„Die Mächte der Finsternis werden nicht siegen“

In Berlin widmen sich zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen dem 50. Jahrestag des Mauerbaus Von Ingo Langner

Die Leiche des 18-jährigen Ostberliner Maurers Peter Fechter wird von DDR-Grenzsoldaten weggetragen. Fechter wurde am 17. August 1962 beim Fluchtversuch nach Westberlin an der Berliner Mauer von Ostberliner Grenzsoldaten erschossen und lag fast eine Stunde verletzt direkt an der ... Foto: dpa
Die Leiche des 18-jährigen Ostberliner Maurers Peter Fechter wird von DDR-Grenzsoldaten weggetragen. Fechter wurde am 17... Foto: dpa

13. August 1961, 1.00 Uhr wird in Ostberlin die „X-Zeit“ ausgegeben. Um 6.45 Uhr meldet das Präsidium der Volkspolizei: „Alle Kontrollpunkte wurden um X + 240 Minuten geschlossen. Die pioniermäßige Sicherstellung an den Kontrollpunkten ist gewährleistet. Am Brandenburger Tor reicht der Maschendraht nicht aus.“

Um 9.30 Uhr kommt Willy Brandt, der aus dem bundesdeutschen Wahlkampf zurückgeeilte Regierende Bürgermeister von Berlin, mit Photoreportern ans Brandenburger Tor und trifft 90 Minuten später mit den drei westalliierten Stadtkommandanten zusammen.

Um 12.30 Uhr meldet das Präsidium der Volkspolizei: „Unsere bewaffneten Organe sind Herr der Lage. Menschenansammlungen wurden zurückgedrängt, Diskussionsgruppen zerstreut und eine Reihe von Provokateuren festgenommen. In einigen Fällen wurden Kampfgruppen zum Einsatz gebracht.“

Am 22. August 1961 zieht das SED-Politbüro zufrieden Bilanz, und ihr Agitationschef Albert Norden tritt vor eine Grenztruppeneinheit in Treptow: „Ihr, Genossen, steht hier an der Grenze zwischen Krieg und Frieden, zwischen Imperialismus und Sozialismus. Wer es wagt, über die Grenze zu fassen, wird sich die Finger am Stacheldraht blutig reißen, wer seine Schweineschnauze in unseren sozialistischen Garten steckt, wird sie blutig zurückziehen.“

Was war die Berliner Mauer? War die Berliner Mauer ein „antifaschistischer Schutzwall“? So wurde sie von den DDR-Kommunisten genannt. Oder war die Mauer der Todesstreifen, das Schandmal, der Riß durch das Herz von Berlin? Zweifellos hängt die Antwort auf diese Frage maßgeblich von jenen Menschen und ihrer Lebensgeschichte ab, denen diese Frage gestellt wird.

Eine Berliner Familie wird auf die Frage ganz anders antworten, als eine Familie in Hamburg, Köln, Stuttgart oder München. Denn in Berlin trennte die Mauer Kinder und Eltern, Bruder und Schwester, zerriss ungezählte Familienbande. Rein bundesdeutsche Familien sind wenigstens von solch schmerzhaften emotionalen Verlusten verschont geblieben.

Was war die Berliner Mauer? Was antworten die Nachfahren jener, die bei dem Versuch, von Ost nach West in die Freiheit zu fliehen, ums Leben kamen? Das erste Todesopfer war Ida Siekmann. Ida Siekmann verunglückte tödlich, als sie am 22. August 1961, genau einen Tag vor ihrem 59sten Geburtstag, bei ihrer Flucht aus einem Fenster in der Bernauer Straße sprang und die von ihr vorsorglich vorher hinabgeworfenen Federbetten ihren Sprung aus dem dritten Stock nicht gut genug abfangen konnten.

Das zweite Opfer war der 24 Jahre alte Schneidergeselle Günter Litfin. Er wurde am 24. August 1961 bei seinem Fluchtversuch von Angehörigen der paramilitärischen DDR-Transportpolizei erschossen. Als die tödliche Kugel seinen Kopf traf, hatte Günter Litfin im Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal schon fast das westliche Ufer erreicht.

