Die Oktoberrevolution war ein Putsch

In Berlin diskutierte der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich über seinen Roman „Kokoschkins Reise“ mit Richard Wagner

Was für eine Konstellation! In der Sprache der guten alten Deutschlanddiplomatie hätte man so eine Runde Eins plus Drei-Verhandlungen genannt. Auf das Ereignis bezogen – denn ein Ereignis war es allemal und glücklich sind jene zu preisen, die dabei waren oder es am kommenden Samstag nachhören dürfen – stünde die „Eins“ dann für die kompetente, gut vorbereitete und allzeit geistesgegenwärtige Deutschlandfunkmoderatorin Maike Abath und die „Drei“ für die Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, Hans Christoph Buch und Richard Wagner.

Schauplatz dieser Lektion der besonderen Art war das Literarische Colloquium Berlin (LCB), das in einer großartigen Villa idyllisch am Wannsee haust und auf eine Historie zurückblicken kann, die nicht unproblematisch ist. Walter Höllerer hat die Institution 1963 ins Leben gerufen, um – wie es so schön in den Annalen heißt – „der kulturellen Verödung“ Westberlins nach dem Mauerbau 1961 vorzubeugen. Was gelang. Alles was in der deutschen Literatur Rang und Namen hatte (oder zu haben wünschte) gab sich am Sandwerder Nummer 5 die Klinke in die Hand.

Naturgemäß war das LCB um 1968 herum ein Teil von jener Kraft, der wir hier den Namen „linke Gesinnungsdiktatur“ geben möchten. Die optischen Belege für diese Berliner Wiedergeburt des Pariser Jakobinerclubs können noch heute auf der überall ausgehängten Schwarz-Weiß-Photos besichtigt werden. Auch Walter Höllerer erlebte sein Erinnerungswaterloo, als eine daran nur mäßig interessierte Öffentlichkeit erfuhr, dass Höllerer – in hübscher Analogiebildung zum SS-Mann Grass – 1941 Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands geworden war. Was Höllerer mit der Bemerkung kommentiert haben soll, „er habe seinerzeit keine Bestätigung seiner Parteimitgliedschaft erhalten“.

Ob eine solche – auch sprachlich armselige – Vernebelungstaktik eines Fontanepreisträgers würdig ist, wollen wir an dieser Stelle nicht weiter untersuchen. Die Frage ist aber von Hauptthema der Diskussion nicht so weit entfernt, wie mancher nachgeborene Leser bis hierher möglicherweise vermutet hat. Im Gegenteil: sie führt mitten in sein Zentrum. Denn worum es den Herren Schädlich, Buch und Wagner in der vom Deutschlandfunk aufgezeichneten Diskussion ging, lässt sich treffend in einem Wort zusammenfassen, das in Deutschland sehr gerne – aber leider nicht immer im Wortsinne – gebraucht wird. Gemeint ist die Erinnerungskultur. „Es ist mein tiefster Glaube, dass eine jegliche Arbeit, die das Recht auf diesen Namen hat, eine Berufung vom Sichtbaren auf das Unsichtbare ist, eine Anrufung höherer Mächte“, so zitiert Erich Friedell den Engländer Thomas Carlyle.

Ohne es auszusprechen, ist Hans Joachim Buch diesem Glauben gefolgt. Ja, in seinem jüngsten Buch – es heißt „Kokoschkins Reise“, es kreist um die „magischen“ Jahreszahlen 1917 und 1968 und war der äußere Anlass für den hier zur Rede stehenden LCB-Abend – geht es recht betrachtet, eben um eine solche Anrufung. Wie sonst soll man das Ringen Schädlichs um die historische Wahrheit des 20. Jahrhunderts nennen? Er hat den Mut – prägnant unterstützt vor allem von Richard Wagner – die sogenannte „Große Oktoberrevolution“ einen Putsch zu nennen. Einen Putsch, der den ersten Versuch, in Russland nach eintausendjähriger Leibeigenschaft so etwas wie eine Demokratie auf die Beine zu stellen, brutal zerschlug, die Protagonisten der russischen Demokratiebewegung hinmeuchelte und bis heute auch in unseren deutschen Geschichtsbüchern als „sozialistische Revolution“ bezeichnet wird. Was ein Skandal ist und einer veritablen Geschichtslüge gleichkommt, an deren Aufdeckung aber hierzulande nur sehr wenige Menschen wirklich ein Interesse zu haben scheinen.

Hans Joachim Schädlich hat dieses Interesse. Seine Lebensgeschichte, geboren 1935 im vogtländischen Teil der Deutschen Reiches, aufgewachsen dortselbst als Bürger der DDR, wegen anhaltenden Widerstands gegen diesen zweiten Polizeistaat auf deutschem Boden um Lohn und Brot gebracht und deswegen 1977 in die Bundesrepublik ausgereist (worden). Hier nur sehr langsam heimisch werdend, gelang es Schädlich gleichwohl, sich einen schriftstellerischen Namen zu machen. Beredter Ausdruck davon sind zahlreiche Preise und Ehrungen, so der Kleistpreis 1996 und der Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der ihm 2007 verliehen worden ist. Schädlichs Stasi-Akte ist ein Fall für sich. Zu ihr gehört, dass er jahrelang von seinem eigenen Bruder Karlheinz bespitzelt wurde, der Historiker und ein inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gewesen ist und sich am 16. Dezember 2007 auf einer Parkbank eine Kugel in den Kopf schoss.

Wie Schädlich, so hat auch Richard Wagner seine Erfahrungen mit einer sozialistischen Staatssicherheit gemacht. Weil Wagner Banaterschwabe ist, war für ihn ein rumänischer Dienst zuständig. Hans Christoph Buch, der Dritte im Bunde, hat die Chose erstens aus dem sicheren Westen und zweitens als langjähriger Teil des linken deutschen Literaturbetriebs – ja, soll man sagen: betrachtet? Wie dem immer auch sei: heute gehört Buch zu den Wahrheitssuchern. Vor allem seine Reisereportagen aus den letzten Jahren beglaubigen das.

Während von den Bolschewiki 1917 in Russland die Freiheit mit Genickschuss und Bajonettstoß erledigt wurde, rebellierte 1968 die westliche Jugend gegen eben diese. Wie das beides möglich war, welche historischen, menschlichen oder sogar planetarischen Ursachen zum einen und zum anderen führten, wie der Oktober 1917 und der Mai 1968 miteinander zusammenhängen und welche literarischen Schlüsse Hans Joachim Schädlich in seinem Buch „Kokoschkins Reise“ daraus gezogen hat, können die Hörer des Deutschlandfunks am Samstag um 20.15 Uhr miterleben. Neugierige Zeitgenossen sollten sich diese Radiosternstunde nicht entgehen lassen.