Die Größe des Menschen

Wenn man die Nachrichten verfolgt, wimmelt es von Akten der Gewalt und des Unrechts: Doch das ist nicht alles – der Mensch ist und kann mehr. Von Christoph Böhr

Schon der antike Held Achilles wusste, dass Größe den Dienst für andere verlangt. Foto: IN
Schon der antike Held Achilles wusste, dass Größe den Dienst für andere verlangt. Foto: IN

Gleich zwei aufrüttelnde Nachrichten waren kürzlich an ein und demselben Tag zu lesen: Eine Betreuerin wurde Opfer der Flammen, als sie hilflose Menschen aus einer lichterloh brennenden Behindertenwerkstatt im Schwarzwald retten wollte. Die Frau hatte das Gebäude schon verlassen, lief dann zurück, um zu helfen, und konnte anschließend nur noch tot geborgen werden. Im Angesicht höchster Gefahr für das eigene Leben dachte sie allein an die ihrer Obhut anvertrauten, meist an den Rollstuhl gefesselten Menschen, die wegen ihrer Behinderung keine Möglichkeit hatten, sich selbst zu befreien.

Am gleichen Tag war eine weitere Nachricht zu lesen: Eine junge Bürgermeisterin aus Mexiko, die den Drogenbossen nicht gefügig sein wollte, kam bei dem dritten auf sie verübten Anschlag ums Leben, nachdem man sie zuvor auf schreckliche Weise gefoltert und geschändet hatte. Zwei Mordversuche überlebte sie; beim ersten, vor drei Jahren, verlor sie ihren Mann im Kugelhagel. Später danach gefragt, warum sie den Kampf nicht aufgebe, sagte die Frau: „Ich kann nicht nachgeben, denn ich habe drei Kinder, die ich erziehe und denen ich ein gutes Vorbild sein muss. Und auch im Gedenken an den Mann meines Lebens, den Vater meiner drei Kleinen, der mir den Wert der Dinge beibrachte und wie man für sie kämpft.“

Nun kann man achselzuckend sagen: Na gut, zwei Einzelfälle – zweifellos vorbildliche Beispiele für Tapferkeit und Heldenmut, aber was zählen die schon angesichts aller schrecklichen Untaten, die Menschen sich auf der Welt tagtäglich einander antun. Ein solches Urteil geht in die Irre. Die beiden Frauen sind bewundernswerte Vorbilder. Vorbilder für die Fähigkeit des Menschen, in seiner Größe unendlich über sich hinauszuwachsen. Um nicht missverstanden zu werden: Sogar von ausgebildeten Einsatzkräften kann nicht erwartet werden, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Es wäre un- und übermenschlich, geradezu eine Anmaßung, den Heroismus als eine Pflicht einzufordern. Aber dort, wo er uns vor Augen tritt, dort macht er uns ganz still und nachdenklich. Er zeigt auf einen Schlag, wozu der Mensch fähig sein kann, hier und heute, auf Schritt und Tritt. Mit Überlegen – wie im Fall der Bürgermeisterin – oder ohne Überlegen – wie im Fall der Betreuerin – lässt er Bedenken und Befürchtungen hinter sich, um alles auf die Karte der Hoffnung zu setzen – selbst dort, wo es das eigene Leben kosten kann.

Was für eine Erfahrung in einer Zeit, die so sehr dazu neigt, über den Menschen nicht groß, sondern klein zu denken! Zwei Frauen waren bereit, das Wagnis der Hoffnung einzugehen – im Wissen darum, dass sie am Ende den Kampf verlieren können. Das hat die größte Bewunderung verdient, zweifellos. Aber Bewunderung schafft Abstand. Und wir setzen uns zur Größe eines Menschen in ein schiefes Verhältnis, wenn wir diese seine Größe in weite Ferne rücken. Dann hat sie nämlich mit dem eigenen Leben – und dem unserer Mitmenschen – nichts mehr zu tun, weil es keine Gemeinsamkeit gibt jenen Empfindungen, die man so oft bei sich selbst wahrnimmt: entmutigende Verzagtheit und ängstliche Zögerlichkeit. Ob man selbst in der Lage wäre, diese im Fall des Falles zu überwinden, ist eine immer offene Frage. Denn tatsächlich ist der Mensch nicht zum Helden geboren. Die Griechen erkannten im Heroischen das Göttliche. Uns ist dieses Denken heute fremd. Wir sind durchaus zum Opfer bereit. Aber nicht um des Ruhmes willen. Wann und warum aber dann?

