Die Kultur des gesenkten Blicks

Fakten und Folgen des Konsums elektronischer Medien – Was Eltern wissen sollten und tun können. Von Jürgen Liminski

Jugendlicher mit Smartphone
Ein 17-jähriger Jugendlicher mit seinem Smartphone. Foto: dpa

Die 12- bis 19-Jährigen in Deutschland sind täglich drei Stunden und 20 Minuten online. Vor zehn Jahren war es mit 99 Minuten nicht mal die Hälfte. Insgesamt verbringen die Jugendlichen mit der Nutzung von Massenmedien, also Radio, Fernsehen, Zeitungen plus Smartphone knapp acht Stunden pro Tag. 1970 waren es drei Stunden und 27 Minuten. Das sind Ergebnisse der sogenannten Jim-Studie aus dem Jahr 2016. Nach einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie der DAK und des Hamburger Uni-Klinikums verbringen die 12- bis 17-Jährigen im Schnitt fünf Stunden mit WhatsApp, Facebook, Instagram und anderen sogenannten sozialen Medien. Die Nutzungszeiten für Computerspiele kommen noch hinzu. Andere Studien bestätigen den steigenden Konsum des Internets.

Die Folgen sind dramatisch. Junge Menschen treffen weniger Freunde und verlassen seltener das Haus. Sie stehen im Dauerkontakt mit gleichaltrigen Online-Freunden. Man nennt sie POPC, permanently online – permanently connected. Mittlerweile sind nach der Hamburger Studie 2,6 Prozent der POPC-Jugendlichen von den sozialen Medien abhängig, der Ulmer Hirn- und Bindungsforscher, Manfred Spitzer, spricht von acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Jugendpsychologen und -psychiater bestätigen, dass die Internetsucht heute die häufigste Krankheit ist, mit der sie in ihren Praxen zu tun haben. Häufig geht sie mit anderen Krankheiten einher, man spricht vom ISO-Syndrom. I steht für Internetsucht, S für Schulschwänzen, O für Obesitas, krankhaftes Übergewicht. Die Betroffenen haben ein Symptom und die beiden anderen kommen dann dazu, meist steht am Anfang die Internetsucht. Sie zeigt sich auch in einer Nomophobie, der Angst, ohne Handy zu sein. An dieser Angst leiden nach einer PISA-Studie 41 Prozent der Digital Natives, also jene Generation, die mit Online-Geräten aufgewachsen ist. Auch ohne Sucht sind die Folgen gravierend. Die „Kultur des gesenkten Blicks“ führt zu Konzentrationsmängeln und zu einer geringen Aufmerksamkeitsspanne. 95 Prozent der Jugendlichen haben ein Smartphone und schauen alle sieben Minuten drauf. Nicht nur Schulleistungen leiden darunter, auch ganz elementare Fähigkeiten wie das Lesen. Jeder fünfte Viertklässler verfehlt die Mindeststandards im Bereich Lesen. Das betrifft, so das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), vor allem Jugendliche in Großstädten, überproportional ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Entscheidend ist aber nicht die Herkunft, sondern das soziale Setting (Milieu, Medienkonsum in der Familie, Stellenwert von Büchern, Haltung gegenüber Bildung und Bildungssystem). Vietnamesische Schüler zum Beispiel lernen schneller und besser lesen als deutsche, islamisch geprägte Schüler haben hier deutliche Nachteile.

