„Die Liebe ist die beste Arznei“

Heilsbotschaft im besten Sinn des Wortes: Die therapeutische Wirkung des Pfingstgeheimnisses neu entdecken. Von Professor Manfred Balkenohl

Der Mitteilungs- und Offenbarungscharakter des Geistes kommt wohl kaum deutlicher zum Ausdruck als in dem Bibelwort „... denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,3–5). Dieses Wort hatte der heiligen Augustinus immer und immer wieder zitiert. Er selbst sagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Gott.“

Dass der Geist Gottes eingegossen ist in unsere Herzen kommt auch in der Gewissheit zum Ausdruck, dass die göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe „eingegossene“ Tugenden sind. Und die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind ebenfalls „eingegossene“ Qualitäten. Diese Aussage besagt aber zweierlei: Von Gott selbst geht dieser Geisteshauch aus. Er erreicht zwar den Menschen, aber der Mensch muss mittun. Der Mensch muss sich öffnen für den Anhauch Gottes, und der Mensch muss für die Entfaltung dessen, was er von Gott bekommen hat, Sorge tragen, und zwar im Blick auf sich selbst als auch derer, für die er verantwortlich ist. Denn hier reicht Gott mit seiner Offenbarung in jene Tiefe der Existenz, in der das Ewige die Zeitlichkeit verwandelnd durchdringt. Ebenfalls ist hier der eigentliche Ansatzpunkt für jegliche Bildung und Erziehung zu erblicken.

Es ist erstaunlich, wie umfassend Augustinus bei aller diffizilen Analyse des Geistes zur Sinnenthüllung der Transzendenz kommt. Er schreibt: „Die Offenbarung selber ist Anziehung. Einen grünen Zweig zeigst du dem Lamm, und ziehst es an. Nüsse weist man dem Knaben, und er wird gezogen: und wohin er läuft, wird er gezogen, in der Liebe wird er gezogen, ohne Verletzung des Leibes wird er gezogen, im Band des Herzens wird er gezogen.“

Aus der Unmittelbarkeit zentraler Erfahrung deutet Augustinus hier die Offenbarung vor aller lehramtlichen Bestimmung und zeigt ein Stück des Erlebens von Offenbarung im einzelnen Menschen.

Offenbarung ist daher ursprünglich auch Eröffnung, Mitteilung, auch Freilegung und Bloßlegung einer sonst verborgenen Wirklichkeit. Letztere Bedeutung dominiert im lateinischen Wort re-velatio. Etwas, was die Sicht vorher nahm, wird weggenommen, weggezogen. Es ist bezeichnend, dass Augustinus zum Schluss in seinem Bild-Gleichnis vom „Band des Herzens“ spricht, welches eine neue Wirklichkeit eröffnet. Hier sind wir nochmals bei seiner eigentlichen Intention angekommen, denn es war kein Geringerer als er, der den Zugang zur Tiefe des Menschen eröffnet hat.

Die Erkenntnislehre des heiligen Augustinus baut sich dementsprechend dreifaltig auf. Das Wesen des Geistes wird im Sein, Wissen und Wollen erblickt. Das Sein ist wesenhaft gegenwärtig, das Wissen hingegen rückbesinnlich (memoria) und das Wollen vorbestimmend. Weil der Geist den Gefühlsbereich sowie die gesamte humane Struktur durchwaltet, erwächst aus dem Nachgefühl des Gewesenen die Fähigkeit der Erinnerung, die als urmenschlich genannt werden darf. Das unbewusste Gedächtnis des Tieres nämlich verhindert solchen Aufschwung, es erkennt lediglich das Entschwundene wieder, wenn es erneut auftaucht.

In die andere Richtung gehend hängt das Vorgefühl mit der Erwartung zusammen, die hin zur ebenfalls urmenschlichen Hoffnung zielt, zu der ebenfalls kein Tier befähigt ist. So haben wir das zurückgewandte und das vorausgerichtete Zeitgefühl, das sich allerdings verhängnisvoll entzweien kann. Der Mensch kann nämlich dem Sog des Gestern wie dem Drang zum Morgen verfallen, sodass er die eigentliche Mitte im Heute verliert. Es dürfte nicht schwerfallen, viele Krankheitssymptome unserer Zeit diesen Polen der Gefühlsentzweiung zuzuordnen.

So wird auch einsichtig, warum die zentrale Gefühlserfahrung, die wir Liebe nennen, „erfüllte Zeit“ genannt werden darf, als Erlebnis unbedingter Vergegenwärtigung des Gewesenen und des Kommenden. Die Sonderstellung der Liebe durchwaltet alle Bereiche der humanen Struktur, durchgreift also sämtliche Kräfte des Menschen und bindet sie mittenhaft. Dem entspricht die zentrale christliche Weisung: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit allen deinen Kräften“ (Mt 22,37–39).

