Die Gruppe will bestimmen

Wie die Homosexuellenlobby die Psychoanalyse vereinnahmt

Das Zeitalter Sigmund Freuds ist zu Ende. Doch die Nachwirkungen sind überall spürbar. Eli Zaretsky hat jetzt einen umfassenden Überblick über die psychoanalytische Epoche geschrieben. Er ist Professor für Geschichte an der New School in New York mit dem Spezialgebiet der Sozial- und Wissenschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Unter dem Titel „Freuds Jahrhundert“ beschreibt Zaretsky die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Psychoanalyse, und das durchaus kritisch gegenüber den Psychologen. Das Buch, das als erste Gesamtschau der Psychoanalyse angepriesen wird, verfolgt auch die vielen Schauplätze, auf denen der Freudianismus wirksam wurde, wie im Kino, in der Literatur, in der Werbung, in Intellektuellenzirkeln oder im Wechselspiel mit der Naturwissenschaft. Zaretsky behandelt so aufschlussreiche Themen wie die „Mutter-Kind-Beziehung im Sozialstaat der Nachkriegszeit“, die amerikanische Psychoanalyse in der Zeit des Kalten Kriegs oder die „Kultur des Narzismus“ in den sechziger Jahren.

Gerade in den sechziger Jahren ist in der Psychoanalyse viel passiert. Denn der aufkommende Individualismus führte nicht zu einer Vertiefung der Innensicht des Menschen und der analytischen Praxis, wie man meinen könnte, sondern eher zu einer Zerstörung der klassischen Psychoanalyse seit Freud: „Die psychoanalytische Auffassung des Subjekts, die stets kämpferisch vertreten wurde, verlor in den 1960er Jahren erheblich an Gewicht. Im folgenden Jahrzehnt verlagerte sich ihr Fokus von individueller Verantwortung und Selbsterkenntnis auf gruppenorientierte Projekte der Anerkennung und Identität.“ Der Autor kommt sogar zu dem Urteil, dass die Psychoanalyse seit 1968 die „Geschichte ihres Auflösungsprozesses“ ist. Sie wird seitdem von den Neurowissenschaften, der Hirnforschung und der Pharmakologie maßgeblich beeinflusst.

Was aber die neuen „gruppenorientierten Themen“ betraf, so fordert die neue Linke neue Gestaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen. „Heraus kam ein neues, un- und antipsychologisches Paradigma ,Anerkennung‘ oder ,Außengeleitetheit‘“. Homosexualität wurde nicht mehr als sexuelle Neigung aufgrund innerer Konflikte angesehen, sondern als „Objektwahl des Erwachsenen“. Anhänger der Feministinnen und der Schwulenbewegung waren in der Psychoanalyse am lautesten zu hören, sie wollten die Freudsche Lehre des Ichs durch die der Gruppe ersetzen. Als das Zentrum der Analyse in den Vereinigten Staaten zusammenbrach, versuchten Frauengruppen und Homosexuelle, die Psychoanalyse unter Kontrolle zu bekommen. So wurden 1988 psychologische Institute nach langem Widerstand von diesen Gruppen gerichtlich gezwungen, auch Laien, also Nichtärzte, zuzulassen. Die Vorbereitungen zur verhängnisvollen populären Sicht der Schwulenbewegung waren damit eingeleitet. Laien konnten jetzt in Amerika beliebig ideologisch Einfluss nehmen und ihre Ideen weltweit verbreiten. Zaretsky weist schließlich ganz richtig darauf hin, dass es persönliches Leben nur in Praktiken und Institutionen verkörpert geben kann, was mit einem breiten Verständnis von Gesellschaft und Geschichte verbunden sein muss.