Die Liebe des Elternpaares

Bücher und Anregungen zur Familien- und Sexualerziehung in heutiger Zeit - Teil 1 der Reihe Von Cornelia Huber

Die Liebe des Elternpaares

Die Liebe ist tatsächlich der höchste sittliche Wert. Aber man muss wissen, wie sie auf die gewöhnlichen Angelegenheiten des täglichen Lebens zu übertragen ist.“ So Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., in seinem Buch „Liebe und Verantwortung“. Ausführlich beschäftigt er sich darin mit dem Aspekt der Erziehung zur Liebe. Davon ausgehend ist eine recht verstandene Familien- und Sexualerziehung mehr als eine rein technische Aufklärung über biologische Zusammenhänge. Es geht darum, unseren Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, sich zu reifen und liebesfähigen Menschen zu entwickeln. Dann können sie sich später freimütig für eine lebenslange Bindung entscheiden und eine eigene Familie gründen, was sich die übergroße Mehrheit der jungen Leute wünscht. Auch in der letzten Shell-Jugendstudie standen wieder Werte wie Freundschaft, Partnerschaft und Familie an erster Stelle. Eine Auswahl empfehlenswerter Bücher für kleine und große Kinder, Teenager und ihre Eltern soll in den nächsten Wochen hier vorgestellt werden. Zunächst geht es um zwei Veröffentlichungen für Eltern.

Erziehung ist immer eingebettet in die Gesellschaft, die uns umgibt. Einen Einblick in die Realität vieler Kinder und Jugendlicher gibt das 2018 erschienene Buch von Therese Hargot: „Sexuelle Freiheit aufgedeckt“. Die weltanschaulich neutrale Autorin ist in Frankreich als Sexualerzieherin in der Schule sowie in eigener Beratungspraxis tätig. Hargot thematisiert unter anderem die zwar allgegenwärtige aber bagatellisierte Porno-Industrie, das Paar als neues Ideal der Jugend und den Umgang mit dem eigenen Körper, die Rolle des Vaters für die Entwicklung der Jugendlichen und die Frage, was denn eigentlich eine befreite Frau ausmache. Als Philosophin hinterfragt Hargot altgewohnte Sichtweisen. Viele ihrer kritischen Anmerkungen zum Umgang der Gesellschaft mit der Sexualität decken sich mit der Einschätzung aus christlicher Perspektive. Zum Beispiel äußert im Gespräch eine Schülerin ernüchtert: „Man kann eine Unmenge Techniken erlernen, viel Erfahrung haben und es dennoch nicht schaffen, die Person, die man liebt, richtig glücklich zu machen.“ Eine Vorbereitung auf die Liebe mit Pornos und Experimenten sei zum Scheitern programmiert, fasst Hargot zusammen. Sie ruft dazu auf, dass wir uns den existenziellen und grundlegenden Fragen des Lebens stellen, zum Beispiel was ein Mensch sei, was ein Tier von unbelebten Dingen unterscheide, und ob sich Körper, Herz und Geist voneinander loslösen können. „Wir werden über Risiken aufgeklärt, aber über die Liebe redet man nicht“, sagt die 17-jährige Pauline. Auch im Bereich der sexuell übertragbaren Krankheiten sollten die Erzieher erst mit den Jugendlichen diskutieren, „warum“ und „für wen“ ich auf meinen Körper achten sollte, bevor es um die verschiedenen Schutz-Möglichkeiten geht, so Hargot. Ohne Verhütung und Abtreibung generell abzulehnen, zeigt Hargot anhand der Ängste und Sorgen der Jugendlichen zum Beispiel vor medizinischen Nebenwirkungen der Pille, dass durch die Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit das Leben ökonomisch verwertbar und rational geplant wird und die Frauen dabei von der Gesellschaft alleine gelassen werden. Die Männer würden von den Frauen infantilisiert, dabei könne man nicht ehrlicherweise behaupten, sie hätten gar keinen Einfluss. Für die Zukunft wünscht sich Hargot unter Verweis auf das amerikanische Schulfach „Social Emotional Learning (SEL)“, Sexualerziehung als menschliche Bildung anzusehen. Neben dem Kennenlernen von Körper und Gefühlen gehe es vor allem darum, ein gesundes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu entwickeln, kommunizieren zu lernen, sowie seine Lebensaufgabe und seine Identität zu finden.

Vor dem Hintergrund der von Hargot beschriebenen gesellschaftlichen Bedingungen kommt die immense Bedeutung der elterlichen Erziehungsaufgabe umso mehr zum Vorschein. „Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?“ fragen Richard und Maria Büchsenmeister, Autoren des in dritter Auflage erschienenen Buches „Stark, selbstbewusst, aufgeklärt“. Den eigenen Kindern das Glück der menschlichen Liebe und das Wunder neuen Lebens zu erklären, sei eine wunderbare Aufgabe. Alle Aufklärungsprogramme könnten die eigene Erziehung nur unterstützen, denn Eltern seien durch ihr eigenes Leben, ihre Sprache und ihre Partnerschaft ein prägendes Vorbild für ihre Kinder, ob bewusst oder unbewusst.

Das Buch der beiden Autoren, die auf eine langjährige Erziehungserfahrung in ihrer großen Familie zurückgreifen können, richtet sich an Eltern mit kleineren Kindern bis hin zur Vorpubertät. Es bietet mit vielen Formulierungsvorschlägen und Geschichten aus dem Familienalltag eine praktische Hilfe für das Gespräch mit den Kindern, die oft mitten im Alltagstrubel unerwartete Fragen stellen. Das Ehepaar Büchsenmeister ermutigt dazu, die ruhigen ersten Jahre der Eltern-Kind-Beziehung zu nutzen, um eine Atmosphäre des Vertrauens und der Freundschaft zu schaffen. So haben die Eltern auch in der Pubertät eine stabile Basis, um für ihre Kinder echte Ansprechpartner zu sein. Denn Sexualerziehung geschieht nie isoliert, sondern ist Teil der Gesamterziehung. Humorvoll und mit vielen Beispielen erläutern die Autoren, wie Eltern das Entstehen neuen Lebens erklären können, wie man mit Kindern umgeht, die keine Fragen stellen und dass der Vater unersetzbar für die gesunde Entwicklung von Sohn und Tochter ist. Sie geben Hinweise zur Vorbereitung der Kinder auf die Veränderungen der Pubertät, nennen Frühwarnzeichen zum Erkennen von sexuellem Missbrauch und ermutigen dazu, das Kind zu respektieren, wenn es versucht, gegenüber der Familie oder im Verein auf seiner Intimsphäre zu bestehen. Was die Aufklärung an der Schule betrifft, raten sie zum vertrauensvollen Gespräch mit den Lehrern. Im Schlusskapitel lädt das Ehepaar dazu ein, dem eigenen Partner den ersten Platz zu geben und regelmäßig eine Qualitätszeit zu zweit zu verbringen. Denn Grundlage der Erziehung ist auch und gerade bei diesen Fragen die Liebe des Paares.

Cornelia Huber ist Beraterin bei INER (Institut für natürliche Empfängnisregelung) und Mutter einer Großfamilie.