„Die Haut pellt sich ab und ist ganz komisch verfärbt“

Die Atombombenliteratur in Japan begann schon im Jahr 1945 – Aber die Gefahr der Verstrahlung ist heute verdrängt. Von Alexander Riebel

Ruine einer katholischen Kirche in Nagasaki 1945 – die Atombombe wurde genau über der katholischen Gemeinde der Stadt gezündet. Foto: IN
Ruine einer katholischen Kirche in Nagasaki 1945 – die Atombombe wurde genau über der katholischen Gemeinde der Stadt ge... Foto: IN

Obwohl es zu erwarten war, hat die Nachricht die Welt schockiert: Drei der japanischen Arbeiter im Atomkraftwerk von Fukushima sind hochgradig verstrahlt. Die Japaner zeigen nicht wirklich Angst vor der Atomkraft, und es wäre verfehlt anzunehmen, sie verhielten sich in einer stoischen Haltung gegenüber dem Schicksal, das gerade über sie hereinbricht.

Hohen Respekt vor der Technik, aber auch vor den Göttern haben sie nicht und kennen sie nicht. Die Natur spielt die Hauptrolle, aber nicht in dem objektivierten Sinn, wie ihn der Westen kennt, eher wie eine lebendige Natur im Sinne des alten Rechts, nämlich als Ursprung des Universums und als das, was Himmel und Erde erfüllt sowie den Leib die Herzen der Menschen. In Ausdrücken wie „sich gut fühlen“ kommt dies im Japanischen auch sprachlich zum Ausdruck, weil hierin das Wort für den Ursprung enthalten ist. Diese Natur drückt sich als ein „Zwischen“ aus, und dieses Zwischen ist ursprünglicher als „Ich“ und „Du“, die Japaner leben immer schon in der Beziehung zwischen Mutter und Kind, Individuum und Gesellschaft. Darum spielen auch die Beziehungen zwischen den Menschen jetzt während der Katastrophe solch ein große Rolle, sie geben Halt und Trost. Gemeinschaft geht in Japan vor Gesellschaft, Transzendenz kommt nicht vor, es gibt hier nichts außerhalb der Gemeinschaft, das auf sie einwirken würde oder worauf sie sich bezieht. Man sieht jetzt zuweilen Japaner beten, aber man weiß nicht zu wem. Es gibt nicht den ein einheitliches Bewusstsein stiftenden Gottesbezug wie in Europa; in Japan denkt jeder etwas anderes, was aber durch die Gemeinschaft irgendwie zusammengehalten wird. Und das Zusammenleben mit der Natur bedingt, dass sie Gutes und Schreckliches geben kann, woraus Japaner ihre Gelassenheit nehmen, aber man steht der Natur nicht gegenüber in einer letztlich aus der Reflexion stammenden stoischen Gleichgültigkeit.

In diesem Zusammenhang muss auch die japanische Atombombenliteratur gedeutet werden, die mehr als 1 000 Werke enthält und an der die großen japanischen Schriftsteller mitgeschrieben haben. Die atomare Katastrophe ist in Japan noch allzu vertraut, es gibt in Nagasaki und Hiroshima Atombombenmuseen und Krankenhäuser, in denen immer noch die Opfer des Zweiten Weltkriegs gepflegt werden. Dennoch erschreckt das Atomare die Menschen heute weniger als Naturgewalten.

Der bekannteste Roman der Gattung Atombombenliteratur ist „Schwarzer Regen“ von Masuji Ibuse (1969). Der in der Provinz Hiroshima geborene Ibuse hat den auch verfilmten Roman als eine Mischung aus Fiktion und Dokumentation geschrieben. Er selbst sagte hierzu: „Ein so grausiges, jeder Beschreibung sich entziehendes Ereignis wie Hiroshima kann von keinem einzelnen, und wäre er Zeuge gewesen, bewältigt werden. Eine vernünftige und korrekte Methode ... besteht meiner Meinung nach darin, dass man das Gesehene und Gehörte vieler Zeugen getreu notiert, es abwägt, zu einem Ganzen ordnet.“ Am Anfang stand noch ein harmloses „Sohnemann, sieh mal die Wolke da“. Wer nicht unmittelbar von der Sprengkraft der Bombe erfasst war, aber wusste, dass es eine Bombe gewesen sein musste, war entsetzt: „Herr Shizuma! Sie haben sich ja Ihr Gesicht verletzt! Die Haut pellt sich ab und ist ganz komisch verfärbt. Das muss weh tun – jedenfalls sieht es so aus.“ Und als sich der Ich-Erzähler abtastete, stellte er fest: „Die linke Hand wurde feucht und klebrig. Als ich die Handfläche betrachtete, klebten kleine bläulich purpurfarbene Fusseln wie von feuchtem Papier daran. Ich fuhr mir noch einmal über die Wange, und wieder hatte ich etwas von dieser klebrigen Masse an der Hand.“ Der Roman, der in einer zweiten Generation von Atombomben-Autoren erschienen war, als die Folgen der Katastrophe von den Betroffenen schon weitgehend verdrängt wurde, beschreibt eindringlich, wie sich die schon äußerlich veränderten Menschen begegneten, wie sie sich halfen und versorgten und was sie erlitten: Haarausfall, Darmbluten, Zahnfleischfäule, auf der Haut Purpurea-Flecken, hohes Fieber sowie das Aufhören des Blutbildungsprozesses.

Der japanische Nobelpreisträger Kenzaburo Oe hat in seinen „Hiroshima Notizen“ Einzelschicksale dargestellt und war der Überzeugung, die Bombe sei ein Verbrechen gewesen; in Amerika war und ist man noch der Meinung, Millionen Japanern das Leben gerettet zu haben durch die Erzwingung der Kapitulation. Noch 1945 hatte schon die Schriftstellerin Yoko Ohta den Roman „Ein halber Mensch“ veröffentlichen wollen, die amerikanische Militärregierung hat jedoch alle Veröffentlichung zur Atombombe untersagt, sodass das Buch erst 1950 unter dem Titel „Die Leichenstadt“ erschien. Neben Romanen gibt es aber auch Gedichte, dokumentarische Romane, Tagebücher und Dramen. Und der im vorigen Jahr verstorbene Tada Tomio hat sogar ein Atombombenstück für das Nô-Theater geschrieben, das auch in einigen amerikanischen Städten aufgeführt wurde. Die Besatzung des B29-Bombers „Enola Gay“ nannte den Atompilz über Hiroshima schlicht „pretty terrific“ und die Schriftsteller versuchten das darzustellen, wofür es keine Vergleichsmaßstäbe gibt. Immer aber war es auch eine Anklage gegen den Krieg, und Jasukos Krankheit in Ibuses Roman brach im Juni 1950 aus, als der Korea-Krieg begann.