Die Mitte, die hier angesprochen wird und die eigentliche Kommunikationsinstanz des Menschen ausmacht, ist nun ihrerseits labil, mannigfachen Zerwürfnissen ausgesetzt und gleichzeitig der Ort, wo die Angst erfahren wird, die letztlich die Angst vor dem undurchdringlichen, aber auch unabweisbaren Jenseits ist. Die Entdeckung des Nicht-mehr und des Noch-nicht ist nämlich urmenschlich und übersteigt (transzendiert) wiederum jegliche tierische Existenz.

Solche Wirklichkeit darf in der Tat als anthropologische Grundstörung bezeichnet werden. Sie kann letztlich nur saniert werden durch die Heilszusage: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,3–5), um an das Eingangszitat zu erinnern.

Die Pfingstbotschaft im Zusammenhang zu sehen mit der Heilssorge um den Menschen, ja als Voraussetzung für die Sanierung von Entartungen bis hin zu neurotischen Destruktionen dürfte in Zukunft zur Wiedergewinnung seelischer Stabilität beitragen. Schon Paracelsus sagte: „Die Liebe ist die beste Arznei“ und deutet schon an, dass die Entordnungserscheinungen des Menschen ohne eine Gesundung oder Heilung der emotionalen Mitte wohl kaum zu erwarten ist.

Heute sind das Anwachsen der Neurosen, die zahlenmäßige Zunahme der hysterischen und neurotoiden Strukturen Warnsignale. Sie haben Ärzte, Psychotherapeuten, Erzieher und Seelsorger in der Vermutung gestärkt, dass die gegenwärtige Not in erster Linie und ursprünglich eine Liebesnot ist. Die bleibende Zuversicht aber, dass „die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen“, ist daher für den Menschen der Gegenwart eine Heilsbotschaft.

Wofür die Ahnherren Augustinus und Paracelsus schon einen geschärften Blick hatten, wird heute ganz offenkundig. Die geordnete Liebe ist einerseits die Voraussetzung für ein gesundes menschliches Leben und hat andererseits hohe heilende Bedeutung. Prophylaxe und Therapie sind von der geordneten Liebe direkt abhängig. Diese Erkenntnis beschränkt sich nicht nur auf den pflegerischen und medizinischen Sektor, sondern hat auch revolutionierende Auswirkungen auf viele andere Bereiche des Lebens, etwa auf Erziehung, Seelsorge, Sozialarbeit, Sozial- und Heilpädagogik.

Was ist Liebe? Man kann sie kaum definieren. Alle Definitionen sind im Grunde Tautologien. Aber wir wissen: Sie ist die eigentliche Grundkraft im Menschen und die Brücke zur Kommunikation. Wenn Begegnungen und Beziehungen von Liebe durchwaltet sind, dann ist der Mensch zufrieden und glücklich. Wenn umgekehrt das Beziehungsgefüge lieblos verhärtet, oder wenn gar Hass und Gehässigkeiten aufkommen, dann retardiert der Mensch nicht nur im Lebensprozess, sondern der Sinn des Lebens wird verloren gehen und Anfälligkeiten für Erkrankungen werden nach aller Erfahrung des Lebens zunehmen.

Die Liebe ist eine innere Haltung, die sich sowohl auf die Umwelt als auch auf das Selbstwertgefühl des Einzelmenschen auswirkt. Liebe verändert die Atmosphäre in mitmenschlicher Hinsicht als auch das eigene Leben. Die Liebe befähigt dazu, einen Menschen anzunehmen und ihn zu verstehen. Sie ermächtigt dazu, einen Menschen zu akzeptieren mit seinen Fähigkeiten, Fehlern und Gebrechen, auch mit seinen Leiden und Krankheiten. Sie ist geduldig und hat eine heilende und helfende Wirkung.

Die tiefste und umfassendste Aussage über die Liebe, die es in der gesamten Weltliteratur gibt, finden wir beim Apostel Paulus, in dem sogenannten „Hohen Lied der Liebe“. In ihm heißt es: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“

Dies alles sind keine Definitionen, sondern Beschreibungen der aus der Erfahrung gesammelten Wirkungen jener Macht, die wir Liebe nennen. Zu Recht wird das Christentum als die Religion der Liebe bezeichnet. Und die Geschichte des Gottesglaubens und der Gotteslehre beweist die christliche Überzeugung, dass der Ursprung des Geistes die Liebe ist. Die Pfingstbotschaft zielt genau in die Mitte der christlichen Existenz. Sie zielt in die Mitte des Menschen selbst, nämlich in dessen Herz: „Gott sandte ja den Geist seines Sohnes in unser Herz...“ (Gal 4,4–7). Es ist Glaubensgut der Kirche, dass der Heilige Geist mit seinen sieben Gaben die Liebe Gottes in unsere Herzen gießt. Die sieben Gaben sind: Weisheit und Verstand, Rat und Stärke, Wissenschaft und Frömmigkeit, und die Gabe der Furcht des Herrn. Diese Gewissheit wurzelt bereits im Alten Testament (Vgl. Js 11,2).

Aus dem Alten Testament leuchtet aber noch eine andere überdauernde und ebenfalls tröstliche Zusage zu uns herüber, nämlich die Heilsuniversalität: „In den letzten Tagen will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch“ (Joel 2,28).