Die Passion Christi modern erzählt

400 Jahre Passionsspiele Erl in Tirol: Packende Inszenierung mit einigen Zugeständnissen an den Zeitgeist. Von Gerd Felder

Szene der Passionsspiele Erl in Tirol. Foto: Passionsspiele Erl
Szene der Passionsspiele Erl in Tirol. Foto: Passionsspiele Erl

Die eigentliche Überraschung geschieht am Schluss. Alle Mitwirkenden formieren sich, angeführt von Jesus (Florian Harlander), auf der Passionsspielbühne und stimmen das Lied „Großer Gott, wir loben Dich“ an, und alle Zuschauer im weiten Rund des Passionsspielhauses von Erl erheben sich spontan von ihren Plätzen und stimmen in das bekannte Kirchenlied ein. Eine packende Aufführung, die wohl niemanden der 1 500 Besucher in dem ausverkauften Haus kalt gelassen hat, findet damit ihren überwältigenden Abschluss.

Erl feiert in diesem Jahr ein großes Jubiläum: Seit 400 Jahren werden hier Passionsspiele aufgeführt. Damit ist dieses beschauliche Dorf in der Nähe von Kufstein in Tirol zugleich der älteste Passionsspielort im gesamten deutschsprachigen Raum. Was aber fast noch bemerkenswerter ist: Von den 1450 Einwohnern des Ortes an der deutsch-österreichischen Grenze spielen insgesamt 600 mit – Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Für das diesjährige Passionsspiel hat man den Tiroler Autor Felix Mitterer mit dem Drehbuch und den 37-jährigen Markus Plattner mit der Regie beauftragt – ein Wagnis, das sich teilweise ausgezahlt, aber auch seine Tücken hat. Keine Frage: Mitterer betrachtet es als Ehre, dass er die „größte Geschichte aller Zeiten“ für die Jubiläumspassion neu schreiben durfte. Seine Lesart drückt der Aufführung deutlich ihren Stempel auf: Mitterers erklärte Absicht war und ist es, eine Passion für die heutigen Zeitgenossen zu schreiben, Jesus vor allem als Menschen zu zeigen, die Frauen stärker ins Zentrum zu rücken und Judas, den größten Verräter aller Zeiten, zu entlasten. Seine Stärken hat Mitterer da, wo er den ursprünglichen biblischen Text zum Leuchten und dramatisch auf den Punkt bringt; fragwürdig wird es dagegen, wenn er auf einmal seine eigene Botschaft stark aus heutiger Sicht formuliert oder allzu sehr auf apokryphe Evangelien baut. Besonders augenfällig wird das bei der Figur der Maria Magdalena (engagiert gespielt von Nicola Daxer), die er zu einer Hauptfigur, zur „Apostelin der Apostel“ (fairerweise sei erwähnt: ein Begriff des Hippolyt von Rom aus dem 3. Jahrhundert) macht, die für die Weitergabe der Botschaft Jesu aus seiner Sicht wichtiger ist als die zwölf Apostel. So baut Mitterer als vielleicht fragwürdigste Szene des ganzen Spiels einen Abschied Jesu von Maria Magdalena ein, der mit den Worten: „Das ist unsere letzte Nacht, Maria Magdalena, meine geliebte Jüngerin“ anfängt, einen Beinahe-Kuss der beiden folgen lässt und mit einem ausdrücklichen Missionsauftrag an diese „Lieblingsjüngerin“ („Sonst werden es nur die Männer weitertragen“) endet. Damit nicht genug, wird Maria Magdalena später mit Maria und Johannes unter dem Kreuz stehen und – gemäß der Vorlage der im Johannes-Evangelium beschriebenen Gärtner-Szene – die erste Zeugin der Auferstehung sein. Dass es – bis auf letzteres – für das meiste davon in den kanonischen Evangelien keinerlei Beleg gibt, stört Mitterer nicht, ja er fühlt sich im Gegenteil noch dadurch bestätigt und liefert den Text der Jubiläumspassion mit solch modischen Eigenwilligkeiten zu sehr dem Zeitgeist aus.

Gut herausgearbeitet werden durch das Textbuch und die Inszenierung die Motive des Judas (glaubhaft: Gerhard Kneringer) für den Verrat an Jesus, der aus einer Enttäuschung über falsche und übertriebene Erwartungen heraus geschieht. Allerdings übertreiben Mitterer und Plattner es auch hier, indem sie in der Nachfolge der Interpretation von Walter Jens aus dem Erz-Bösewicht ein reines Werkzeug der Vorsehung und schon fast einen Gutmenschen und ganz engen geheimen Vertrauten Jesu machen. Doch Judas größere Bedeutung zu geben als allen anderen Aposteln und ihn so stark zu entlasten, wird dem biblischen Befund nicht gerecht. Bei Maria, der Mutter Jesu, liegt der Fall wieder anders: Die 40-jährige Eva Mager wirkt im Vergleich zu ihrem „Sohn“ so jung, dass man ihr diese Rolle ganz einfach nicht abnimmt.

Bei aller Kritik sei allerdings ausdrücklich betont, dass die eigentliche Passion Jesu den Erlern höchst eindrucksvoll gelingt und Florian Harlander als Jesus gerade in der langen, dramatischen Szene des Todeskampfes am Kreuz über sich hinauswächst. Die Abendmahls-Szene an einem kreisrunden Tisch spielen zu lassen und den Prozess auf einer Art Schachbrett – das sind originelle, erhellende Einfälle von Regisseur Plattner (während man über die schwer identifizierbare Tempelreinigung und die eigenwillige Ölberg-Szene trefflich streiten kann). Die eigens von Wolfram Wagner komponierte, begleitende Musik mag für manche Ohren ungewohnt modern klingen, bringt aber die verschiedenen Stimmungen des Spiels ebenso großartig zur Geltung wie die Lichteffekte, für die Ralf Wapler verantwortlich zeichnet. Insgesamt betrachtet, ist es also alles andere als Laientheater, was die Erler im Jubiläumsjahr auf die Beine gestellt haben. Am Ende, nach der Auferstehung, viel Applaus.

Die Jubiläums-Passionsspiele in Erl dauern noch bis zum 5. Oktober. Gespielt wird im Juni, Juli und September jeweils samstags und sonntags um 13 Uhr. Im August (und Anfang September), wo die Vorstellungen ursprünglich nur sonntags stattfinden sollten, wird es vier Zusatz-Vorstellungen geben (9., 18., 23. August und 1. September). Nur für diese Aufführungen (davon zwei abends um 19 Uhr) gibt es noch Karten; alle anderen sind bereits ausverkauft. Nähere Informationen bei: Passionsspielverein Erl, Mühlgraben 56, A-6343 Erl, Tel. 00 43/53 73 81 39, E-Mail: info@passionsspiele.at.