Ebenfalls unvergessen ist der achtzehnjährige Maurergeselle Peter Fechter, der am 17. August 1962 nahe am Checkpoint Charlie vergeblich um Hilfe schreiend auf dem Todesstreifen verblutet ist. Und schließlich sei hier auch noch an Chris Gueffroy erinnert. Der Zwanzigjährige wurde am 6. Februar 1989, also nur neun Monate vor dem Fall der Mauer, am Britzer Verbindungskanal von zehn Kugeln getroffen. Chris Gueffroy hatte dem Gerücht Glauben geschenkt, dass im 28sten Jahr der Berliner Mauer der dort geltende Schießbefehl aufgehoben worden sei.

Seine Mutter, Karin Gueffroy, hatte, noch ahnungslos, nachts um elf in ihrer mauernah gelegenen Wohnung die Schüsse gehört, die ihren Chris tödlich trafen. Am Tag danach geriet sie sofort ins Visier der Staatssicherheit. Das MfS wollte sie zwingen, an einen „Terrorakt“ ihres Sohnes zu glauben. Zu dessen Beerdigung musste die Familie Gueffroy durch das Spalier einer Stasi-Hundertschaft.

Weil die unbeugsame Karin Gueffroy die erfolgreiche Initiative für den ersten Mauerschützenprozess ergriff, hörten die Schikanen der weiter im Untergrund tätigen „Organe der DDR“ auch im wiedervereinten Deutschland nicht auf. Bis ins Jahr 2005 hinein wurde Chris Gueffroys Grab immer wieder geschändet. Karin Gueffroy hat mehrfach Drohungen und einmal sogar eine Morddrohung erhalten. „Das kurze Leben des Chris Gueffroy“ heißt der eindringliche Film von Klaus Salge, der den „Fall Gueffroy“ vor und nach seiner Ermordung an der Berliner Mauer ausleuchtet. Der „Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur“ kommt das Verdienst zu, diese Dokumentation koproduziert zu haben.

Was war die Berliner Mauer? Ein „Podiumsgespräch Mauerbau, Fluchthelfer und Flüchtlinge“ versammelt am 4. August im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin ehemalige Studenten, die sofort nach dem 13. August 1961 darangingen, die Fluchthilfe für jene Kommilitonen zu organisieren, die vor dem Mauerbau zwar in Ostberlin wohnten, aber an der West-Berliner FU studierten. Bis zum 12. August 61 war Berlin zwar in vier Sektoren geteilt, doch gleichwohl eine Stadt, in der man sich frei bewegen konnte.

Es ist schon ein Erlebnis der besonderen Art, den heute in Ehren Ergrauten beim Erzählen ihre geglückten und gescheiterten Fluchthilfegeschichten zuzuhören. Einige von ihnen haben ihre Erlebnisse auch publiziert. Burkhart Veigel beispielsweise, dessen Buch „Wege durch die Mauer. Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West“ detailliert und anschaulich die verschiedenen Fluchtformen beschreibt. Lesenswert ist auch „Fluchthelfer. Die Gruppe um Wolfgang Fuchs“ von Klaus M. von Keussler und Peter Schulenburg. Beide Autoren, damals 23 Jahre alt, gehören zu den mehr als dreißig Fluchthelfern, die an der Bernauer Straße sieben Monate lang einen fast 150 Meter langen Tunnel unter der Mauer hindurch gegraben haben, der im Oktober 1964 insgesamt 57 DDR-Bürgern zur Freiheit verhalf.

Ausstellungen oder Veranstaltungen zum fünfzigsten Jahrestag des Mauerbaus sind derzeit so zahlreich, dass es an dieser Stelle nicht möglich ist, auf alle einzugehen.

