Die Kirche kriegt die Krise

Quer durch alle kirchenpolitischen Lager geht die Rede von der Kirchenkrise im deutschsprachigen Raum um. Das lässt sich als Gerede abtun. Aber der Begriff der Krise selbst hat so eine beeindruckende geistesgeschichtliche Karriere im europäischen Denken hingelegt, dass man sein diagnostisches Potenzial für die gegenwärtige Lage der Kirche nutzen sollte. Denn er enthüllt das säkulare Fortschrittsdenken, dass das eigentliche Problem der Kirche heute ist. Für den anstehenden Dialogprozess der Katholiken in Deutschland ist es entscheidend, dass er nicht in Aktionismus verfällt, sondern sich wieder der Bedeutung des Begriffes Krise bewusst wird. Von Johannes Seibel

Ein Bild mit hohem Symbolgehalt: Für die katholische Kirche in Deutschland läuten die Alarmglocken. Foto: dpa
Ein Bild mit hohem Symbolgehalt: Für die katholische Kirche in Deutschland läuten die Alarmglocken. Foto: dpa

Der Begriff der Krise hat die katholische Kirche in Deutschland derzeit fest im Griff. Es gibt ja auch genügend Krisensymptome zu diagnostizieren. Die Zahlen der Messbesucher am Sonntag sinken kontinuierlich. Die Zahlen der Priesterweihen gehen zurück. Das Glaubenswissen weist im Durchschnitt der Bevölkerung immer weitere Lücken auf. Diese Glaubenskrise korrespondiert mit der Krise des Religionsunterrichts. Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle der vergangenen Jahrzehnte in der Kirche steigen die Kirchenaustrittszahlen. Ganze Landstriche sind eh' schon weitgehend entchristianisiert. Ja, es gibt nicht wenige Menschen im Kernland der Reformation, die wissen gar nicht mehr, dass sie vom Glauben nichts wissen. Eine ideologische und konsumgesellschaftliche Glaubenskrise eigener Art. Quer durch alle kirchenpolitischen Lager im katholischen deutschsprachigen Raum geht das Wort der Kirchenkrise um, das dann die unterschiedlichsten Forderungen für die Zukunft der Kirche legitimieren soll. Innerhalb der zweifelsohne vorhandenen Lager der katholischen Kirche in Deutschland und Österreich, die sich zusehends weiter auseinanderentwickeln, werden schon schismatische Krisenszenarien durchgespielt und geprobt. Der Krisenspezialist für die Kirche in Person, Hans Küng, stellt mit seinem jüngsten Buch, das gerne als Streitschrift zitiert wird, dann auch folgerichtig die ultimative rhetorische Frage: „Ist die Kirche noch zu retten?“ Natürlich nicht, glaubt der medienallgegenwärtige Weltethostheologe.

Ist denn die heutige Krise mehr Krise als früher?

Es geht offensichtlich um Sein oder Nichtsein.

Nun ließe sich einwenden: Langsam, das mit der Krise ist doch ein sehr ungeschichtlicher Blick. Denn in der Kirchengeschichte, auch in der der deutschsprachigen katholischen Kirche, gab es schon wesentlich härtere Krisen zu durchstehen als heute. Man denke nur an die Situation der katholischen Kirche in den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Oder an die Situation nach der Reformation und den folgenden tatsächlich heißen Glaubenskriegen. Oder an die Situation der Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts im Gefolge der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege. Oder an die Diskriminierung anfangs im Deutschen Reich nach 1870/71 unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck.