 

Dass es diese Opferbereitschaft in hohem Maße gibt, zeigt jeder Gang durch ein Krankenhaus, einen Kindergarten, ein Alten- oder Pflegeheim – und mehr noch als dort zeigt sich Opferbereitschaft im täglichen Umgang von Eltern mit ihren Kindern. Unsere ganze Gesellschaft – jede Gesellschaft – lebt von dieser Fähigkeit des Menschen, sich selbst hinter sich zu lassen, um sich auf das Leben anderer Menschen hin zu überschreiten. An dieser Frage nach der Bedeutung des Anderen im Selbstverständnis einer Gesellschaft macht, nebenbei gesagt, Jacob Taubes die Politische Theologie des Apostels Paulus fest: An die Stelle des Glaubens tritt am Ende das Schauen, schreibt Paulus im Brief an die Korinther, die Hoffnung wird erfüllt durch das Erkennen – nur die Liebe hört niemals auf. Warum? Weil, so Taubes, der Andere nötig ist, denn es geht gar nicht ohne ihn. Nie – in der Unvollkommenheit des Diesseits nicht und in der Vollkommenheit im Jenseits nicht – findet ein Mensch den Mittelpunkt in sich selbst. Das ist existenzieller gedacht als die aristotelische These vom animal sociale, und führt zu einem tieferen Verständnis vom Menschen als einem gesellschaftlichen Wesen.

Auch Tiere sammeln sich, wenn sie herkömmlich in geselligen Schwarm- oder Rudelformen leben, zum Schutz ihrer Artgenossen. Sie bauen vielfach eine gemeinsame Verteidigungslinie auf, sobald der Feind sie bedroht. Bei Fischen, Vögeln und Säugern kann man das manchmal beobachten. Sie rücken in der Not zusammen. Beim Menschen jedoch ist das anders: Er wird, wenn er sich entschließt, in ein brennendes Haus zu gehen, um einen Rollstuhlfahrer zu retten, zum Einzelgänger. Dann handelt er ganz auf eigene Rechnung, ohne begleitenden Schutz und ohne fremde Hilfe. Und so ist es immer, wenn ein Mensch sich entscheidet: Im Augenblick der Entscheidung ist er nur bei sich – und doch zugleich näher beim Anderen denn je. Wenn nun in der Einsamkeit seiner Entscheidung ein Mensch, ganz allein auf sich gestellt, einen Anderen in den Mittelpunkt des eigenen Blicks stellt, erfahren wir eine Ahnung von der Größe eines Menschen.

Diese Ahnung ist allerdings mehr als das Erlebnis einer Ausnahme. So wird das heute zwar gern gesehen, als eine spektakuläre, extraordinäre Attraktion. Diese Sichtweise ist verständlich. Eine Ausnahme rückt in weite Ferne zum Alltag. Sie ist eben eine Ausnahme – bewundernswert, aber entrückt, ohne Folgen für das Hier und Heute. Früher sagte man: Die Heiligen – also Menschen, deren Größe man verehrte – sind im Himmel. Nun sind aber für den Christen Himmel und Erde unzertrennlich miteinander verbunden, durch die Schöpfungstat Gottes wie durch die Erlösungstat seines Sohnes. Mithin kann ein Christ schon gar nicht glauben, dass in unerreichbare Ferne entrückt ist, was wir als die Größe eines Menschen ausmachen. Denn die ist für den Christen die Fähigkeit, die einen Menschen zum Menschen macht. Und deshalb muss man die Sache anders beschreiben, als dies wenige Zeilen zuvor geschehen ist, und richtigstellen: Wenn in der Einsamkeit seiner Entscheidung ein Mensch, ganz allein auf sich gestellt, einen Anderen in den Mittelpunkt des eigenen Blicks stellt, erfahren wir eine Ahnung von der Größe nicht nur dieses einen Menschen, sondern des Menschen schlechthin. Gilt das nur für Christen? Mitnichten. Denn jene im Judentum entwickelte und vom Christentum übernommene paradoxale Anthropologie, die im Menschen den Erhabenen – und zugleich den Gefallenen – sieht, hat unser abendländisches Denken in zwei Jahrtausenden geprägt. Zwischen seiner Größe und seinem Elend schillert unser Bild vom Menschen, gefangen in Schuld und geboren aus Gott. Das ist der Mensch.

