„Die Kandidaten verfügen über die geringste Macht“

Neue Medienstudie enthüllt autoritäres Wertmuster bei Casting-Shows. Von Stefan Meetschen

Der Film zur Show: Schauspielerin Reese Witherspoon in „Natürlich blond“. Foto: dpa
Der Film zur Show: Schauspielerin Reese Witherspoon in „Natürlich blond“. Foto: dpa

Themen, Trends und Tendenzen des Unterhaltungsfernsehens stehen schon lange im Blickpunkt der Medienwissenschaft. Mal sind es die Sendeformate selbst, die untersucht werden, mal sind es die zumeist jugendlichen Zuschauer, deren Bewertungskompetenz im Umgang mit Medien man erforscht. Dabei hat sich im Laufe der Jahrzehnte der anfangs kritische, wenn nicht sogar kulturpessimistische Blick der wissenschaftlichen Medienexperten insbesondere unter dem Einfluss der aus Großbritannien stammenden „Cultural Studies“ zu einer positiveren Haltung gewandelt. Frei nach der Theorie des aktiven Rezipienten traut man selbst jugendlichen Zuschauern einen spielerisch-souveränen Umgang mit Casting-Shows und anderen popkulturellen Formaten zu. Eventuelle negative Folgen verschwinden aus dem Blickwinkel.

Umso erstaunlicher sind die Ergebnisse einer medienwissenschaftlichen Studie, die jetzt von der Otto Brenner Stiftung in Frankfurt veröffentlicht wurde. Bernd Gäbler, der früher das Grimme-Institut in Marl leitete, kommt darin zu dem Ergebnis, dass in Casting-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany's Next Top Model“ oder einer Sendung wie „Natürlich blond“ an sich eher autoritäre Werte wie Gehorsam und Konformismus vermittelt werden. „Diese Sendungen bedienen das Motiv, nur die Stärksten würden überleben. Schwache ernten eher Häme als Mitgefühl. Die Shows sind damit ein Spiegelbild gesellschaftlicher Aggressivität“, lautet Gäblers Bilanz. Zudem kritisiert er, dass bei den genannten Casting-Shows das Gefühl vermittelt werde, man könne von Medienidolen wie Dieter Bohlen und Heidi Klum lernen, erfolgreich und berühmt zu werden. Dass dies ein Trugschluss ist, macht schon der Studientitel „Hohle Idole“ deutlich.

Dennoch lässt sich nach Auffassung Gäblers ein Zusammenhang zwischen Medien- und Lebenswelt der Zuschauer nicht leugnen. Die Kandidaten bieten Identifikationspotenziale. Die Formate zielen vor allem auf die soziale Unsicherheit jugendlicher Zuschauer, wie Gäbler gegenüber der FAZ erläutert: „Diese Shows haben eine Entsprechung im alltäglichen Leben der Zuschauer. Das sind Schüler, Lehrlinge, Studenten, die eine ähnliche Ohnmacht fühlen. Man wird geprüft, muss sich bewerben, weiß nicht genau, was von einem verlangt wird, will aber gefallen.“ Was nicht unbedingt gut für die Gesellschaft sei. „Nicht nur für das Selbstgefühl des Einzelnen ist es besser, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt, wenn Menschen Eigensinn und Nonkonformismus entwickeln. Es ist erwiesen, dass heterogene Gruppen effektiver arbeiten als homogene.“

Als Grundlage der Untersuchung diente jeweils eine Staffel der genannten Formate. Dabei wurden Elemente der Inszenierung, Wortwahl und Dialoge sowie bestimmte Beziehungsgefüge der Akteure untersucht. So eindeutig wie die Vorbild-Funktion der Moderatoren ist auch die hierarische Misere der Kandidaten. Gilt doch laut Studie: „Würden wir die Konstellation der Mitwirkenden an einer Casting-Show als Machtgefüge deuten, verfügen die Kandidaten über die geringste Macht: Sie tragen vor, sie liefern sich aus, sie sind immer nur Objekt der Beurteilung.“ Einer Beurteilung, die eindeutig fixiert ist auf Äußerlichkeiten wie Selbstvermarktung, Leistungsfähigkeit und Schönheit. Was aus Sicht von Gäbler besonders problematisch wirkt mit Blick auf aktuelle Umfragen unter Mädchen, die normalgewichtig sind, sich aber für zu dick halten. Wenn auch nicht so automatisch, wie es das Stimulus-Response-Modell der Medienwirkungsforschung früherer Jahrzehnte nahelegte. Werte, das hat der Soziologe Hans Joas herausgestellt, werden nicht eins zu eins übertragen. Von Werten wird man eher individuell ergriffen, ausgewählt.

Im Ganzen eine interessante Untersuchung, die durch Interviews und Tabellen zu Quoten und ökonomischen Daten gut abgerundet wird. Als Speerspitze gegen die erforschten Formate dürfte diese Studie jedoch kaum noch nötig sein. Die Zuschauerzahlen bröckeln inzwischen erheblich. Die Casting-Gesellschaft hat ihren eigenen Sättigungsgrad erreicht. Bleibt nur zu hoffen, dass die Programmmacher ein Neues in die Denkfähigkeit der Zuschauer fassen und neue Formate entwickeln, die weniger sozialdarwinistisch sind. Dafür aber zeigen, dass Bildung und Unterhaltung kein Widerspruch sein müssen.