Und vielleicht, ließe sich heute auch einwenden, ist die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg auch ein wenig verwöhnt – und erlebt die heutige Situation deshalb umso heftiger als Krise. Denn nach dem moralischen Bankrott der national-sozialistischen Diktatur zwischen 1933 und 1945 mitsamt der Schuld des Holocausts war die Kirche eine der wenigen Institutionen gewesen, die als nach dem Krieg verhältnismäßig am wenigsten diskreditierte moralische Einrichtung noch Respekt genoss. Die Menschen strömten wieder in die Kirchen. Sie suchten neue Orientierung und erinnerten sich wieder an den Glauben als Sinnressource, der ihnen Anfang des 20. Jahrhunderts von faschistischen und kommunistischen Ideologien systematisch ausgetrieben worden war. Wer heute beispielsweise Bistumszeitungen aus der Zeit nach 1945 durchblättert, liest bis zum Ende der siebziger Jahre hinein von einem ungeheuren Gründungsboom neuer Gemeinden mitsamt neuer Kirchenbauten, neuer Verwaltungen, neuer Gremien und so weiter. Möglicherweise, so ließe sich also gegen die heutige sich ständig gegenseitig verschärfende Krisendiagnose einwenden, pendelt sich das alltägliche Glaubensleben zurzeit lediglich wieder auf einen gleichsam normaleren Pegel ein, muss die Kirche von einem auch staatlich unterstützten Wohlstand abgeben, der der deutschen Sondersituation nach dem Krieg geschuldet war. Worüber sich durchaus streiten lässt.

Gleichwohl – der Begriff der Krise ist gegenwärtig mit Blick auf die katholische Kirche in Deutschland nicht aus der Welt zu schaffen. Und das hat seinen Grund in der Geschichte des Begriffes der Krise. Denn er ist ein geistesgeschichtlich diagnostischer Schlüsselbegriff der europäischen Geschichte seit der Aufklärung – und ein Begriff, der auch schon im antiken Erbe Europas eine sehr gewichtige Rolle spielte. Wer sich mit dieser Begriffsgeschichte beschäftigt, gewinnt auch einen neuen Blick auf die Rede von der gegenwärtigen Kirchenkrise – und kann ihr jenseits allen Aktionismus einen wichtigen Sinn abgewinnen.

Es geht offensichtlich um Sein oder Nichtsein, wenn der Begriff der Krise öffentlich gebraucht wird.

Theologisch meint Krise das Gottesgericht

Das verrät auch schon das medizinische Bedeutungsfeld des Begriffes, der so zum ersten Mal im „Corpus hippocraticum“ auftaucht. Dort bezeichnet der Begriff der Krise, griechisch „Krisis“, den Zeitpunkt, an dem sich eine Krankheit in ihrem Verlauf wendet – zum Guten oder zum Schlechten. Dann entscheidet sich Heilung oder Nicht-Heilung.

Um Sein oder Nichtsein geht es auch im Neuen Testament, wenn von Krise die Rede ist. In der Septuaginta taucht das Wort „Krisis“ dort auf, wo es um Gericht und Recht, um das Gericht Gottes geht, das Urteile fällt, die wiederum von Glaubensentscheidungen der Menschen abhängen. Der Charakter der Entscheidung, der Scheidung – das spielt gerade in theologischer Rede wortgeschichtlich schon immer mit, wenn Krisen diagnostiziert sind.

Wenn heute von Kirchenkrise die Rede ist, dann sind diese medizinischen und theologischen Herkünfte des Begriffes zumindest untergründig immer noch mit am Werk.

