Die Päpste und Santa Maria Maggiore

Seit ihrer Gründung ist die wichtigste und größte Marienkirche Roms mit den Päpsten aufs Engste verbunden. Von Ulrich Nersinger

Nach der Überlieferung wünschte sich die Gottesmutter im Traum von Papst Liberius eine Basilika. Foto: IN
Nach der Überlieferung wünschte sich die Gottesmutter im Traum von Papst Liberius eine Basilika. Foto: IN

Im Monat August kennt die katholische Kirche drei bedeutsame Feste zu Ehren der Muttergottes: „Mariä Schnee“ am 5. August, das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel am 15. des Monats und „Maria, Königin des Himmels“ am 22. August. Alle diese Gedenktage werden in der ältesten und ehrwürdigsten Marienbasilika der Ewigen Stadt mit großer Feierlichkeit begangen – in einer Kirche, die sich der besonderen Aufmerksamkeit der Päpste erfreut.

Der erste Papst, der mit dem Gotteshaus auf dem römischen Esquilinhügel in Verbindung gebracht wird, ist Liberius (352–366). Der Überlieferung nach erschien ihm in der Nacht vom 4. auf den 5. August des Jahres 358 die Gottesmutter im Traum. Die Mutter des Herrn bat um eine Basilika an dem Ort, an dem in der Nacht Schnee fallen werde. Auch der reiche römische Senator Johannes hatte diesen Traum. Papst und Senator begaben sich am Morgen des 5. August zu der Stelle, wo es tatsächlich auf wunderbare Weise geschneit hatte. Liberius zeichnete den Grundriss für das künftige Gotteshaus in den frisch gefallenen Schnee, und der kinderlose Senator und seine Frau stifteten ihr Vermögen für den Bau der Kirche. So soll „Sancta Maria ad nives“, die Kirche der „heiligen Maria beim Schnee“, entstanden sein, aus der später die päpstliche Erzbasilika S. Maria Maggiore – Groß St. Marien – wurde.

Historisch bezeugt ist die Kirche im Pontifikat Papst Sixtus' III. (432–440). Sie steht im engen Bezug zum Ökumenischen Konzil von Ephesus, das im Jahre 431 die Glaubenswahrheit von Maria als der Mutter Gottes in feierlicher Weise bestätigt hatte. In dem Bekenntnis zu diesem Dogma, das die Irrlehren der Arianer und Nestorianer zurückwies, gab der Papst den Auftrag zu diesem Bau und damit Rom einen herausragenden Ort der Verehrung der „Theotokos“, der Gottesgebärerin. Auf dem Triumphbogen der Apsis brachte er die Inschrift an: „Xistus Episcopus plebi Dei – Bischof Sixtus dem Volk Gottes“. Ob die Kirche des Liberius ein Vorgängerbau oder in der Nähe gelegen war, wird heute als zweitrangig betrachtet. Sicher ist, dass hier schon früh der Jungfrau und Gottesmutter ehrend und hilfesuchend gedacht wurde.

In der Marienbasilika berührt noch eine weitere Legende die Gläubigen. Hier wird die Krippe des Jesuskindes aufbewahrt, die im 4. Jahrhundert aus Betlehem den Weg in die Ewige Stadt gefunden haben soll. In früheren Tagen zog der Papst am Weihnachtsfest nach S. Maria Maggiore, um dort das nächtliche Messopfer darzubringen. Während des Gottesdienstes entnahm er der Reliquie winzige Holzsplitter. Diese ließ er in die „fasce benedette – geweihte Windeln“ einnähen. Die „fasce benedette“ waren ein Geschenk, das der Papst bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden ließ – es sollte diese unter den Schutz Gottes stellen und für die Verteidigung und Verbreitung des katholischen Gaubens einnehmen. Der selige Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846–1878) schuf in seinem Pontifikat beim Hochaltar eine Confessio, in der die Krippe aufbewahrt wurde.

Bisweilen verliefen die Papstmessen in S. Maria Maggiore höchst dramatisch. Berühmt geworden ist der Mordanschlag, den der Exarch Olympius, der Vertreter Kaiser Konstantins II., im Jahre 653 auf Martin I. (649–655) verüben ließ, als dieser das heilige Messopfer in der Basilika feierte. Der Papst blieb jedoch bei diesem geplanten Verbrechen unverletzt. Der gedungene Mörder kniete zur Kommunion vor dem Pontifex nieder, in seinem Gewand einen Dolch bereithaltend. In dem Augenblick, als ihm der Papst das Altarsakrament reichen wollte, soll die Madonna ihre Augen auf den Attentäter gerichtet und ihn mit Blindheit geschlagen haben, damit er seine Tat nicht ausführen konnte.

