Die Lust am Untergang oder über die Schwierigkeit des Lebensschutzes:

Heute startet die katholische Kirche in Deutschland die „Woche für das Leben“. Grund genug, einmal darüber nachzudenken, wo der Lebensschutz heute überhaupt steht, damit diese Woche nicht zur bloßen Routine wird. Wichtigste Erkenntnis: Vor allem hat der Lebensschutz gegen eine Konsumgesellschaft von „Ich-Lingen“ zu kämpfen – und das nicht allein auf den genuinen Feldern des Lebensschutzes am Anfang und Ende des Lebens. Von Stefan Rehder

Warum hört denn niemand den Schrei der Menschheit, in der das Leben mehr und mehr bedroht ist? Ausschnitt aus Edvard Munchs gleichnamigen Bild. Foto: dpa
Warum hört denn niemand den Schrei der Menschheit, in der das Leben mehr und mehr bedroht ist? Ausschnitt aus Edvard Mun... Foto: dpa

Bisweilen kann selbst die Gnade der späten Geburt zur Last werden. Wer im Westen Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde, vermag sich kaum vorzustellen, dass die Lust der Menschen, ihren Untergang eigenhändig herbeizuführen, zu irgendeinem Zeitpunkt unbändiger gewesen sein könnte als heute. Denn was er über den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) weiß, verdankt er einzig und allein Gedichten wie den „Tränen des Vaterlandes“ von Andreas Gryphius oder dem Studium von Geschichtsbüchern. Und selbst vom dem mörderischen Irrsinn zweier Weltkriege vermag er sich nur ein unzureichendes Bild zu machen. Denn die meisten Zeitzeugen sind inzwischen verstorben. Und von den wenigen Hochbetagten, die noch leben, sind viele von dem Erlebten derart traumatisiert worden, dass sie für immer verstummt sind. Ganz anderes die Gegenwart. Sie schreit Bände. Wohin der Mitte des vergangenen Jahrhunderts geborene Westeuropäer auch schaut, überall erblickt er unübersehbar gewordene Anzeichen eines rapide voranschreitenden gesellschaftlichen Verfalls. Wer könnte etwa übersehen, dass allein in Deutschland mehrere zehntausend Jugendliche dort, wo üblicherweise die Leber sitzt, eine gut sortierte Bar unterhalten und sich regelmäßig ins Koma saufen; wer, dass es in den Armutsbezirken einer Metropole wie Berlin heute zahlreiche Mädchen gibt, die im zarten Alter von 15 Jahren bereits mehr als hundert verschiedene Sexualpartner hatten? Wer könnte die Augen davor verschließen, dass in vielen Ländern Europas eine immer größer werdende Zahl von Kindern ihren Alltag – darunter auch solche, die sogenannten gutbürgerlichen Familien entstammen – nur noch mit der regelmäßigen Einnahme von Psychopharmaka zu bewältigen vermögen; wer, dass in vielen Industrienationen die Zahl der Menschen zunimmt, die nicht mehr von ihrer Hände Arbeit leben können? Und das obwohl diese nicht nur arbeitsfähig und -willig sind, sondern auch über einen anerkannten Schulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Wer könnte bestreiten, dass der demografische Wandel und die ständig wachsende Lebenserwartung der Menschen in der westlichen Welt zu wachsender Altersarmut und einem Pflegenotstand führen wird, über dessen Ausmaß kaum jemand laut nachzudenken wagt; wer, dass der Tod, der heute am häufigsten gestorben wird, der im Mutterleib ist, weil laut der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit jedes Jahr rund 42 Millionen Abtreibungen vorgenommen werden? Wer könnte ignorieren, dass es allein in Asien inzwischen rund 163 weniger Frauen als Männer gibt, weil dort die selektive vorgeburtliche Kindstötung von Mädchen auf weniger Bedenken trifft als andernorts; wer, dass westliche Regierungen heute die Entwicklung von Gentest fördern, deren einziges Ziel darin besteht, die Geburt von Menschen mit Behinderungen zu verhindern? Wer könnte leugnen, dass embryonale Stammzellen, die getöteten menschlichen Embryonen entstammen, heute als preiswerte Alternative zu kostspieligen Tierversuchen verwandt werden? Wer könnte darüber hinwegsehen, dass die Euthanasie in vielen Ländern Europas gewaltig auf dem Vormarsch ist und immer mehr Menschen zu denken scheinen, was der ehemalige Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und Berater des früheren französischen Präsidenten Mitterand, Jacques Attalis, einmal so formulierte: „Nach 60 oder 65 Jahren lebt der Mensch länger als seine Arbeitskraft. Dann kostet er die Gesellschaft eine Menge Geld. (...) Es ist also vom Standpunkt der Gesellschaft aus besser, wenn die menschliche Maschine plötzlich stoppt, als wenn sie langsam verfällt. (...) Euthanasie wird zu einem der wichtigsten Mittel unserer zukünftigen Gesellschaft werden.“

Vermutlich ist das Schlimmste für diejenigen, denen die Gnade der späten Geburt zuteil wurde, aber nicht einmal, dass alle diese Übel der Gegenwart längst derart offensichtlich sind, dass jeder Versuch sie leugnen zu wollen, zum Scheitern verurteilt wäre, sondern, dass sie kaum noch jemanden auszurütteln vermögen. Wie kommt das?

Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert der polnische Soziologe und Philosoph Zygmunt Baumann, der über das Leben in Konsumgesellschaften geforscht hat. Laut Baumann stellt das Muster der Beziehung zwischen Kunde und Produkt in Konsumgesellschaften den Archetyp für jede Beziehung dar. Daher erwarteten die Mitglieder einer Konsumgesellschaft auch von ihren Mitmenschen, dass sie sämtliche Bedingungen erfüllen, die an ein Konsumprodukt gestellt werden. Ein Produkt solle die Zufriedenheit des Konsumenten fördern und werde ersetzt, sobald sich eine vielversprechendere Alternative zeigt.