Jedenfalls ist er das aus christlicher Perspektive. Nun haben es Christen vielleicht leichter, groß über den Menschen zu denken, als dies Menschen tun können, die sich dem Christentum nicht verbunden fühlen. Wer klein über den Menschen denkt, ihn vielleicht gar nur als einen Störfall in der Schöpfung betrachtet, muss allerdings ins Stolpern kommen, wenn er Meldungen wie die beiden anfangs erwähnten liest. Die Größe der beiden ums Leben gekommenen Frauen steht uns lebhaft vor Augen, wenn wir die erschütternde Nachricht über ihren Tod lesen. Diese Größe erwächst aus den Beweggründen für das von ihnen eingegangene Wagnis. Und welcher andere Beweggrund dieses Wagnisses kann in Frage kommen außer eben dem, dass nämlich beide Frauen groß – sehr groß – über den Menschen gedacht haben? Ist es nicht eigentlich diese – vielen von uns fremd gewordene – Denkweise, die den Kern unserer Bewunderung ausmacht?

Gemeint ist damit jene Hochgemutheit, die den Menschen an die Größe seiner Berufung glauben lässt. Das Wort erscheint uns so altertümlich wie die Überzeugung, die es zum Ausdruck bringt. Denn im Widerspruch zu dieser magnanimitas ist in der Neuzeit ein Hass des Menschen gegen seine eigene Größe erwachsen. Joseph Ratzinger hat über diese Entwicklung vor vielen Jahren in einer Josef Pieper gewidmeten Schrift – „Glaube, Hoffnung, Liebe“ – nachgedacht und schrieb: Der Mensch der Gegenwart sieht sich nicht selten als einen Feind des Lebens, des Gleichgewichts der Schöpfung, als den großen Störenfried, den es besser gar nicht gäbe, kurz: als ein missratenes Geschöpf – und endet in Selbstverneinung und Selbstzerstörung. Dagegen steht die magnanimitas, der Glaube an die Größe seiner Erwählung. Dieser Glaube ist dem neuzeitlichen Menschen zu einer lästigen, unerwünschten Störung geworden – vielleicht deshalb, weil er sich von ihr überfordert fühlt. Während er sich gegen seine Größe auflehnt und seine Erwählung als Traumgespinst abtut, liebäugelt er mit seiner Selbsterschaffung, getragen von der Erwartung, es gehe ihm das Leben leichter von der Hand, wenn er sich als seinen eigenen Schöpfer begreifen lernt. Er will selbst das Maß seiner Lebensgestaltung festsetzen können, statt an der Größe seiner Berufung Maß zu nehmen. Ratzinger schlussfolgert: Eine Gesellschaft, die das Eigentliche des Menschen in der Öffentlichkeit nicht mehr zur Sprache bringt, wird ihrem Wesen nach traurig, ja, sie wird zu einem Ort der Verzweiflung.

Diese Traurigkeit ist längst zu einer Alltagsstimmung in unseren Gesellschaften geworden. Verzweiflung tritt vielfach an die Stelle der Hoffnung. Da macht es einen guten Sinn, wenn das Kinderhospiz „Die Muschel“ in Bad Segeberg – ganz gegen diese Hoffnungslosigkeit – ein Wort von Václav Havel zu seinem Wahlspruch gemacht hat: „Hoffnung ist nicht Optimismus, ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“ Wer groß vom Menschen denkt, wird nicht umhin kommen, sich mit diesem Satz anzufreunden: Der Sinn des Lebens steht außer Frage, wie immer die Sache ausgeht. Wie schwer fällt es uns, das zu glauben! Wo heute über den Menschen berichtet wird, vom Völkermord im großen Stil bis zum Gewaltverbrechen auf offener Straße, stehen meist seine entgleisten Gesichtszüge im Vordergrund – und die Botschaft zwischen den Zeilen lautet dabei: Wie soll man angesichts dieser Verhöhnung von seinesgleichen hochgemut vom Menschen denken, der uns doch so unglaublich oft als Unmensch und Verfolger seiner Opfer begegnet? Ist ein solches Denken nicht ein frommes Märchen zur Erbauung eines in Wahrheit tatsächlich missratenen Geschöpfes?

