Die Macht der Schlange

Schluss mit dem Jammern: Verfolgung ist für Christen der Normalfall. Von Ingo Langner

Kein Kelch für Katholiken: Gemälde von Hans Memling (1430–94). IN Foto: Foto:
Kein Kelch für Katholiken: Gemälde von Hans Memling (1430–94). IN Foto: Foto:

In jener Gegen lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“

So überliefert des Evangelist Lukas, was bei der Geburt Jesu den Hirten geschah. Jeder wirkliche Christ kennt diese Stelle aus dem 2. Kapitel. Wer von Kindesbeinen an Jahr für Jahr zum Weihnachtsfest in der Christmette war, hat diese Sätze immer wieder gehört, so auch anno Domini 2018.

Obwohl dieses „Fürchtet euch nicht“ unvergesslich in unserem Gedächtnis verankert worden ist, scheint es in den Herzen vieler (nur deutscher?) Christen nicht wirklich verankert worden zu sein. Möglicherweise ist es auch so: Die drei Worte haben zwar dort einen soliden Sitzplatz gefunden, doch sind als Adressat der Engelsworte bloß jene biblischen Hirten verbucht. Dabei ist es sonnenklar, dass mit dem „Fürchtet euch nicht“ auch jeder einzelne Christ unserer Tage gemeint ist.

Wenige Zeilen zuvor hat der Hl. Lukas die Geburt Jesu geschildert. Dabei anwesend waren nur die Mutter Maria und Josef, ihr Verlobter. Maria „gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ So kam der Gottessohn in die Welt. Außerhalb der Komfortzone. Nahe bei einer Schafherde, die später, im Gleichnis vom Guten Hirten, noch eine maßgebliche Rolle spielen wird. Dann der Szenenwechsel zu den Hirten. Die sich nicht fürchten sollen, weil ihr Retter angekommen und schon ganz nah bei ihnen ist.

Welch eine Dramaturgie. Alle Ingredienzien des christlichen Lebens sind hier schon beisammen. Im Niemandsland. Doch nicht verloren. In der vom Evangelisten Johannes notierten Fürbitte für seine Jünger wird Jesus kurz vor seinem Tod am Kreuz sagen: „Heiliger Vater (...) Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“

Das ist die Lage, werte Mitchristen. So war sie an jenem Abend „in illo tempore“, und so ist sie auch heute noch. Die Welt hasst uns, weil wir nicht von dieser Welt sind. Das hat sie immer getan. Mal ganz offen, mal camoufliert. Im langen Mittelalter war die Schlange, Ursprung des Hasses, noch in der Defensive. Mit dem Nominalismusstreit und mit der Reformation hat sie sich Platzvorteile erarbeitet und in der Französischen Revolution schließlich die Ernte einfahren können. Seit 1789 ist die heilige römische katholische Kirche in der Defensive. Napoleon Bonaparte, ein korsischer Emporkömmling, hatte sogar die Macht, den Papst selbst bei seiner sogenannten Kaiserkrönung am Nasenring durch die Manege zu führen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu liquidieren. Von da an ging's, trotz Metternich und Wiener Kongress, immer tiefer bergab. Was folgt ist hinlänglich bekannt und lässt sich in Stichworten aufzählen: Karl Marx und das Kommunistische Manifest. Preußens protestantischer Kaiser und Bismarcks antikatholischer Kulturkampf. Der Reiche zerstörende Erste Weltkrieg. Schließlich die Russische Revolution, der Aufstieg der deutschen Nationalsozialisten, ihr Völkermord an den europäischen Juden, und unter Stalin, Mao und Pol Pot die hundert Millionen Opfer der roten Ideologen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mitsamt ihrer Vasallenstaaten dauert es nur einen kurzen Moment, bis im Morgenland der Islam wie zu Mohammeds Zeiten oder gleich zweimal bis vor die Tore Wiens, mit Blut und Schwert das Abendland angreift und in Europa selbst die Gender-Ideologie mit ihren Ablegern Diversität und Abtreibung all das abzuräumen versucht, was an christlich geprägten Restbeständen noch übrig geblieben ist. Mitte des 19. Jahrhunderts beschließen die italienischen Freimaurer, die Kirche nicht mehr von außen zerstören zu wollen, sondern in sie einzudringen und von Innen zu erobern. Das Freimaurer-Programm lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Universalismus ohne Gott. Die Päpste Pius IX. (1846–1878) und Pius X. (1904–1914) halten mit dem Syllabus errorum und dem Anti-Modernisten-Eid dagegen. Verurteilt werden die säkularen Irrtümer Pantheismus, Naturalismus, absoluter Rationalismus, Indifferentismus, Latitudinarismus, Sozialismus und Kommunismus.

Damit schien die Macht der Schlange wieder einmal in die Schranken gewiesen zu sein. Doch dann kam das Zweite Vatikanische Konzil (1962–:1965) und nach den Worten von Papst Paul VI. drang mit diesem Konzil der Rauch des Satans in die Kirche ein. Was damit konkret gemeint sein könnte, zeigen der Exodus von mehr als 50 000 Priestern und die Missbrauchsskandale an, die in mehrfachen Intervallen die Kirche bis heute erschüttern.

Gegenwärtig werden die Christen weltweit millionenfach bis aufs Blut verfolgt. Doch wie Martin Mosebach in seinem Buch „Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer“ beeindruckend zu berichten weiß, gibt es vor allem dort, wo das Christentum vor seinem Sprung nach Europa ursprünglich beheimatet war, immer noch denselben Geist wie in den ersten Jahrhunderten nach Christi Auferstehung und Himmelfahrt. Anders als hierzulande leben die koptischen Christen in dem Bewusstsein, dass „das irdische Leben von der himmlischen Sphäre nur wie durch ein Eihäutchen geschieden ist“. Die von den IS-Terroristen enthaupteten 21 Kopten haben wie die Heiligen aller Zeiten voller Gottvertrauen ihr Schicksal angenommen. Womöglich sogar mit den Worten des gesteinigten heiligen Stephanus: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“

Dies vor Augen, sollten wir nicht jammern, wenn Katholiken in Talk-Shows gemobbt und in den Medien marginalisiert und verunglimpft werden. Das ist Jünger-Schicksal. „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf Erden (noch) Glauben vorfinden?“, fragt Jesus im Lukas-Evangelium. Von einer restlos katholischen missionierten Welt steht auch in der Apokalypse des Johannes kein Wort. Im Gegenteil. „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.“ So spricht der Herr. Darum bleibt nur eines zu tun: Für die christliche Wahrheit eintreten, auch wenn sie ungelegen kommt – und das kommt sie doch eigentlich immer.