Die Ordnung der Welt

Bei aller Friedliebe übten sie vehemente Kritik an ihrer Zeit: Deutsche und britische katholische Intellektuelle in der Zwischenkriegszeit. Von Marie-Thérese Knöbl

Drei große Briten (von links): Bernhard Shaw, Hilaire Belloc und G.K. Chesterton. Foto: IN
Drei große Briten (von links): Bernhard Shaw, Hilaire Belloc und G.K. Chesterton. Foto: IN

In seiner Dissertation beleuchtet der Bonner Historiker Johannes Tröger auf interessante Art und Weise Voraussetzungen, Besonderheiten des Denkens und Handelns deutscher und britischer katholischer Intellektueller in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Dabei erfreut Tröger seine Leser nicht nur durch eine ebenso profunde wie kurzweilige tour d'horizon der spezifischen Bezüge der von ihm verwendeten Kategorien und Begriffe, sondern auch durch eine moderne, ansprechende Methodik, denkerische und sprachliche Klarheit sowie klug gewählte Beispiele für seine Thesen und Gedankenlinien. Hier kommt erstmalig in einer analytischen und vergleichenden Gesamtschau das spezifisch katholische Welt- und Menschenbild der porträtierten Personen in ihrem historischen Kontext zum Vorschein.

Tröger beleuchtet das jeweilige Geschichts-, Selbst-, Staats- und Wirtschaftsverständnis der deutschen und britischen Denker seiner Wahl. Auch die spannungsreiche Auseinandersetzung mit den Ideen des noch jungen Kommunismus und Kapitalismus und mit den akuten Krisen des Liberalismus und der Gefahr eines aufziehenden Totalitarismus kommen nicht zu kurz. Ob man für die porträtierten Denker wirklich den Begriff „rechts“ verwenden sollte, wie Verlag und Autor es getan haben, sei dahin gestellt.

Bei zweien der behandelten Denker (Othmar Spann und Martin Spahn) handelt es sich um Nationalsozialisten, und man wundert sich, weshalb sie der Berücksichtigung in diesem Kontext würdig schienen, denn die übrigen vier in diesem Buch versammelten Denker waren unbescholtene Katholiken diesseits und jenseits des Ärmelkanals. Interessant sind die zahlreichen Quellenangaben zu Vorahnungen eines Zerfalls Europas mit dem Schwinden des Glaubens, die Tröger bei katholischen Schriftstellern der Weimarer Republik wie Friedrich Schreyvogel und Hermann Platz findet: Sie rangen um ein christliches Europa rangen, als Adolf Hitler bereits sein zutiefst unchristliches Reich im Sinn hatte. Den Ersten Weltkrieg hatte man – in den Worten des in Österreich lebenden offenen Freimaurer-Gegners Joseph Eberle – als „Ausdruck des Bankrotts einer gottlosen Kultur“ in Erinnerung, man träumte von einem Paneuropa unter geistlicher Führung des Papstes.

Fest steht, dass es sich bei den im Buch hauptsächlich besprochenen Autoren und Denkern G.K. Chesterton, Hilaire Belloc, Arnold Lunn und Dietrich von Hildebrand ausnahmslos um Personen handelt, die sich in einer Zeit rasanter sozialer, politischer und ökonomischer Umbrüche trotz persönlicher und gesellschaftlicher Widerstände eine eigenständige Position erkämpft und bewahrt haben und so mutig die katholische Stimme in einem Meer von Mitläufern waren. Es ist augenfällig, dass es sich bei ihnen mit Ausnahme des französischstämmigen Hilaire Belloc ausnahmslos um Katholiken handelt, die sich im Laufe ihres Erwachsenenlebens bewusst für den katholischen Glauben – und damit auch bewusst gegen andere Lebensmodelle – entschieden haben. In einer Zeit vehementer ideologischer Machtkämpfe waren sie es, die sich am Evangelium und an der überzeitlichen Geschichte der Kirche und ihrer Heiligen orientierten und so den Frieden und die Ruhe auszustrahlen vermochten, die in solchen Zeiten so dringend notwendig sind. Bei aller Friedliebe nahmen sie aber auch kein Blatt vor den Mund, sondern übten vielmehr vehement Kritik an den Zuständen ihrer Zeit. Aus dieser Empörung und aus der Einnahme einer moralischen Gegenposition heraus fand sich auch die Kraft, in Alternativen auf die Zukunft hin zu denken: Alternativen zum Liberalismus, Alternativen zum schonungslosen Kapitalismus, Alternativen zu Militarismus und politischem Gepolter.

Für die so sich entfaltenden Positionen des Katholischen spricht, dass sie durch Vielseitigkeit und geistige Tiefe auffallen, dass sie Nuancen zulassen, wo ansonsten plakativ ideologisiert wird und aus ganz unterschiedlich historisch und religiös vorgeprägten Überlegungen zu je eigenen Visionen einer christlichen Zukunft gelangen, die letztlich nur eines im Sinn haben: Der Wiederkehr Jesu Christi zuversichtlich entgegenzublicken und bis dahin durch Güte, Nächstenliebe, Demut und Barmherzigkeit Einblick in die Spuren Seines Wirkens zu geben.

Johannes Tröger: Kulturkritik und Utopie. Das Denken rechter katholischer Intellektueller in Deutschland und Großbritannien 1918–1939. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016, 232 Seiten, ISBN: 978-3-506-78447-6, EUR 39,90