Träfe dies zu, könnte dies auch erklären, warum auch die katholische Kirche in vielen westlichen Ländern sich heute so schwer tut, ein unmissverständliches Zeugnis für den Schutz des menschlichen Lebens abzulegen und warum etwa in den allermeisten deutschen Pfarreien die Gläubigen so gut wie nie etwas über die katholische Haltung zu Abtreibung, künstlicher Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik, Stammzellforschung oder Euthanasie erfahren. Denn der Kirchenbesucher ist in gewisser Weise auch Konsument. Einer, der – offen oder still – damit droht, wegzugehen, wenn ihm dass, was er von der Kanzel zu hören bekommt, nicht zusagt.

„Ich will mir doch den Saal nicht leerpredigen“, hat der Autor von einem ehrlichen katholischen Priester zu hören bekommen, als er ihn bat, bei passender Gelegenheit doch auch einmal den Lebensschutz zum Gegenstand einer seiner Predigten zu machen. Und dabei muss noch nicht einmal der Gedanke, dass all zu viele Abwanderer auch die Einnahmen aus der Kollekte merklich schrumpfen ließen, handlungsleitend sein, auch wenn es freilich naiv wäre anzunehmen, dass solche Überlegungen – zumindest hier und da – nicht auch eine Rolle spielten. Es reicht bereits die Furcht der Pfarrer davor, dass die Fernbleibenden womöglich nicht bloß für den Lebensschutz, sondern auch für den Rest der frohen Botschaft verloren wären. Auf Christus selbst wird sich ein derart „angepasstes“ oder auch „verweltlichtes“ Christentum dabei freilich nicht berufen können. Denn der Evangelist Johannes berichtet nicht nur ausführlich, wie viele der Jünger Jesu „murrten“ und sich zurückzogen, als dieser ihnen in der Synagoge von Kapharnaum die Lehre von der Eucharistie darlegte, sondern auch von Reaktion Jesu. Ob eher betrübt oder gar provozierend – das mag hier dahingestellt und dem Streit der Exegeten überlassen bleiben – konfrontiert Jesus, ohne Abstriche zu machen, sogar die zwölf Apostel mit der Frage: „Wollt nicht auch ihr weggehen?“ (Joh 6, 67).

In den westlichen Konsumgesellschaften, in denen ein Wir-Gefühl nur noch dann aufkommt, wenn „wir“ für irgendetwas zahlen müssen, und das „Ich“ zum einzigen Bezugsraum der Wahrnehmung vieler Menschen geworden zu sein scheint, ist die Ausgangslage noch viel dramatischer als damals. Der unvergessene Papst Johannes Paul II., der ein feines Gespür für den Umgang mit der Welt entwickelte hatte, hat in seinem langen Pontifikat mehrfach die Formulierung gewählt: Die Kirche mache der Welt „Angebote“. In den Ohren der Menschen westlicher Konsumgesellschaften mag dieses Wort besonders vertrauenserweckend gelungen haben, auch wenn der Papst damit vermutlich eher zum Ausdruck bringen wollte, dass die Kirche keinen Zwang ausübe und die Freiheit der Menschen achte, sich für oder gegen die Angebote zu entscheiden, die ihnen die Kirche mache. Zumal der polnische Pontifex nie einen Zweifel daran ließ, dass es – anders als auf den Märkten der Welt – nicht die Nachfrage sein kann, die das Angebots-Sortiment der Kirche bestimmt, sondern allein deren Stifter.

Auch heute stünde es der Kirche gut an, der Welt solche Angebote zu machen. Und zu denen, welche die Welt – die nicht erst seit der Weltfinanzkrise am Abgrund steht – am nötigsten hat, gehört zweifellos die Wiederentdeckung der Menschenwürde. Angesichts der eingangs aufgeführten Verfallserscheinungen mag ja noch einer glauben, dass die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948“, die aus der Erfahrung der beiden Weltkriege geboren wurde, in Artikel 1 tatsächlich festhält: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Und es gibt wohl niemanden, der besser ausbuchstabieren könnte, was es für den Menschen bedeutet, Würde zu besitzen, als die Kirche. Bekennt sie doch einen Gott, der nicht nur die Welt und die Menschen erschaffen hat, sondern auch einen, der selbst Mensch wurde und sein Leben hingab, um die auf Abwege geratenen Menschen zu erlösen.

Dass Menschen, wie Kant lehrt, anders als Produkte keinen Wert besitzen, sondern Würde haben, mag als Kontrapunkt in einer ausufernden Konsumgesellschaft schon sehr willkommen sein. Aber es bleibt letztlich doch unbefriedigend. Dagegen ist von Gott geschaffen, geliebt und durch die Hingabe seines eigenen Lebens erlöst worden zu sein, etwas ganz anderes und zugleich die tiefste und unübertreffliche Begründung für die Würde des Menschen.

Und weil das so ist, müsste die Kirche eigentlich selbst ein genuines Interesse daran haben, den Menschen die ganze Bedeutung ihrer Würde nahezubringen und Zug um Zug aufzuschlüsseln. Nicht nur in Rom, sondern überall und auch im deutschsprachigem Raum. Mittelfristig betrachtet gibt es dabei selbst für eine „verweltlichte“ Kirche nichts zu verlieren. Denn so wie die Dinge derzeit liegen, dürfte wohl der französische Schriftsteller und Filmemacher André Malraux Recht behalten, der einmal gesagt haben soll: „Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein“.