Die beiden Frauen, von denen anfangs die Rede war, haben in aller Öffentlichkeit zur Sprache gebracht, wie triftig es ist, groß über den Menschen zu denken. Sie haben das in einer doppelten Weise getan: Indem sie nämlich mit ihren Entscheidungen von der Größe des Menschen ein erschütterndes Zeugnis gaben, haben sie uns am Beispiel ihres eigenen Lebens vor Augen geführt, welche Kraft diese Überzeugung zu geben und welche Wirkung sie zu begründen vermag. Die Fähigkeit, einen Schritt in die Unendlichkeit der Größe seiner Bestimmung zu tun, begleitet das Leben des Menschen Stunde um Stunde, in kleinen wie in großen Dingen – wie Pascal es sagt: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen.“ Und hier ist der Punkt, an dem die Fragen an uns einsetzen. Die Frage zum Beispiel, wie dieses Denken, das dem Leben des Behinderten einen solchen Wert beimisst, dass man für seine Rettung das eigene Leben aufs Spiel setzt, vereinbar ist mit jenem ganz anderen Denken, nach dem die Angst vor der möglichen Behinderung eines Menschen den Anlass gibt, dessen noch ungeborenes Leben auszulöschen? Man muss nicht lange nachdenken, um festzustellen: Vereinbaren lassen sich beide Denkweisen nicht. Um an diesem Widerspruch nicht zu zerbrechen, hat sich unsere Gesellschaft darauf verständigt, diese so ganz verschiedenen Denkweisen zu individualisieren, damit sie nebeneinander bestehen können, obwohl sie eine für das ganze gesellschaftliche Zusammenleben so wichtige Frage wie die nach der Bedeutung des Lebens betrifft, also auf den Kern des Selbstverständnisses einer Gesellschaft zielt.

Es sei, so wird heute gesagt, nicht jedermanns Sache, in der Beantwortung der Frage nach dem Menschen und seinem Leben den letzten Bezugspunkt der Ordnung unseres Zusammenlebens zu sehen. In der Vielfältigkeit unserer Welt müsse jeder für sich selbst entscheiden, ob er nun klein oder groß vom Menschen zu denken gedenke. Mal stehe uns sein Elend vor Augen, wenn wir an den Massenmord auf der Insel Ut?ya im vergangenen Jahr denken, ein andermal seine Größe, wenn wir uns an den Mut der in der vergangenen Woche ums Leben gekommenen Frauen erinnern. Und, so wird vor allem von Politikern gerne hinzugefügt, eine Gesellschaft sei nun einmal kein philosophisches Seminar, in dem allein die Schlüssigkeit im Denken allererst den Anspruch auf Geltung untermauern könne.

Dieses Verständnis von Pluralismus, das sich in Genügsamkeit und Einfalt wiederfindet, verkennt dabei allerdings, was den Theoretikern des Pluralismus immer und von Anfang an klar vor Augen stand: der Pluralismus bedarf eines festen Fluchtpunktes, von dem aus seine Perspektive entworfen wird. Und dieser Fluchtpunkt sind nicht die in unserem Land inzwischen zu Tode gerittenen Werte, sondern dieser Fluchtpunkt findet sich in jenem Begriff des Lebens, den unsere Verfassung in ihre Überschrift setzt, wenn sie von der unantastbaren Würde spricht, die Bestimmungsgrund aller staatlichen Gewalt sein müsse.

Die Deutung der Paradoxie dieses Satzes birgt einen bis heute nicht gehobenen Schatz: Sie führt zur Überwindung des modernen metaphysischen Pessimismus, der in der Sinnleere den einzig möglichen Sinngehalt vermutet. Seit dem Beginn der Neuzeit hat eine tiefe Trauer das Denken ergriffen. Es gibt gute Gründe, wieder hochgemut – also groß – vom Menschen denken zu lernen.