Diese Daten sind kein deutsches Phänomen. Weltweit hat sich die „screen-time“, die Zeit, in der Jugendliche auf einen großen oder kleinen Bildschirm schauen, in den letzten zwanzig Jahren dramatisch erhöht. Diese Zeit fehlt für die vor allem in jungen Jahren notwendige Bewegung. Wer lange vor dem Bildschirm sitzt, wird dick. Und, so hat jetzt eine Studie der amerikanischen San Diego State University ergeben, er wird auch unglücklich. Die Studie mit mehr als einer Million Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren konnte einen engen Zusammenhang erkennen zwischen Medienkonsum und Wohlbefinden. Mit anderen Worten: Die Laune sinkt proportional zur Dauer des Medienkonsums, wer lange glotzt, wird übellaunig und aggressiv. Das ist zwar nicht neu, schon in den Achtzigern haben Untersuchungen an amerikanischen Kindern einen Zusammenhang zwischen der Fernsehdauer und dem Ausmaß der Übergewichtigkeit festgestellt. Dabei wird das Übergewicht sowohl durch die verminderte körperliche Aktivität als auch durch den häufigeren Verzehr von Snacks während des Fernsehens gefördert. Aber inzwischen ist das Phänomen epidemisch. Seit dieser Zeit hat sich nach der Weltgesundheitsorganisation die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit starkem Übergewicht weltweit verzehnfacht, in Deutschland sind nach dem Robert-Koch-Institut 19 Prozent der elf- bis 17-Jährigen übergewichtig und zehn Prozent krankhaft dick.

Was tun? Bei deutlichen Krankheitssymptomen (Nomophobie) wie dem Starren auf das Handy alle drei, vier Minuten, sollten Eltern sich ernsthaft Gedanken machen, ob sie nicht psychologische Hilfe suchen. Auf jeden Fall muss der Medienkonsum eingeschränkt werden. Viele Pädagogen, Psychologen und Verhaltensforscher empfehlen eine „screen-time“ von weniger als zwei Stunden pro Tag, so die Psychologie-Professorin J. M. Twenge, die die Studie der San Diego-University leitete. Zu erhöhen sei dagegen die Zeit für Sport und für Treffen mit Freunden ohne Handy oder Computerspiel. Schon früher hat eine Freiburger Gruppe von Verhaltensforschern empfohlen, dass Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen kein Fernsehen sehen sollten. Bewegte Bilder gehen im Kopf nach und beeinträchtigen den Schlaf. Das gilt freilich auch für das Smartphone, dessen Licht allein schon das Hirn fesselt. Was aber tun in dieser Zeit? Die Antwort heißt: Lesen. Auf Papier lesen, nicht auf dem Bildschirm. Das Gehirn verarbeitet anders, memorisiert anders. Ideal ist, vor allem bei kleinen Kindern, das Vorlesen. Die Kommunikation ist tiefer und persönlicher. Bei größeren Kindern, etwa neun und zehn Jahre, ist es gut, wenn das Kind selber vorliest und Vater oder Mutter zuhört. Der Effekt ist mehrfach. Das Beispiel des geduldigen Zuhören-Könnens prägt ebenso wie die Übung des Lesens und die damit verbundene Stärkung des Selbstvertrauens.

Die Antwort kann auch, je nach Alter der Kinder, lauten: Gemeinsam spielen. Gesellschaftsspiele prägen emotional und intellektuell. Sie können Erlebnisse werden, an die man sich sehr viel länger und intensiver erinnert als an einen Film. Sie sind eben Leben und vermitteln, anders als die Medien, echte und reale Glücksmomente. Und sie fördern, so ganz nebenbei, eine Tugend, die man in diesem hektischen Leben immer nötiger braucht: Ausdauer. Der Autor hat einmal in einem Doppelinterview den Kopf der Pisa-Studien, Andreas Schleicher, und den Nobelpreisträger Gary Becker, der seinen Preis dafür bekam, weil er das Humanvermögen in die Wirtschaftswissenschaften eingeführt hatte, gefragt, welche Eigenschaft man in der Familie lerne, die Gesellschaft und Wirtschaft nicht vermitteln könnten, aber dringend bräuchten. Beide antworteten wie aus der Pistole geschossen: Ausdauer. Ausdauer ist wie jede Tugend auch eine Frage des Willens und der Übung. Übermäßiger Online-Konsum aber fesselt und macht willenlos.