Nicht weniger berühmt ist die Episode, die über Gregor VII. (Hildebrand, 1073–1085), berichtet wird. Während der Weihnachtsfeier des Jahres 1075 dringt der dem Papst feindlich gesonnene Stadtpräfekt Cencius mit seinen Anhängern brutal in das Gotteshaus ein. „Er greift den Papst am Altar bei den Haaren, schleppt den blutig Misshandelten hinweg, wirft ihn auf sein Pferd und sprengt durch das nächtliche Rom nach seinem Palast oder Turm in der Region Parione“, berichtet Ferdinand Gregorovius in seiner „Geschichte der Stadt Rom“. Doch das aufgebrachte Volk befreite den Pontifex und führte ihn im Triumph in die Kirche zurück, wo er den Gottesdienst zur Feier der Geburt des Herrn fortsetzte und beendete.

Eine besondere Vorliebe für S. Maria Maggiore besaß Nikolaus IV. (Girolamo Masci, 1288–1292), der die Kirche durch die Hinzufügung des Querschiffes und einer neuen Apsis erweiterte. Gemeinsam mit den Kardinälen Jacopo und Pietro Colonna beauftragte er den Künstler und Franziskanermönch Jacopo Torriti, die Apsis der Basilika mit Mosaiken auszuschmücken, so mit einem Bild der Jungfrau Maria, die von ihrem Sohn zur Königin des Himmels gekrönt wird.

War für die Erlangung des Jubiläumsablasses eines Heiligen Jahres zunächst nur der fromme Besuch der Basiliken der beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus und der Bischofskirche des Papstes, St. Johannes im Lateran, vorgesehen, so wurden die Gläubigen von Urban VI. (Bartolomeo Prignano, 1378–1389) durch die Apostolische Bulle „Salvator noster Dominus“ vom 21. April 1373 dazu verpflichtet, sich auch nach S. Maria Maggiore zu begeben. Der Papst hatte diese Entscheidung getroffen, um die besondere Rolle der Jungfrau und Gottesmutter im Heilsgeschehen Christi angemessen hervorzuheben.

Die imposante hölzerne Kassettendecke der Basilika entstand nach Plänen von Leon Battista Alberti (1406–1472). Ihr Auftraggeber war der Borgia-Papst Kalixt III. (1455–1458) gewesen, ausgeführt wurde sie unter dessen Neffen Rodrigo, Alexander VI. (1492–1503). Die Überlieferung will wissen, das Königin Isabella I. von Kastilien (1451–1504) das Gold gestiftet habe, mit dem das Holz der Decke überzogen wurde: „Es kam mit den Karavellen des Kolumbus in Europa an; das erste Gold, das aus den Schätzen der Inka-Herrscher dem spanischen König überbracht worden war“ (Reinhard Raffalt).

Als kostbarsten Schatz hütet S. Maria Maggiore in der von Papst Paul V. (Camillo Borghese, 1605–1621) im linken Seitenschiff erbauten „Cappella Paolina“ ein berühmtes Marienbildnis, die Ikone „Salus Populi Romani – Heil des Römischen Volkes“. Hochverehrt gehört es zu den sogenannten Lukasbildern, von denen man glaubte, sie seien durch den Apostel als Porträts der Muttergottes zu deren Lebzeiten gemalt worden. Befanden sich Rom und die Christenheit in großer Bedrängnis, trugen ihm die Päpste ihr Anliegen vor. In diesen Zeiten ließen sie das Bild in Prozessionen durch die Straßen der Stadt tragen.

Papst Franziskus ist ein eifriger Verehrer des „Heils des Römischen Volkes“. Schon wenige Stunden nach seiner Wahl suchte er S. Maria Maggiore mit einem Blumenstrauß auf; kein wichtiges Unternehmen, keine größere Reise unternimmt er, ohne vorher und nachher vor der Ikone der Muttergottes niederzuknien.

Papst Franziskus würde wohl ohne Zögern den Worten zustimmen, mit der Reinhard Raffalt in seiner „Fantasia Romana“ die Bedeutung der Muttergottes für das Volk Gottes unterstreicht: „Auf dem großen Platz vor der Hauptfront der Basilika zeichnet die erzene Statue der Madonna auf der Säule eine schwarze Kontur gegen den blassen Himmel, einen Schattenriss mütterlicher Gewänder, denen die Behütung des Menschengeschlechtes anvertraut ist. Auf der einzigen Säule, die aus der Gerichtshalle des Kaisers Maxentius gerettet worden ist, wird die Gestalt der Muttergottes dem Himmel entgegengehalten, damit das Licht der Sonne zuerst ihr Antlitz treffe, bevor es die Schächte der Menschen erhellt. Und die Madonna bietet in der Neigung ihres leidbeladenen Hauptes das Ohr ergeben und schweigend dem Getöse dar, das das wunderbare Licht der Sphären unaufhörbar her-aufbringt.“