morgen wollen werde und diese Entscheidung selbst transzendierend in einen Anspruch des anderen verwandeln“ – das sei, so Spaemann „ein spezifischer Ausdruck von Personalität“.

Bereits der Sprachgebrauch macht das deutlich

Dass das, was eine Person zur Person macht, erst in ihren Akten erkennbar wird, dürfte jedoch nicht den Schluss nahelegen, die Anerkennung von Menschen als Personen vom tatsächlichen Vorhandensein derjenigen Eigenschaften abhängig zu machen, durch die sich Personalität definieren lasse. Bereits der Sprachgebrauch mache deutlich, dass das tatsächliche Vorliegen der typischen Merkmale von Personen nicht die Bedingung für Personalität sein könne. Spaemann: „Das Personalpronomen ,ich‘ bezieht sich nicht auf ein ,Ich‘“, das eine „Erfindung der Philosophen“ sei, sondern „auf ein Lebewesen, das irgendwann einmal ,ich zu sagen‘ begann. Und dessen Identität sei „unabhängig von dem, woran es sich faktisch erinnert“. Wer das Personsein des Menschen von seinem Lebendigsein trenne, der schneide „das Band der Interpersonalität durch, innerhalb dessen Personen erst das werden können, was sie sind“. Für den Bonner Philosophen Theo Kobusch ist die Person dagegen ein „ens morale“, bei dessen Verständnis auch die antike christliche Trinitätslehre „nicht wirklich weiterhelfen könne“. „Die Formel von den drei Personen in dem einen Wesen“ offenbare zwar eine „interessante ontologische Figur“ und „vielleicht auch schon etwas über die Unmöglichkeit, nur eine Person zu denken, aber nichts vom Wesen der Person“. Nicht anders sei es mit der Definition des Boethius, nach der die Person die „selbstständige Existenz einer vernunftbegabten Natur“ und nur unter der Voraussetzung der aristotelischen Metaphysik zu verstehen sei. Unter dem Strich bliebe dabei die Person, weil vernunftbegabt, zwar eine besonders ausgezeichnete, aber eben doch eine „Sache“, kritisierte Kohbusch. Wir verstünden, was eine Person sei, nur dann, wenn wir es von allem Sachhaften unterscheiden.

Dass dieses Verständnis keinesfalls erst das Ergebnis neuzeitlicher Philosophie ist, sondern schon und sogar weit mehr im Mittelalter erarbeitet wurde, stellte der Philosoph anhand der Schriften von Bonaventura, Alexander von Hales, Richard von St. Viktor und Samuel von Pufendorf und vielen anderen eindrucksvoll unter Beweis. Am Ende landete er jedoch bei Hegel – „dem größten aller Geister“ und dem Hegelianer Heinz Moritz Chalybäus, welche die Person als „Wesen der Freiheit“ definieren. Diese Freiheit, und darin bestand die Pointe, ist keine Freiheit im Sinne der antiken Autarkielehre, sondern eine kommunikative, deren höchste Form die Liebe sei. Frei sei, so Kohbusch mit Hegel, nur der, der auch den anderen als frei anerkenne. Dass es die Person als „Wesen der Freiheit“ nur im Plural gebe, gestand auch Kohbusch zu. Ob aber auch schon alle Menschen Personen seien, oder erst diejenigen, die diese Freiheit verwirklichen, blieb offen.