Die Kirche nicht an den Pranger stellen

Die Gesprächsrunde „Menschen bei Maischberger“ nannte wichtige Aspekte, wie mit dem Thema Missbrauch umzugehen ist

Mit dem Titel der ARD-Talkrunde „Die Priester und der Sex: Verschweigen, verleugnen, vertuschen?“ wollte die Sendung „Menschen bei Maischberger“ das Thema Missbrauch auf die Kirche einengen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Selbst Komponist Franz Wittenbrink, der neun Jahre lang das Internat der Regensburger Domspatzen besucht hatte und von Prügelstrafen und Sadismus sprach, beschuldigte gleichermaßen die Partei der Grünen in ihren Gründerjahren und andere linksliberale Strömungen, die Entkriminalisierung sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kinder gewollt zu haben. Auch die Sex-Bücher von Günter Amendt aus den siebziger Jahren hätten diese Sexualisierung der Gesellschaft vorangetrieben. Den Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, nahm Wittenbrink aber gleich zu Anfang von denen, die hart straften, ausdrücklich aus, „er war eher ein weicher Mensch“.

Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der einige Zeit im Jesuiten-Kolleg St. Blasien verbrachte, zeigt sich überrascht von der Missbrauchsdiskussion – so etwas hatte er nie erlebt. Strafen habe es zwar gegeben, was zeitbedingt gewesen sei, aber Gerüchte von sexuellem Missbrauch seien nicht im Umlauf gewesen. Geißler äußerte sich allerdings sehr kritisch gegenüber dem Zölibat und schlug Vertrauenspersonen für die Internate vor, an die sich missbrauchte Schüler wenden könnten.

Dass die Diskussion nicht allein die Kirche in den Mittelpunkt stellte, dafür machte sich die Schriftstellerin Gabriele Kuby stark. Sie wies nicht nur darauf hin, dass es 16 000 Fälle von Missbrauch pro Jahr in verschiedenen Gruppen der Gesellschaft gebe oder dass liberale Geister wie die Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) von einem atheistischen Standpunkt aus gegen die Kirche argumentierten. Kuby machte auch deutlich, dass es in der Kirche vor allem um eines gehe – nämlich um die Verkündigung der Botschaft Gottes. Zwar sei die Läuterung der Kirche jetzt wünschenswert und notwendig im Hinblick auf die Missbrauchsfälle, aber man müsse auch aufpassen, dass die Mainstream-Medien jetzt nicht jubilierten und die Chance sähen, die Kirche in die Knie zu zwingen. Sexueller Missbrauch habe nichts mit dem Zölibat zu tun; Kuby wies auch auf ihr bekannte Priester hin, die damit sehr gut leben könnten und eine „Liebesbeziehung zu Christus“ hätten. Auch der Salzburger Weihbischof Andreas Laun stimmte ihrer Verteidigung des Zölibats zu und sagte, dass natürlich auch Priester Männer seien, dass es ihm selbst aber nie in den Sinn gekommen sei, seine Gefühle auf Kinder umzuleiten. Das Problem des Missbrauchs sei weltweit und nicht auf die Kirche einzuschränken.

Ärgerlich war in der Sendung die parteiische Kameraführung. Auf dem Tisch in der Mitte zwischen den Diskutierenden lagen einige Ausgaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, und als etwa die Frage aufgeworfen wurde, wann sich wohl der Papst zu den Missbrauchsfällen äußern würde, wanderte die Kamera sofort auf die „Spiegel“-Ausgabe mit dem Titel „Der Entrückte“ und dem Bild des Papstes. Auch wurde großformatig der Titel „Das Kreuz mit der Moral“ eingeblendet, womit die Macher der Sendung dem „Spiegel“ konkurrenzlos die Argumentationshoheit zuwiesen. Auch dass Maischberger den Verteidigern der Kirche einige Male über den Mund fuhr oder ihnen das Wort abschnitt, den Opfern aber beliebig Redefreiheit zugestand, wirkte nicht gerade fair; auch wenn sie abschließend noch eilig meinte, jede Position sei zu Wort gekommen.

Neben Gabriele Kuby war noch eine weitere Konvertitin in der Gesprächsrunde, die TV-Moderatorin Maria von Welser. Sie plädierte dafür, sich Priester bei der Priesterausbildung genauer anzusehen. Geißler sagte zu dem Thema, dass auch schon viele Priester fälschlich beschuldigt wurden und dass man nicht bei jedem Verdacht zum Staatsanwalt gehen könne. Wenn ein Fall aber eindeutig sei, dürfe es für die Kirche keine Privilegien geben, was in der Runde auch allgemein klar war. Dass die Opfer den Missbrauch selbst anzeigen können, forderte der 23-jährige Student Benedikt Treimer im Beisein seiner Mutter, der als zehnjähriger Ministrant sexuell missbraucht wurde. Diese Forderung war aber eigentlich selbstverständlich und brachte in der Diskussion nichts Neues. Auch seine Meinung, Missbrauch dürfe nicht im Zusammenhang mit der Sünde betrachtet werden, war nur aus seiner emotionalen Abwehr gegenüber der Kirche verständlich. Insgesamt hat die Sendung aber wichtige Aspekte hervorgehoben, die in der täglichen medialen Aufregung zum Thema unterzugehen drohen. Vor allem, dass die Kirche mit ihrer Botschaft der Liebe nicht zum Sündenbock in einer sexualisierten Gesellschaft werden darf, das herauszustellen war notwendig und gut.