Heute, am Jahrestag selbst, mit dem Motto „Eine Stadt erinnert sich“ liegt der Schwerpunkt an der symbolträchtigen Bernauer Straße, wo die neugestaltete „Gedenkstätte Berliner Mauer“, zusätzlich zu den Reden des Bundespräsidenten Christian Wulff und anderen hochrangigen Vertretern aus Staat und Politik, ein umfangreiches Programm präsentiert.

In der „Kapelle der Versöhnung“, die die Leerstelle der von der SED 1985 gesprengten evangelischen Versöhnungskirche ausfüllen helfen soll, beginnt bereits um 00.00 Uhr die sechsstündige Lesung von Biographien von Todesopfern an der Berliner Mauer. Die Lesung wird von Deutschlandradio Kultur direkt übertragen und ist von Flensburg bis Passau auch in privater Umgebung mitzuerleben.

Der Erinnerungskultur dient auch das „Zeitzeugencafé“. Im Garten des „Hotel Grenzfall“, es liegt gleich hinter dem Dokumentationszentrum der Gedenkstätte, können von 15.00 bis 19.00 Uhr Jugendliche Zeitzeugen befragen. Um 17.30 Uhr beispielsweise Susanne Schädlich. Die außerdem aus ihrem Buch „Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich“ lesen wird.

Aber auch über den 13. August 2011 hinaus gibt es in Berlin genug Möglichkeiten, sich mit dem Thema Mauerbau auseinanderzusetzen. Das „Wilhelm-Fraenger-Institut“ präsentiert eine Plakatausstellung zum Thema „Freiheit und Zensur. Filmschaffen in der DDR zwischen Anpassung und Opposition“. Anhand ausgewählter DEFA-Filme aus der staatlichen DDR-Filmproduktion wird die Einflussnahme der SED auf Film, Kultur und Gesellschaft dargestellt.

Unbedingt sehenswert sind auch die beiden Ausstellungen „ZOV Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht“ (noch bis zum 28.8.2011 im Willy-Brandt-Haus) und „Wie ein Pulverfass! Berlin-Krise und Mauerbau“ (ab 12.8.2011 im ohnehin hochinteressanten „Alliierten Museum“ in der Zehlendorfer Clayallee).

Jede der genannten Unternehmungen geht aus einem speziellen Blickwinkel der Frage nach: Was war die Berliner Mauer? Aber was antworten jene, die rund um den Jahrestag schweigen? Was antwortet einer, der als Angehöriger der Betriebskampfgruppen am Brandenburger Tor den ersten Stacheldraht ausgerollt hat, was der Maurer, der in den Tagen danach in den Häusern an der Bernauer Straße den Auftrag hatte, die Fenster nach Westen zuzumauern, was ein DDR-Richter, der sogenannte Republikflüchtlinge zu langen Haftstrafen verurteilt hat? Oder gar jener Grenzsoldat, der auf einen der insgesamt 86 Menschen schoss die an der Berliner Mauer zu Tode kamen?

Welche Antwort wird uns einer der mehr als 33 000 Häftlinge geben, die zwischen 1963 und dem Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 von der Bundesrepublik Deutschland aus DDR-Gefängnissen freigekauft worden sind? Diese Menschen waren nicht kriminell. Sie hatten kein Verbrechen begangen. Sie hatten nichts weiter getan, als ihr Recht auf Auswanderung in Anspruch zu nehmen. Von 1945 bis zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 sind rund 3,5 Millionen Menschen – und oft genug gut ausgebildete, junge Menschen – aus dem Herrschaftsbereich der sowjetischen und deutschen Kommunisten in den freien Westen geflohen. Sie stimmten mit ihren Füßen ab. 1961 stand die von Anfang an fragile ostdeutsche Planwirtschaft kurz vor dem Kollaps. Sogar Kartoffeln und Schuhe waren Mangelware. In unübersehbarem Gegensatz dazu war die demokratisch verfasste Bundesrepublik ökonomisch aufgeblüht. „Wirtschaftswunder“ nannte man das.