Gewichtiger für die Begriffskarriere des Wortes Krise ist jedoch dessen geschichtsphilosophischer Sinn seit der europäischen Aufklärung des 17./18. Jahrhunderts, der bis heute für seine Allgegenwart im öffentlichen Raum verantwortlich ist und wie ihn vor allem der Historiker Reinhart Koselleck (1923–2006) herausgearbeitet hat. Schon seine Dissertation trug den Titel „Kritik und Krise“. Paradigmatisch zitiert er den deutschen Aufklärer Isaak Iselin aus dessen fünfter Auflage seiner „Geschichte der Menschheit“ von 1786, wo dieser über die Kritik am politischen Absolutismus seiner Zeit und die revolutionären Vorzeichen schreibt: „Sie scheinen die Muthmassung zu rechtfertigen, daß Europa sich nun in einer weit größeren Crisis befinde, als es jemals seit dem Anfange seiner Policierung sich befunden hat, und weit entfernt, daß wir mit ängstlichen Beobachtern diese Crisis als gefährlich ansehen sollten, gibt sie uns eher tröstliche und hoffnungsvolle Aussichten.“ Was Koselleck so kommentiert: „Dass jede Krise zum Besseren führt, ist ein Bedeutungsstreifen, der seitdem im liberalen oder demokratischen Lager gerne verwendet wird.“ Der Begriff der Krise wird damit also zu einer Art „Erfüllungsbegriff“, so Koselleck, des Fortschritts. Zunächst – mit und nach den gewalttätigen Erfahrungen mit der französischen Revolution 1789 erhält diese politische Bedeutung des Begriffes Krise ein weitere Wendung. Die Krise wird dann nicht mehr nur als ein notwendiges Stadium gesehen, das mit Unterstützung der Instrument der Kritik durchlaufen werden muss, um ein Ziel des Fortschritts zu erreichen – jede Krise selbst gebiert vielmehr auf dem Weg zu diesem Ziel neue Krisen, neue Entscheidungssituationen zwischen Heil und Unheil, wodurch der Fortschritt zu keinem realpolitischen Abschluss kommt, ja kommen kann. Der Begriff der Krise verliert mehr und mehr seine positive Aufladung und wird negativer gebraucht – die Krise als Instrument der politischen Diagnose und gleichzeitig der Legitimation politischer Aktionen, die aus dieser Diagnose erwachsen, wird auch beispielsweise vom Marxismus und dessen ökonomischer Analyse übernommen.

Interessant ist nun, dass Koselleck darauf hinweist, dass dann im 19./20. Jahrhundert der theologische Begriff der Krise als Gottesgericht und der säkulare geschichtsphilosophische Sinn des Wortes wieder aneinandergekoppelt werden, etwa durch den evangelischen Theologen Karl Barth. Dieser schreibt: „Die sogenannte ,Heilsgeschichte‘ aber ist nur die fortlaufende Krisis aller Geschichte, nicht eine Geschichte in oder neben der Geschichte.“

Es gibt eine Spannung von Heils- und Kirchengeschichte

Womit der heutige Kern der Rede von der Krise der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum berührt ist. Denn wenn die Krise deshalb diagnostiziert wird, um damit Forderungen wie die nach der Aufhebung des Zölibats, der Frauenordination, der Änderung der kirchlichen Sexualmoral oder auch dogmatischer Lehrsätze wie der von Jungfräulichkeit Marias zu legitimieren, ist das durch den säkularen geschichtsphilosophischen Traditionsstrom des Begriffs getragen. Es wird so getan, als durchlaufe die Kirche einen krisenartigen Fortschrittsprozess, der zu einem Ziel führt, zu einer Kirche, wie sie sein soll, ein Ziel, das mitunter im Vokabular der Utopie beschrieben wird. Aber genau das übersieht, dass die Kirche keine Institution ist, die sich geschichtsphilosophisch mit den Begriffen des Fortschritts fassen lässt. Alle die Fallen lauern, in die schon die Aufklärer seit dem 17. Jahrhundert getappt sind und die heute unter den Begriff der Dialektik der Aufklärung gefasst werden. Jede Kirchenreform, die nicht sich in die Tradition stellen will, weil sie den Fortschrittsbegriff gegen das kirchliche Dogma stellt, gebiert nur wieder neue Krisen – die Utopie einer Kirche, die ein fertiges Ziel ihrer Gestalt, die sich in der Geschichte einlösen und verwirklichen wird, verliert den Bezug zu den Quellen der Kirche, zu ihrer Herkunft.

Wie sich also Heilsgeschichte und Kirchengeschichte zueinander verhalten, und ob hier der europäische naive Fortschrittsbegriff überhaupt seinen Platz hat, das ist die eigentliche Streitfrage, die heute beantwortet werden muss, wenn, von welcher Seite auch immer, von einer Kirchenkrise die Rede ist. Für Reinhart Koselleck ist der entscheidende Schritt dazu, die Rede von der Krise nicht zur alles zerstörenden „Hypokrisie“ werden zu lassen, der, dass diejenigen, die Kritik am Bestehenden üben, gleichzeitig „Einsicht in ihre eigene Verblendung“ gewinnen. Der Dialogprozess der katholischen Kirche in Deutschland wird zeigen, ob die deutschen Katholiken dazu in der Lage sind.