Ohne einen auch für sie selbst katastrophalen Krieg konnten die Sowjetunion und ihr Vasall DDR an dieser Lage nichts ändern. Gleichwohl: Auf dem amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen am 3. und 4. Juni 1961 in Wien hatten die Sowjets den Amerikanern sogar mit der Atombombe gedroht.

Nach dem Wiener Gipfeltreffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und dem sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow war klar: solange Westberlin frei zugänglich blieb und seine Zugehörigkeit zum freien Westen unangetastet, würden die USA wegen einer Mauer quer durch Berlin keinen dritten Weltkrieg riskieren.

In dieser hochexplosiven weltpolitischen Lage wagten die kommunistischen Machthaber ihr vermeintliches Meisterstück. Doch was das SED-Regime um Walter Ulbricht und Erich Honecker als Sieg über die imperialistische Aggression des kapitalistischen Westens ausgab, war in Wirklichkeit ein Zeichen der Schwäche.

Es war ein Zeichen der Schwäche deshalb, weil die DDR nicht stark genug war, ohne diesen tödlichen Sperrriegel gegen die Massenflucht zu überleben. Aber auch für den Westen war die Mauer eine Niederlage. Er hatte die Mauer nicht verhindern können.

Als die Sowjetunion mit Michail Gorbatschow an der Spitze nicht mehr gewillt war, die DDR militärisch zu stützen, als dieses Volksgefängnis für 17 Millionen Deutsche immer weniger in der Lage war, die ideellen und materiellen Bedürfnisse seiner Bürger zu befriedigen, als der Freiheitswille der ostdeutschen Bürger in friedlichen Massendemonstrationen unübersehbar wuchs, als am 9. November 1989 an den Grenzübergängen zwischen Ost- und Westberlin in einer einzigen Nacht aufplatzte, was 28 Jahre zuvor generalstabsmäßig geplant und Jahr für Jahr immer massiver und höher gebaut worden war, als schließlich aus der revolutionären Parole „Wir sind das Volk“ der Einheitsruf „Wir sind ein Volk“ geworden war, wuchs nach 45 Jahren deutscher Teilung endlich wieder zusammen, was zusammengehört. Und dank der zeitgleichen Freiheitsbewegungen der Völker in Mittel- und Osteuropa war jetzt auch der Kalte Krieg vorbei.

Was also war die Berliner Mauer? Willy Brandt hat seine glasklare Antwort bereits am Abend des 13. August 1961 vor dem Berliner Abgeordnetenhaus gegeben. Er bezeichnet die Abriegelung der Sowjetzone und des Sowjetsektors als empörendes Unrecht und erklärt, mitten durch Berlin sei „nicht nur eine Art Staatsgrenze, sondern die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen“ worden.

Brandt erhebt vor aller Welt Anklage. Den „Landsleuten in der Zone“ und den „Mitbürgern in Ostberlin“ ruft er zu: „Lassen Sie sich nicht fortreißen, so stark und berechtigt die Erbitterung auch sein mag. Ergeben Sie sich nicht der Verzweiflung. Noch ist nicht aller Tage Abend. Die Mächte der Finsternis werden nicht siegen. Noch niemals konnten Menschen auf die Dauer in der Sklaverei gehalten werden. Wir alle werden Sie nicht abschreiben, wir werden uns niemals mit der brutalen Spaltung dieser Stadt, mit der widernatürlichen Spaltung unseres Landes abfinden. Und wenn die Welt voll Teufel wär‘!“.

Literaturhinweise: Klaus-M. von Keussler, Peter Schulenburg, Fluchthelfer. Die Gruppe um Wolfgang Fuchs, ISBN 978-3-86368-001-5, 336 Seiten, 180 Abb. ,

12,5 x 20,5 cm, Broschur, Mai 2011.

Burkhart Veigel und Berliner Unterwelten e.V., Wege durch die Mauer: Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West, gebundene Ausgabe, Juli 2011